Lema Sikod und Lynhan Balatbat-Helbock, Savvy wurde dieses Jahr in der Rubrik "Museen und Institutionen" als einzige Institution in Deutschland mit dem Art Basel Award ausgezeichnet. Glückwunsch! Hat die Jury ihre Wahl begründet?
Danke für die Glückwünsche! Wir sind auch noch immer freudig überrascht. Der Vorsitzende der Jury und Direktor der Art Basel, Vincenzo de Bellis, teilte uns diese Kriterien für die Auswahl mit: "In allen Award-Kategorien berücksichtigen wir visionäres Denken und Innovation, herausragende Ausführung, die Auseinandersetzung mit den drängenden Themen unserer Zeit sowie eine breitere Wirkung auf das kulturelle Ökosystem. In der Kategorie 'Museen und Institutionen' umfasst dies zudem das Verfolgen ambitionierter Ausstellungskonzepte, die Förderung künstlerischer Experimente sowie die Öffnung für verschiedene Zielgruppen."
"Die drängenden Themen unserer Zeit" – bei Ihnen sind das vor allem Themen des postkolonialen Diskurses. Nach der Gründung 2009 war Savvy so etwas wie ein Insider-Tipp, heute zählt der Raum zu den wichtigsten Kunstinstitutionen Berlins. Hat der Diskurs über Postkolonialismus in Berlin inzwischen an Bedeutung gewonnen?
Darüber denken wir auch viel nach, besonders seit unserem 15-jährigen Jubiläum im letzten Jahr und den Überlegungen, was seit der Gründung passiert ist. Savvy wurde auch deshalb gegründet, weil es keine Orte für unsere Konzepte und Perspektiven gab, die häufig mit der "Begründung" abgewiesen wurden, man zeige "zeitgenössische Kunst und keine afrikanische". In den ersten Jahren war ein Großteil unserer Arbeit davon geprägt, Konzepte, Kollaborationen und Formate jenseits dieser Kategorien zu entwickeln. Wir haben also viel erklärt, geteilt, geschrieben – so wie auch andere Organisationen in der Stadt. Dann gab es auf einmal eine Aufmerksamkeit für Fragen nach der Geschichte der deutschen Kolonialzeit und ihren Auswirkungen auf das Heute. Wir haben gemerkt, dass viele Menschen die gleiche Dringlichkeit empfinden, sich diesen Fragen auch angesichts aktueller politischer, sozialer, ökologischer Bedingungen anzunehmen und gemeinsam verstehen zu wollen.
Wie ging es weiter?
Unseren Kunstraum haben wir immer auch als einen offenen Ort für Diskurse gesehen, wobei die Formate und künstlerischen Positionen so unterschiedlich sind wie die Lebensrealitäten, die die Menschen mitbringen, die den Raum mitgestalten. Die Übertragung dieser künstlerischen und diskursiven Fragestellungen in andere Bereiche braucht Zeit für komplexe Prozesse, zahlreiche umsetzende Kräfte in Politik und Institutionen sowie Ressourcen.
Und heute? Die Zeiten sind gerade für Savvy schwieriger geworden, oder? Stichwort Rechtspopulismus.
Derzeit haben wir den Eindruck, dass etwas passiert, wogegen wir mit unserer Arbeit wappnen wollten: Kolonialität und ihre Kontinuitäten werden wie ein Thema unter vielen behandelt, wie ein Trend. Die uns heute bestimmenden Strukturen wurden über Jahrhunderte durch kolonialen Bedingtheiten aufgebaut. Da reicht es nicht, sich drei, vier Saisons damit zu beschäftigen und dann zur nächsten heißen Sache überzugehen. Wir sehen das besonders im Zusammenhang mit erstarkenden rechten und faschistischen Kräften, deren Agenda ganz klar eine Rückabwicklung der in den letzten Jahren begonnenen Übernahme von Verantwortung für bis in die Gegenwart reichender Gewaltgeschichte ist. Wir sind sehr beunruhigt darüber, dass beispielsweise von der AfD angestoßene Ablehnungen und Verleumdungen antirassistischer und dekolonialer Perspektiven von breiteren politischen und gesellschaftlichen Akteuren übernommen und salonfähig gemacht wurden.
Dieses Jahr fanden im Savvy noch keine Ausstellungen statt. Warum?
Keines der von uns eingereichten Projekte erhielt eine Förderung. Als gemeinnütziger Verein haben wir auch keine Rücklagen, mit denen man eine Ausstellung bestreiten könnte. Finanziell am Limit zu arbeiten, ist nicht neu für uns. Wir bemühen uns seit Jahren um eine Stabilisierung unserer Struktur. Unser Team ist zum Großteil auf Projektbasis engagiert und arbeitet auch teilweise ehrenamtlich. Jede Veranstaltung, jeder Workshop bei uns muss einzeln finanziert werden. Wir sind, wie die meisten im Kulturbetrieb, daran gewöhnt, dass Projekte meist nur eine kurze Laufzeit von höchstens einem Jahr haben, wir also permanent während der Umsetzung eines künstlerischen Projekts schon in der Bewerbung für die kommenden stecken. Es ist sehr herausfordernd, wenn man nicht über eine geförderte Struktur mit festangestellten Vollzeitkräften verfügt. Neu für uns ist, dass Kultur und gemeinschaftliches Miteinander global abgewertet, weniger gefördert und sogar von einem immer autoritärer auftretenden Staat überwacht und eingeschüchtert werden.
Verstehe ich es richtig: Savvy fühlt sich durch wertkonservative und restriktive Strömungen in der Kulturpolitik benachteiligt?
Das ist für uns keine Frage vereinzelter Befindlichkeiten. Wir beobachten ja alle gerade, wie – in Berlin, in Deutschland und auch international – wichtige Errungenschaften rückgebaut werden, wie gewachsene soziale, zivilgesellschaftliche und kulturelle Strukturen weggekürzt oder verunmöglicht werden. Niemand agiert für sich allein, sondern in einem Geflecht aus Engagierten und Initiativen, die mit einem im Austausch gemeinsam justierten Wertekompass diese Gesellschaft für möglichst viele gestalten. Wir haben Savvy nie mit einem Wunsch nach Anerkennung betrieben, sondern weil diese Arbeit schlicht notwendig war und auch bleibt. Aktuell wird viel zerstört, das mühsam aufgebaut wurde, mit geringen finanziellen, aber dafür riesigen Ressourcen an Engagement. Wir haben uns immer als Teil eines Ökosystems gesehen, zusammen mit vielen Vereinen und Initiativen, die mit sehr wenig Geld sehr viel leisten. Dass es uns trotz der aktuellen und auch vergangenen Widerstände noch gibt, werten wir durchaus als Erfolg.
Das Interview wurde schriftlich geführt