Strick-Virtuose Sam Barsky

"Die Welt hat mich überzeugt, dass meine Pullover Kunst sind"

Warum Orte nur fotografieren, wenn man sie auch tragen kann? Sam Barsky macht seine Reisen zu Pullovern – und ist damit auf Instagram zur Kultfigur geworden. Wir haben mit dem Strick-Enthusiasten gesprochen, der es ins Museum geschafft hat

Der Instagram-Feed von Sam Barsky liest sich wie ein Best-of von US-amerikanischen Motiven: Pullover mit U-Bahnen und Straßenkreuzungen, Wüsten, Hochhäusern und Eislaufbahnen, mit Feiertagen und der eigenen Hochzeit, mit Aquarien, Zoos, Las Vegas und New York – generische ebenso wie hochgradig konkrete Bilder. Die ersten Fotografien entstanden bereits in den frühen 2000er-Jahren.

Das neueste Exemplar trägt der Strickkünstler zum Gespräch, es zeigt eine Metro-Station in Washington, D.C. Das Interview findet am Martin Luther King Jr. Day am 19. Januar statt; Barsky erwähnt beiläufig, dass er für den Gedenktag für den afroamerikanischen Bürgerrechtler bereits den passenden Pullover vorbereitet hat.


Sam Barsky, in Ihrem Jahresrückblick 2025 auf Instagram haben Sie Ihre selbstgestrickten Pullover gezeigt, die vergangenes Jahr entstanden sind – darunter die Metro-Station in Washington D.C., die Mitchell Park Domes in Milwaukee und eine Disko. Was steht 2026 an?

Aktuell arbeite ich an einem Pullover, der den Ort Harpers Ferry in West Virginia zeigt – der nächstgelegene Bundesstaat, aus dem ich noch nichts gemacht habe.

Wie gehen Sie Ihre Motive an? Sie nutzen ja keine Vorlagen?

Genau, ich nutze keine Muster. Ich stricke einfach freihändig. Der ersten Pullover mit meinem eigenen Design war eine überdachte Brücke.

Diese Art von Brücken haben wir in Europa gar nicht, aber in den USA sind sie sehr geläufig. Man erkennt sie gleich als US-Wahrzeichen.

Ja, es ist einfacher für mich, amerikanische Wahrzeichen zu stricken. Aber der Eiffelturm, die Tower Bridge und Stonehenge haben es auch schon auf Pullover geschafft. Es ist schwieriger für mich, nach Europa zu kommen.

Deshalb fotografieren Sie auch manchmal in Las Vegas, vor dem nachgemachten Eiffelturm zum Beispiel. Gibt es Pläne, nach Europa zu kommen?

Das würde ich sehr gern. Aber es kostet so viel mehr, nach Europa zu reisen, als in den USA unterwegs zu sein. Und das hier ist nun mal mein Lebensunterhalt. Wenn mich jemand für einen bestimmten Anlass einlädt, könnte ich das tun. Das letzte Mal in Europa war ich 2019, in Venedig. Es gibt viele Orte in Europa, die ich gern stricken und auch bereisen würde. 

 

Planen Sie Ihre Reisen passend zu den Pullovern, oder stricken Sie Pullover passend zu Orten, die Sie besuchen wollen?

Es geht ein bisschen in beide Richtungen. Manchmal entdecke ich eine Sehenswürdigkeit oder einen Ort und denke: "Das würde einen tollen Pullover ergeben!" Dann stehe ich vor der Herausforderung, genau dort irgendwann nochmal hinzukommen. Mittlerweile gehe ich sehr akribisch vor: Ich fertige für jeden Ort, an den ich reise, mindestens einen Pullover an.

Sind ländliche oder urbane Gegenden interessanter?

Ich mag beides: Architektur und schöne Landschaften.

Hat sich Ihre Arbeit verändert, als Sie beschlossen haben, Ihre Pullover-Fotografien auf Instagram zu teilen?

Ich war schon lange bei Facebook. Irgendwann sagte mir eine Bekannte, die ich von einem Woll-Festival kenne, dass sie nur via Instagram erreichbar sei. Also habe ich mir dort ein Profil angelegt. Als dann beide Plattformen zusammengelegt wurden, habe ich begonnen, jeden Tag auf Instagram zu posten. Es ist wirklich praktisch, so kann ich meine Arbeit mit viel mehr Leuten teilen. Social Media generell hat natürlich seine Vor- und Nachteile. Aber gleichzeitig gibt es einige Dinge, die ich ohne die Existenz von Social Media nicht hätte erreichen können.

Auf Instagram erfährt man auch: Sie gehen gern auf Stricknächte, geben Workshops oder fahren mit Ihrer Strickgruppe ins Museum. Das Gemeinschaftliche ist Ihnen also wichtig?

Ja. Ich bin gern unter Menschen. Ich gehe jede Woche zu Stricktreffen – es gibt zehn Gruppen hier in meinem Umfeld, und ich verbringe viel Zeit damit, von A nach B zu fahren und dort mit meinen Freunden zu stricken. Aber das ist es wert.

Inzwischen haben sie über 220.000 Follower. Und auch viele Anfragen für Pullover – warum lehnen Sie die ab? 

Es kostet mich so viel Zeit, meine Pullover zu stricken. Es wäre nicht sehr praktisch, sie zu verkaufen. Ich kann keine menschliche Pulloverfabrik werden. Aber es gibt ein Unternehmen in Las Vegas, mit dem ich seit einigen Jahren zusammenarbeite. Sie drucken alle möglichen Dinge auf T-Shirts, dort kann man inzwischen mehrere Dutzend Motive meiner Pullover kaufen.

Das passt ganz gut, auch die sind oft kurzärmelig. 

So kann ich sie das ganze Jahr über tragen. Kurze Ärmel sind ziemlich bequem, auch im Winter. Ich habe das schon bei anderen gesehen. Erst war es ein Experiment, inzwischen ist rund ein Drittel meiner Pullover kurzärmelig.

Neben Sehenswürdigkeiten gibt es noch eine andere Kategorie von Pullovern in Ihrem Repertoire. Eine Art Pendant zum "Ugly Christmas Sweater" – auch, wenn Sie den Begriff nicht mögen …

Das hat gar nichts mit Religion zu tun. Ich finde, dass Weihnachtspullis wunderschön sind. Sie sind oft sehr künstlerisch gestaltet, aufwändig gemacht. Ich halte sehr viel von ihnen. Deshalb mag ich den Begriff ugly nicht. Ich finde, es sind echte Kunstwerke. 

Für sich selbst und auch Ihre Ehefrau haben Sie eine ganze Reihe an Exemplaren angefertigt, die sich auf jüdische Feiertage beziehen: Chanukka, Rosch ha-Schana

Ja, das hatte natürlich mit meiner Religion zu tun: Ich wollte für jeden meiner Feiertage etwas zum Anziehen haben. Gleichzeitig schätze ich religiöse wie auch säkulare Feiertage. Ich habe einen Valentinstags-Sweater, einen Groundhog-Day-Sweater – den feiert man hier in Nordamerika. Auch für den Martin Luther King Jr. Day habe ich einen Pullover:

Spielt die Frage für Sie eine Rolle, ob das, was Sie tun, Kunst ist oder nicht?

Als ich damit angefangen habe, habe ich darüber nicht wirklich nachgedacht. Damals kümmerte ich mich um eine ältere ehemalige Schuldirektorin. Sie war die Erste, die zu mir sagte: Das, was du da machst, ist Kunst. Danach sagten es noch einige andere. 2004, kurz nachdem ich geheiratet hatte, zeigte erstmals ein Kunstmuseum meine Pullover. Seitdem waren sie in einer ganzen Reihe weiterer Museen zu sehen – darunter auch im Smithsonian, wo ein Exemplar heute Teil der Gruppenausstellung "State Fairs" ist.

Heute sehen Sie Ihre Pullover also als Kunst?

Ja. Die Welt hat mich schließlich davon überzeugt.