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Götter im Dornröschenschlaf

Sanierung des Pergamonmuseums

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Am 17. November öffnet das lang erwartete Ausweichquartier für das Pergamonmuseum. Aber was ist eigentlich mit der Sanierung des Stammhauses? Die Deutsche Presse-Agentur konnte die Baustelle exklusiv besichtigen

Der Pergamonaltar gilt vielen Forschern als achtes Weltwunder der Antike. Jahr für Jahr kamen weit mehr als eine Million Menschen auf die Berliner Museumsinsel, um das einzigartige Kunstwerk aus der griechischen Metropole in Kleinasien zu besichtigen.

Doch seit mehr als vier Jahren ist der über 30 mal 30 Meter große Steinkoloss mit dem legendären Gigantenfries hinter einer undurchdringlichen Schutzwand verschwunden. Das eigens dafür gebaute Pergamonmuseum, Berlins größtes und beliebtestes Museum, wird erstmals seit seiner Eröffnung 1930 von Grund auf saniert. Schon früh gab es Schlagzeilen wegen explodierender Kosten, alles dauert länger als geplant.

Der ehrwürdige Altarsaal gleicht inzwischen einem Gerüstwald. 18 Meter hoch ragen zahllose Stahlstützen bis unter die Decke, mit Streben und Kreuzrippen vernetzt wie der Innenraum einer gotischen Kirche. Sie halten eine Schwerlastebene, von der aus derzeit die marode Lichtdecke erneuert wird.

"Das Revolutionäre am Pergamonmuseum war einst, dass die Besucher die antike Architektur hier authentisch erleben konnten, in Originalgröße und mit Tageslicht", sagt Gesamtprojektleiter Frank Röger vom Bundesamt für Raumordnung und Bauwesen, der über die Mammutbaustelle führt. "Diese Inszenierung hat den Weltruhm des Museums begründet. Das wollen wir erhalten."

Der mehr als 2000 Jahre alte Altar war Ende des 19. Jahrhunderts bei Ausgrabungen nahe der Westküste der heutigen Türkei entdeckt worden. Deutsche Forscher konnten fast alle wertvollen Friesplatten bergen, wenn auch in Tausende Einzelteile zerborsten. Die osmanische Seite sprach den Schatz den Berliner Museen zu, die ihn zumindest "nicht fühllos" dem Mutterboden entrissen, wie der damalige Museumsdirektor Alexander Conze notierte.

Sein Nachfolger Theodor Wiegand (1864-1936) ließ zur Präsentation der Prunkstücke einen Teil des Säulenaltars in dem neuen Berliner Museum rekonstruieren und konnte so den wieder zusammengepuzzelten Originalfries authentisch an Ort und Stelle zeigen. Die Glasdecke darüber sollte helfen, den Altar wie in Kleinasien in wechselnden Lichtstimmungen und im Gang der Jahreszeiten zu sehen.

Jetzt müssen dafür rund 2500 Quadratmeter Lichtdecken und 5300 Quadratmeter Glasdächer erneuert werden. Die alten sind längst marode, undicht und verfärbt. Um jederzeit arbeiten zu können, wurde über die gesamte Baustelle wie ein riesiger Regenschirm ein Wetterschutzdach gespannt, mit gigantischen Streben im Boden verankert. Insgesamt waren allein für Gerüste und Stützkonstruktionen 700 Tonnen Stahl nötig.

Im benachbarten Hellenistischen Saal fällt inzwischen schon wieder sanftes Licht durch die aufwendig rekonstruierte Doppeldecke, im Pergamonsaal laufen die Arbeiten auf Hochtouren. "Wir haben die Auflage vom Landesdenkmalamt, die alte Stahlkonstruktion zu erhalten. Deshalb bauen wir die neue um die alten historischen Fachwerkträger herum, was die Sache nicht unbedingt einfacher macht", sagt Projektleiterin Astrid Marlow, die seit vier Jahren fast täglich auf der Baustelle ist.

Trotzdem nimmt sich die 54-jährige Ingenieurin immer mal wieder einen Augenblick, um den Altar zu besuchen. Hinter der stoß- und staubfesten Schutzwand aus metallenen Steckplatten führen die olympischen Götter um Zeus und seine Tochter Athene nun in aller Stille den Kampf gegen die irdischen Giganten. "Es ist schon ein erhabenes Gefühl, wenn man mit diesen Kunstwerken ganz allein sein kann, sie anschauen, sie anfassen, und drumherum wird geplant und gebaut", sagt Marlow.

Das Projekt ist anders als alles, was das Bundesbauamt bisher bei der Generalsanierung der Museumsinsel gemacht hat. Denn schon früh entschieden die Verantwortlichen, die mit der Architektur verbundenen und oft fragilen Großobjekte aus Sicherheitsgründen nicht auszubauen, sondern während der gesamten Bauzeit im Haus zu lassen. "Eine Operation am offenen Herzen" nennt der Präsident der verantwortlichen Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, das Vorgehen.

Mit einem ausgeklügelten System elektronisch gesteuerter Kontrollen wird jeder Schritt in dem unter Unesco-Schutz stehenden Haus überwacht. Rund um die Uhr müssen Luftfeuchtigkeit und Temperatur stimmen. Sensoren an den Säulen zeigen an, sobald es durch die Bauarbeiten zu unliebsamen Erschütterungen kommt. Und waagrecht gespannte Schläuche mit einer bläulichen Flüssigkeit rund um den Altar und andere neuralgische Punkte signalisieren in Echtzeit, wenn das Fundament auch nur einen Millimeter nachgäbe. 

"Während der gesamten Bauzeit bisher haben wir den Grenzwert für Erschütterungen 34 Mal und den Grenzwert für Setzungen 18 Mal erreicht", sagt Projektleiterin Marlow. "Das bedeutet jedes Mal einen kompletten Baustopp. Wir müssen alles überprüfen, nach möglichen Schäden schauen, gegebenenfalls umsteuern oder auch ganz umplanen. Aber der Aufwand hat sich rentiert: Keines der eingebauten Exponate hat Schaden genommen." Inzwischen sind die heiklen Abbruch- und Tiefbauarbeiten fast abgeschlossen, das Kontrollsystem wird Anfang 2019 abgebaut.

Doch nicht immer lief alles so glatt. Vor allem zu Beginn häuften sich Pleiten, Pech und Pannen. 2016 musste das federführende Bundesbauamt bekanntgeben, dass die veranschlagten Kosten für den ersten Bauabschnitt von 261 Millionen auf sage und schreibe 477 Millionen Euro gestiegen sind. Probleme mit den Baufirmen, Schwierigkeiten mit dem Baugrund und zwei überraschend entdeckte Pumpenhäuser sorgten für immer neue Verzögerungen. Statt 2019 sollte der erste Bauabschnitt nun erst 2023 fertig sein.

Inzwischen sind die Bauherren nochmals vorsichtiger. "Wir haben gute Fortschritte gemacht und viele Erfahrungen bei der komplexen Baumaßnahme gesammelt", sagt Projektleiter Röger. "Im Frühjahr 2019 wollen wir Richtfest feiern und dann einen terminlichen Ausblick für die Fertigstellung des ersten Bauabschnitts vorlegen."

Um das Museum mit seinen Sammlungen antiker, vorderasiatischer und islamischer Kunst nicht bis dahin ganz schließen zu müssen, wird in zwei Etappen gebaut. Zunächst sind der Nordflügel und der Mitteltrakt mit dem Pergamonaltar dran. Später folgt der Südflügel, in dem jetzt noch, buchstäblich Tür an Tür zur Großbaustelle, Highlights wie das Markttor von Milet, die Mschatta-Fassade und das Ischtar-Tor weiter zu sehen sind.  

"Ein Gebäude dieses Ausmaßes vom Fundament bis zum Dach zu sanieren und technisch neu auszustatten, ist eine Riesenaufgabe, besonders wenn es sich um ein Unesco-Welterbe handelt", sagt Stiftungspräsident Parzinger. "Und dass das Haus mit seinen berühmten Exponaten währenddessen zur Hälfte für das Publikum geöffnet bleibt, macht das Projekt ziemlich einzigartig."

Künftig soll das Haus rundum modernen Museumsstandards entsprechen, zahlreiche Neuerungen stehen an. Nach den Plänen des 2007 verstorbenen Architekten Oswald Mathias Ungers entsteht im Innenhof des gewaltigen Flügelbaus ein neuer zentraler Eingang - ein lichter Stahl-Glas-Würfel mit direktem Zugang zum Altarsaal. Die neue Freitreppe ist schon gegossen, auch wenn dahinter vorerst noch ein gähnendes Loch klafft. 

Der riesige "Ehrenhof" davor ist bereits für den vierten Flügel präpariert, der später einmal einen geschlossenen Rundgang durch das ganze Haus möglich machen soll. Wegen der Lage direkt am Spreekanal und dem wabbeligen Berliner Boden musste eine Spezialfirma auf der ganzen Fläche bis zu 25 Meter lange Mikropfähle in den Grund treiben - erst dort gibt es stabilen Halt. Insgesamt wurden 14 Kilometer Pfähle versenkt, um darauf den Kellerboden mit einer hochbewehrten undurchlässigen Stahlbetonkonstruktion abzudichten. "Sonst stünden wir hier schon im Wasser", flachst Röger.

Neu wird auch die sogenannte archäologische Promenade, die später einmal die fünf Häuser der Museumsinsel unterirdisch verbinden soll. Manches ist noch Zukunftsmusik, doch im Pergamonmuseum ist unter der historischen Bausubstanz der Boden bereits rund drei Meter tiefergelegt. "Hier sollen großzügige Räume für spätere Ausstellungen entstehen, die Lust darauf machen, auch ins Museum hochzugehen", so der Projektleiter. 

Zu den größten Herausforderungen gehört es, das verwinkelte und verschachtelte Haus barrierefrei zu machen. An der Ecke zwischen Nordflügel und Mitteltrakt tragen an diesem Nachmittag Bauarbeiter behutsam eine alte Ziegelmauer ab.

In Handarbeit klopfen sie mit Hammer und Meißel Stein für Stein aus dem Mauerwerk und stapeln sie vorsichtig auf Paletten. Wenn der neu eingezogene Betonturm mit Treppenhaus, Aufzug und moderner Versorgungstechnik fertig ist, soll die historische Wand wieder so stehen, als wäre dahinter nichts geschehen. 

Sorgen macht den Verantwortlichen, dass das Publikumsinteresse durch die Sanierung drastisch zurückgeht. Seit 2012 hat sich die Zahl der Besucher auf nur mehr rund 700 000 halbiert. Neuen Schwung soll nun das temporäre Ausstellungsprojekt "Pergamonmuseum. Das Panorama" bringen, das am 17. November in einem Übergangsquartier direkt gegenüber der Museumsinsel öffnet. 

Dort werden rund 80 hochkarätige Originalwerke aus Pergamon zu sehen sein - etwa der "Schöne Kopf" des Herakles, die Prometheus-Gruppe und der größte Teil des Telephos-Frieses. Der Altar selbst wird in einem Rundpanorama des Künstlers Yadegar Asisi neu inszeniert. Die originalen Götter und Giganten verharren derweil vorerst weiter in ihrem Dornröschenschlaf hinter der Schutzwand.

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