Natürlich hatte ich den Mund zu voll genommen. Verpassensangst könne man aushalten, schrieb ich ja noch an Tag eins dieses Tagebuchs. Pah! Jetzt stand ich hier mit der Liste im Kopf von Dingen, die ich alle nicht gesehen hatte. Schrieb Entschuldigungen in Gedanken und per Direct Message. Die Polish-Modernism-Ausstellung im Torre Velasca, die Osvaldo-Borsani-Wohnung, vor der immer die meisten Leute anstanden. Ich hatte die Kartonhocker von Illya Goldman Gubin nicht gesehen. Hatte nicht James Blake gehört, nicht zu Honey Dijon getanzt. War das erste Mal überhaupt nicht auf der Messe gewesen, wo es in diesem Jahr einen neuen Bereich gab, den Salone Raritas für Sammlerstücke, Limited Editions und Antiquitäten – hätte mich schon interessiert. So wie der Nachwuchsbereich SaloneSatellite. Jede Einladungs-Mail, die mit "Dear Laura" begann, und war sie noch so generisch, machte mir ein schlechtes Gewissen. Es war geradezu lächerlich.
Also hielt ich das Gesicht in die Mailänder Sonne und überlegte, was ich alles geschafft hatte: Zum Beispiel, keinen Cappuccino nach 12 Uhr zu bestellen. Oder Fast Fashion zu meiden. Zara hat sich nämlich das Crosby Studio von Harry Nuriev eingekauft und H&M die US-Designerin Kelly Wearstler. Alles nicht gesehen. Dafür habe ich nette Kolleginnen getroffen, neue Menschen kennengelernt. Ich hatte keinen unüberwindbaren Kater, habe fantastisch gegessen, und sogar, ab und an E-Mails beantwortet. Das The Thing Magazine hat mich zur bestangezogenen Designjournalistin gekürt, und ich habe trotzdem keinen Trend vorhergesagt.
Wobei einen Einrichtungstrend könnte ich jetzt hier schon verraten: Bücher. Auffällig viele Ausstellungen schmückten sich mit Büchern. Jil Sander zum Beispiel. Für die Design-Week-Installation der Modemarke spielten Bücher die Hauptrolle. Ein großer Raum, an der Stirn eine Spiegelwand, davor viele Stehpulte mit Büchern. Bisschen prätentiös fand ich das, aber ich will auch nicht zu kritisch sein, Bücher sind ja sehr wichtig.
Alles sieht gut aus mit Büchern
Auch die neue Einrichtungsboutique RH Milan schmückt sich mit ihnen. In der Lobby des Palazzos gibt es eine Architektur- und Designbibliothek mit seltenen Büchern, zum Beispiel der ersten illustrierten Ausgabe von Vitruvs Büchern über die Architektur, "De architectura", aus dem Jahr 1511.
Und noch mehr Bücher gab es in der Ausstellung "a moment of absence", die von Adrian Klewe, Matthias Reinirkens, Alima Wassermann und Ole Mueller kuratiert wurde. Die hatten Bücher und Magazine nach Mailand gefahren, um die Ausstellungsinszenierung zu ergänzen, und einen Raum zu schaffen, in dem Arbeiten von jungen Designern gezeigt wurden. Etwa der Kerzenhalter von Heiko Bauer, dessen Rußmuster mir so gut gefiel. Oder die Hantel "Weights of a (Girl)boss" von Maresa Mayr. Und es gab noch so viel mehr: Die Arsch-Lampe – oder ist es ein weibliches Geschlecht? – von Gregor Jahner; Laura Sattin, die mit Glas arbeitet; oder Lukas Henneberger, der einen Kerzenständer aus roter Keramik gemacht hat, der wie ein Knallplättchen aus der Spielzeugpistole aussieht. Hier stellte sich das schöne Entdecken ein, das Mailand doch eigentlich ausmacht. Ole Mueller, der die Ausstellung mitkuratiert hat und der zusammen mit anderen im August zum ersten Mal die Dresden Design Days veranstaltet, zeigte mir dann noch ein Foto auf seinem Handy, das – wie sagt man so schön – zum Nachdenken anregt. Gedankenmüll vom großen Möbelhaus Ikea.
Neben noch mehr Büchern als Ausstellungsdeko gab es viel zu entdecken bei "a moment of absence": hier der Kerzenhalter von Heiko Bauer mit Rußmuster
Und damit im Kopf versuchte ich, Nick Geipel zu finden, den Produktdesigner von der Kunsthochschule Weißensee, der nämlich in Mailand dieses Jahr an wechselnden Orten zeigt – was mich so sehr überforderte, dass es fast therapeutisch wirkte, für mein Ziel, endlich loszulassen. Was soll ich sagen: Ich schaffte es weder loszulassen noch zu der Tür, die mal hier, mal da aufgestellt wurde und einige Türknopf-Entwürfe darbot. Aber ich ließ mir ein Foto schicken, denn diesen gemeinen Türöffner von Geipel finde ich nicht nur sehr gut, ich möchte anhand des Ausstellungskonzepts auch erzählen, dass es für viele Gestalter immer schwieriger zu finanzieren ist, ihre Arbeit in Mailand auszustellen.
Designer Nick Geipel präsentierte seine Türöffner-Entwürfe an Türen, die mal hier und mal dort in Mailand aufgestellt wurden
Deswegen muss man entweder auf DIY setzen oder auf Unterstützung. Die bekam Sam Chermayeff, Architekt und Designer mit Sitz in Berlin. Der stellte seinen neuen Tisch nämlich in der Wohnung des Architekten Paolo Tamburelli aus. Es ist ein Metalltisch mit einem dicken Bein und drei dünnen, der mit Linoleum beschichtet ist. Und auch wenn ich in dieser Woche den Satz "Ich kann kein Metall mehr sehen" hörte, ich kann es irgendwie erstaunlicherweise immer noch.
Architekt und Designer Sam Chermayeff zeigte seinen neuen Tisch in der Wohnung des Architekten Paolo Tamburelli
Davon gab es eine Menge bei Deoron, wohin ich es dann mit richtiger Adresse endlich schaffte. Deoron ist eine Design- und Lifestyle-Plattform, gegründet von Alberto Pallaoro, und die ist so zeitgeistig, dass man hier Listening Sessions auf dem Teppichboden abhält, Grasgrinder in Macaron-Form sieht (vom Kreativstudio Sucuk und Bratwurst) und eben jede Menge Edelstahl. Zum Beispiel das modulare Möbelsystem Stack vom belgischen Studio MOTO – ja, Designer haben ein Ding mit Groß- und Kleinschreibung am Laufen. Wie die Teile gesteckt werden, sieht befriedigend einfach aus, oder?
Viel Edelstahl bei Deoron: wie das modulare Möbelsystem Stack vom belgischen Studio MOTO
Überhaupt nicht edelstahlig, sondern super kuschelig ist der Tisch, den Objekte unserer Tage vorstellten. Der untere Teil der Holztischplatte und der Fuß sind nämlich mit Samtstoff bespannt. Und es ist wirklich interessant, wie man ein Möbel neu empfinden kann. Wo früher einfach nur Kaugummis und Popel hingeschmiert wurden, kann man sich nun sensorisch erlaben. Das Tischgespräch stockt? Social Anxiety kickt rein? Dann bitte einfach die Hand unter den Tisch und sich beruhigen, indem man den weichen Samt streichelt.
Und dann habe ich noch etwas Tolles gesehen: das brutalistisch inspirierte DJ-Pult vom Yont Studio und die Lautsprecher von New Fidelity dahinter. Das ist zugegeben ziemlich special interest, aber wenn man mal in einer hohen Kirche wohnt und keine Lust mehr hat, mit seinen Partygästen zu sprechen, dann könnte man hier auflegen. Man muss ja Ziele haben im Leben.
Geht nur mit hohen Decken: das DJ-Pult von Yont Studio und die Lautsprecher von New Fidelity
Jetzt ist es gleich vorbei. Das Tagebuch, die Reise. Ich warne an dieser Stelle nur kurz vor, falls jemandem die Abschiede aus Italien auch so schwer fallen wie mir. Noch ein letztes Mal gehe ich in die Bar Basso – für Leute, die diese Bar nicht kennen: Da trifft man sich nachts und trinkt Negroni Sbagliato bis man um circa 4 Uhr früh vom Gehsteig gekärchert wird. Junge Designerinnen und Designer müssten sich da die Nacht um die Ohren hauen, heißt es, um ihre Idole zu treffen. Ich rate den Frauen, wenn man davor steht, sich nicht links von der Bar aufzuhalten, das scheint der Abschlepp-Spot zu sein. Kann bisschen anstrengend werden. Rechts trifft man jedenfalls nette Designer und Kolleginnen. Den Nachmittag hatte Thilo Reich sich einen Tisch reserviert. Und dafür seinen eigenen mitgebracht. Sehr schlaue Präsentation einer schönen Arbeit. Er war vor wenigen Monaten nämlich vor Ort gewesen, hatte das Muster des Bodens abgenommen, die kleinen Löcher, die die Stuhlbeine der Bistrotische machen und diese Oberfläche hat er zu Tischplatte und Stuhlplanken werden lassen. Da sitzen wir, bevor es zur letzten Station geht.
Aperitivo auf einem Tisch von Thilo Reich
Die letzte Station war Comune, eine Gruppenausstellung, kuratiert von Lexavala, Dérive und The Good Living & Co. Hier wird unabhängiges Design gezeigt und vielleicht hat es der eine oder die andere schon gemerkt, das interessiert mich eigentlich am meisten. Am Abend zuvor hatte es hier eine Party gegeben, von der man auf dem rosa Teppich erstaunlich wenig Spuren sah. Stattdessen zum Beispiel einen Stuhl vom Berliner Casper Fischer, der Metall mit zartem Rosa zusammenführt und etwas poetisch Techhaftes hat. Außerdem einer von Philippe Bietenholz, der sich vermutlich für ADHS-ler besonders gut eignet, weil seine geschlängelte Form so gut wippt. Bitte einfach mal bei Instagram nach comune.obj suchen.
Gut zum Wippen: Der Stuhl von Philippe Bietenholz
Ciao und a presto
Denn jetzt hebt der Flieger gleich ab. Das war Mailand 2026. Wollen wir einen Strich drunter machen? Mal versuchen: So ziemlich alle, mit denen ich sprach, fanden es in diesem Jahr eher energieraubend als inspirationsgebend. Und ich würde behaupten, das liegt an der Diskrepanz zwischen der Krise, die so viele spüren und den hyperproduzierten Installationen. Denn die wirken wie das angestrengte Dauerlächeln auf einer Misswahl, deren Teilnehmerinnen etwas zu viel vom Selbstbräuner genascht haben. Aber ich werde hier nicht negativ enden. Sage lieb Danke für die Visitenkarten und den Champagner und rufe für den Salone 2027 einfach folgendes Motto aus: Weniger ist mehr.