Sammlung Grässlin im Schwarzwald

Provokation als Kunstgeschichte

Einblick in eine Szene, die einst für Furore sorgte: Die Sammlung Grässlin im Schwarzwald präsentiert eine kraftvolle Ausstellung mit provokanter Kunst aus Köln der 1980er-Jahre. Doch heute werden ganz andere Kämpfe geschlagen

Eiskalt blicken sie drein. Die fünf mit Sturmgewehren bewaffneten jungen Frauen scheinen auf den richtigen Augenblick zu lauern, um loszuschlagen. "The Good, The Bad and the Ugly" nannte Hans-Jörg Mayer seine 1991 entstandene Schwarzweiß-Fotografie in Anlehnung an einen legendären Western. Die im Guerilla-Chic porträtierten fünf Frauen sollten in den Folgejahren vom damaligen Kraftzentrum Köln aus die Kunstwelt erobern.

Charline von Heyl, Michaela Eichwald, Jutta Koether, Cosima von Bonin und Isabelle Graw reüssierten als Künstlerinnen und Kunsttheoretikerinnen. "Das war das erste Mal, dass Frauen maßgeblich das Kunstgeschehen bestimmt haben", sagt Karola Kraus, Direktorin des Wiener Mumok, bei der Führung durch die neue Ausstellung der Sammlung Grässlin im Schwarzwaldstädtchen St. Georgen.

"Toughe Frauen", kommentiert sie Mayers Foto. Das ließe sich auch über Karola Kraus und ihre beiden Schwestern, die Galeristin Bärbel Grässlin und die ehemalige Restaurantbetreiberin Sabine Grässlin, sagen. Zusammen betreuen sie die von ihren inzwischen verstorbenen Eltern Dieter und Anna Grässlin in den 1970er-Jahren angelegte Kunstsammlung. Und so erscheint es folgerichtig, dass der Ausstellungsrundgang in dem mehrfach baulich erweiterten Elternhaus beginnt. 

Hardliner der 80er

Am Hauseingang grüßt ein Schild mit dem Schriftzug "Mutteria**". "Meine Mutter hat sich beschwert, dass sie nur zwei Sterne von Georg Herold bekommen hat", sagt Bärbel Grässlin über die Arbeit des 1947 geborenen Kölner Künstlers. "Sie ist eine sehr gute Köchin gewesen – und hat eigentlich vier Sterne verdient." Das Schild sei aber nun mal eine bestehende Arbeit gewesen. Der ebenso wie Reinhard Mucha und weitere Künstler der Sammlung nach St. Georgen gereiste Georg Herold nimmt es gelassen.

Überhaupt wird der Rundgang mit vielen Anekdoten garniert. Im Mittelpunkt der nach Albert Oehlens Arbeit "Im Land der Motive brennt kein Licht mehr" (1998/2025) benannten Schau stehen, so Karola Kraus, "die Hardliner unserer 1980er-Jahre-Sammlung". Neben Herold, Mucha und Oehlen sind das auch Werner Büttner und Martin Kippenberger – eine zwischen Hamburg, Düsseldorf und Köln sozialisierte bundesrepublikanische Künstlergeneration, die alte Westkunstwelt.

Und so schwärmt Karola Kraus von ihrer Jugend, als Martin Kippenberger zeitweise in St. Georgen lebte und sie den Oberstufenunterricht zugunsten von Café-Begegnungen mit "Kippy" schwänzte. Dass insbesondere Kippenberger, aber auch Herold, Oehlen und Büttner, in ihrer Kunst nicht vor pubertärer Provokationslust, rotzigen Gesten und antiintellektuellem Kneipenwitz zurückschreckten, ist auch Kraus nicht entgangen. "Im Mumok könnte man diese Ausstellung heute nicht zeigen", sagt die im kommenden Herbst ausscheidende Museumsdirektorin.

Tabubrüche

Die Künstler hätten damals Tabubrüche begangen. Ihnen sei Menschenfeindlichkeit, Antisemitismus, Homophobie und Misogynie vorgeworfen worden, sagt Karola Kraus – und nimmt die Kippy-Kohorte ausdrücklich in Schutz: "Sie sind keine Antisemiten, keine Frauenfeinde, keine Schwulenfeinde gewesen." Vielmehr hätten diese Künstler der Gesellschaft den Spiegel vorgehalten. "Wir stehen zu unserer Sammlung", betont Kraus. 

Die Themen, die in den 80ern angesprochen wurden, seien aktueller denn je. Tatsächlich begegnet man im Grässlinschen Elternhaus und in den Ausstellungsräumen im Stadtzentrum vielen Arbeiten, die Echos militärischer, politischer und sexueller Gewalt in sich tragen - wie Günthers großformatige Aufnahme des faschistischen Palazzo Della Civilta Italiana in Rom.

Eindeutige politische Positionierungen sucht man in St. Georgen aber vergebens. Stattdessen herrscht ein anarchisch-augenzwinkernder Ton vor: Kippenberger ist eben nicht Immendorff. Aber Kippenberger ist längst tot. Heute werden andere Kämpfe geschlagen. Und die toughe Kölner Künstlerinnenguerilla ist Kunstgeschichte.