10 Jahre Sammlung Philara

Chaos braucht keinen White Cube

Gil Bronner hat aus seiner Sammelleidenschaft ein Kunsthaus gemacht. Seine Sammlung Philara umfasst mehr als 2000 Werke. Jetzt feiert er in Düsseldorf ihr zehnjähriges Bestehen mit "House of Balagan" – einem Haus des schönen Durcheinanders

Die Birkenstraße im Stadtteil Flingern ist längst die zentrale Anlaufstelle für zeitgenössische Kunst in Düsseldorf, mit Galerien und Off-Spaces wie Basedonart, Van Horn, Rupert Pfab, Kadel Willborn oder Konrad Fischer. An der öffentlich zugänglichen Sammlung Philara führt hier kein Weg vorbei. Neben bislang 35 wechselnden Ausstellungen gibt es dort außerdem Konzerte, Performances, Lesungen und Talks. 

Am Anfang stand in den 1990ern die Sammelmanie des Immobilienentwicklers Gil Bronner, der aus einer Sammlerfamilie stammt. Mit der Zeit wuchs die gemeinsam mit seiner Frau Anat Bronner entwickelte Sammlung, in der man auf Arbeiten von Andreas Gursky, Gerhard Richter, Katharina Sieverding, Hito Steyerl oder Thomas Ruff ebenso trifft wie auf internationale Positionen von Rashid Johnson, Ugo Rondinone, Eduardo Chillida oder Alexander Calder.

Erste Ausstellungen organisierte Bronner bereits 2008 in einer ehemaligen Leitz-Fabrik in Düsseldorf-Reisholz. Mit dem Erwerb und Umbau der ehemaligen Glaserei Lennarz in Flingern und der Eröffnung im Jahr 2016 wagte er den nächsten Schritt in Richtung musealem Sammlungsbetrieb, inklusive hoher Hallen mit fast zehn Metern Deckenhöhe, Tageslicht und roher Industriematerialien. 

Fokus auf das Rheinland und Leipzig

Heute beweist die Sammlung Philara auf rund 1700 Quadratmetern mit einem interdisziplinären Programm, dass sich die Investition gelohnt hat. Sie verbindet leichtfüßig junge Positionen mit berühmten Namen. Die Ausstellungen verhandeln kuratorische Ideen oder Themen, die sich aus dem Ort ergeben, wie etwa im Fall von "Melting Sands", einer Ausstellung zu Glas in der Kunst, die von der Geschichte des Gebäudes inspiriert war. Zu den Stärken des Hauses gehörten bisher auch Kooperationen mit der Kunstakademie oder der Foto-Biennale Düsseldorf Photo+.

Zum zehnjährigen Bestehen spiegelt sich nun in der Jubiläumsausstellung mit mehr als 100 Arbeiten von 80 Künstlerinnen und Künstlern der Fokus auf die Kunstszene des Rheinlandes und die Kunstakademie, aber auch auf Bronners Leipziger Zeit mit Werken von Neo Rauch und dessen Frau Rosa Loy. Das Spektrum reicht von leisen und politischen Arbeiten bis zu spektakulären Setzungen. Das Sammelsurium an Stilen und die mediale Vielfalt auf den üppig bestückten Etagen des Anti-White-Cube sind Programm – nicht ohne Grund steckt im Ausstellungstitel das hebräisch-russische Wort "Balagan", das Durcheinander oder Chaos bedeutet. 

Dazu passen wilde Konstellationen, wenn etwa großformatige Installationen auf intime Papierzeichnungen treffen oder Christoph Westermeiers Fotografien Einblicke in die Privatwohnung von Gil und Anat Bronner sowie in das Zuhause seiner Eltern erlauben. Flankiert wird der Parcours durch Werke der sammelnden Bronner-Kinder und der Eltern, auf deren Konto etwa ein Gemälde von Georg Baselitz geht. Ein Generationenkaleidoskop, das sich hier und da als eine beflügelnde Erkenntnismethode entpuppt – und als ein so verspieltes wie gut informiertes Statement, das nach Fortsetzung schreit.