Durch die Berliner Doppelfenster des meterhohen Ateliers von Sarah Ama Duah fällt viel Licht. Es legt sich mild über die aus Wolle geflochtenen Zöpfe und die Konturen der Gesichter der Bienenwachsporträts, welche die afro-deutsche Bildhauerin von sich und der Künstlerin Va-Bene Elikem Fiatsi angefertigt hat. Einer der von Duah abgeformten Köpfe aus blau gefärbtem Wachs ruht auf einem fragilen Turm aus Delfter Porzellan. Dieser wiederum steht auf einem Ateliermöbel, direkt daneben befindet sich Fiatsis monochrom rotes Bildnis. Wenn die Künstlerin diese Bienenwachsköpfe im Ausstellungsraum anordnet, werden sie von Gegenständen getragen, wie einer mit barocken Putten verzierten Vase oder einer antik anmutenden Säule.
Kulturelle Artefakte oder Dekorationsartikel wie diese, denen Menschen einmal einen Wert beigemessen haben, sucht und findet Duah in Privathaushalten und auf Flohmärkten. Mit Blick auf die Porträts vor den Atelierfenstern und die gefundenen Objekte, die zum Teil in Regalen lagern, erläutert Duah mit ihrer ruhigen und klaren Stimme: "Es geht mir darum, Schwarze Geschichte und Schwarzes Wissen in Beziehung zu Artefakten europäischer ‘Hochkultur’ zu setzen und in bekannte Bildordnungen einzuschreiben – die Arbeiten können Ausgangspunkt sein, um miteinander zu sprechen und visuelle Überlieferungen zu hinterfragen." Der Anstoß zum Dialog hat bereits Resonanz gefunden: Ihr bisheriges künstlerisches Werk ist 2025 mit dem Wolfram Beck Preis für Bildhauerei ausgezeichnet worden.
Sarah Ama Duah "Gold, Cocoa" und "Mother of Many", 2025
Im Angesicht von Körpern und Dingen gesellschaftliches Miteinander zu reflektieren, ist ein Anliegen, das die 1989 in Bremen geborene Sarah Ama Duah seit Längerem mit ihren Arbeiten verfolgt: Zunächst im Rahmen eines Modestudiums an der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften, wo sie sich mit der Beziehung zwischen Material, Körper und Raum zu befassen begann. "Meine Entwürfe wurden zunehmend skulptural und haben sich von der klassischen Präsentation auf dem Laufsteg und Tragbarkeit entfernt. Dafür rückten bildhauerische Fragestellungen an Kleid und Körper in den Fokus", erzählt Duah.
Von der Mode zur Bildhauerei
Beim Fashionclash Festival in Maastricht zeigte sie 2019 Silikonkleider, in die sie Gesten des Umgangs mit Kleidung einarbeitete. So definierten zum Beispiel eine über die Schulter geworfene, herabhängende Jacke oder die in Manteltaschen versunkenen Hände und Ärmel die Form der Kleidung, die Duah in Silikon goss. Ihre Kollektion nannte sie "Tableau Vivant". Als sie die nur wenige Minuten dauernde Laufstegpräsentation mit dem intensiven Arbeitsprozess daran verglich, entschied sie sich gegen das Modebusiness und dafür, fortan bildhauerisch und vor allem mit Zeit zu arbeiten.
Einen ersten Kontext für ihre künstlerische Praxis lieferte ihr eine Residenz im Schloss Balmoral in Bad Ems. Sie trat sie als Designerin an, verfolgte dort aber bildhauerische Fragen, etwa, wie Kleidung und Skulptur noch stärker ineinanderwirken können. Hieraus entstanden Ideen für Objekte, bei denen sie Kleidungsstücke, die mit deutschem Touristensein in Verbindung gebracht werden, mit christlicher Ikonografie verknüpfte: die Adilette mit einem Relief eines antiken Trinkbechers, die Jack-Wolfskin-Outdoorjacke mit der Bildsprache einer Pietà. "Diese Gestaltungskonzepte markierten für mich den Übergang von der Mode in die Kunst", bemerkt Duah, die kurz darauf an der Universität der Künste in Berlin Performance und Skulptur bei Jimmy Robert zu studieren begann.
Sarah Ama Duah "Obroni", 2019–2023
Mit ihren Entwürfen in Bad Ems, wo sie sich selbst als Touristin fühlte, rückte für Duah, deren Vater aus Ghana stammt, die afrikanische Diaspora als Sujet in ihre künstlerische Arbeit. Erstmals bewusst zitiert hatte Duah die Afrodiaspora 2012 in einer Haarkollektion auf der Ghana Fashion Week in Accra. Heute bildet sie den Schwerpunkt ihres künstlerischen Schaffens: "Mir geht es in meiner Arbeit um eine skulpturale Wertschätzung der Afrodiaspora. Sichtbarkeit ist dabei eine Strategie, um dem historischen Unsichtbarmachen zu begegnen."
Zur Performance kam die Künstlerin durch Va-Bene Elikem Fiatsi (aka crazinisT artisT), die international für ihre Langzeitperformances bekannt ist. 2021 suchte Sarah Ama Duah sie gezielt im ghanaischen Kumasi auf, wo Fiatsi ein Residenzprogramm eingerichtet hat. "Im Modekontext begegnete ich Körpern als Gegenüber. Ich wollte nun, dass mein Körper Einzug in meine künstlerische Arbeit erhält – und bewusst erfahren, wie es sich anfühlt, sich dem äußeren Blick im Rahmen eines selbst gewählten Formats zu stellen", erzählt Duah. Die beiden sind seither miteinander verbunden. Darin zeigt sich Duahs Anliegen, internationale künstlerische Beziehungen zu pflegen und ihre Arbeiten insbesondere im Austausch mit Akteur*innen des afrikanischen Kontinents zu verorten.
Vom Sockel gestoßen
Ausgangspunkt ihrer Arbeit im Medium Performance ist eine kritische Auseinandersetzung mit europäischer Denkmalkultur und in diesem Kontext mit der Kolonialgeschichte, die Duah in ihrer Arbeit materialisiert und reflektiert. Prägend für sie waren etwa die in den sozialen Medien dokumentierten Antirassismusproteste wie jener in Bristol, bei dem 2020 das Denkmal des Sklavenhändlers Edward Colston vom Sockel gestoßen und im Hafenbecken versenkt wurde. Sie hält inne und sagt: "Diese Bilder vom Moment der versinkenden Skulptur haben sich mir eingebrannt: das Denkmal ist nicht mehr sichtbar, aber die damit verbundenen kolonialen und imperialen Ideen sind immer noch da."
Sarah Ama Duah "to build to bury to remember", Performance im Humboldt Forum Berlin, 2026
Ausgehend von Reiterstandbildern wie jenem von Friedrich dem Großen in Berlin entwickelte die Künstlerin während ihrer Residenz in Kumasi eine Arbeit, für welche sie ihren Körper als eine von Latex bedeckte, lebende Skulptur dachte. In ihren Armen befanden sich gefundene Objekte, die – so wie ihr Körper – durch das mechanische Ansaugen des Latextuchs durch einen ferngesteuerten Staubsauger und das so entstehende Vakuum schematisch sichtbar wurden. 2021 führte sie diese Arbeit als vierstündige Solo-Performance in der Alliance Française in Kumasi auf.
Goldene Latex-Reliefs
Sie markiert den Beginn ihrer Werkserie "to build to bury to remember", die Duah seither unter anderem im Savannah Centre for Contemporary Art in Tamale in Ghana, im Festspielhaus Hellerau in Dresden oder im Humboldt Forum in Berlin mit weiteren Performerinnen gezeigt hat. "to build to bury to remember" ist zugleich Skulptur, Installation und Performance. Die Form der Arbeit entwickelt Duah stets weiter. Zum Beispiel durch die Wahl der von den Performerinnen am Körper getragenen Objekte, die die Künstlerin in Bezug zum jeweiligen Präsentationsort wählt. Requisiten wie Sockel, Sessel, Sattel, Vasen oder Ashanti-Symbole lassen sich unter dem Latextuch erahnen, werden durch das Vakuum reliefartig nach und nach erkennbar. Durch sphärische Klänge, die die Musikerin Anna Lucia Nissen für Duahs Performance komponiert hat, verschmelzen die langsamen Bewegungen und Gesten der Performerinnen auf erhöhten Sockeln mit dem leisen Knistern der Latexhüllen.
"Meine Arbeit lebt davon, dass die Performerinnen – mit ihrer eigenen verkörperten Geschichte – Teil von ihr sind. Bei diesem performativen Monument entstehen fortlaufend neue flüchtige Konstellationen, die bekannte Denkmalformen zitieren, verhandeln, befragen und wieder auflösen", sagt Sarah Ama Duah über "to build to bury to remember". Bei ihrer nächsten Präsentation in der Ursula Blickle Stiftung in Kraichtal, die am 15. Mai im Rahmen der Projektreihe "art.poetry.space" stattfindet, wird die Künstlerin zusammen mit den Künstlerinnen Naomi Boima und Rositsa Mahdi, mit denen sie seit einigen Jahren zusammenarbeitet, performen. Eröffnet wird der von Stephan Krass und Sebastian Winkler kuratierte Abend mit einer Lesung von Jenaba Samura über persönliches Erinnern und kollektives Erzählen aus afro-diasporischer Sicht.
"Es gibt so viele Perspektiven in der Afrodiaspora, wie es Menschen gibt, sie ist ein Ort der Vielheit, in der sich auch Jenabas Texte und meine Arbeiten begegnen", sagt Duah. Während sie erzählt und sich leicht auf dem Hocker zurücklehnt, zeichnet sich ihr Profil in einem hinter ihr platzierten Spiegel ab, der auf einem Sockel an der Wand lehnt. Er ist umgeben und teilweise verdeckt von Abgüssen von Objekten und Köpfen, darunter Duahs Vater. Auch das Bienenwachsporträt von Fiatsi ist im Spiegel sichtbar. "Ich finde es grundsätzlich wichtig, sich mit der eigenen Biografie auseinanderzusetzen, um sich in der Welt zu orientieren, Wurzeln zu schlagen und historische Zusammenhänge besser zu verstehen. Aus afro-deutscher Perspektive befasse ich mich mit meiner eigenen Geschichte, der Geschichte meiner Familie, deutscher Geschichte."