Filme auf eine gewöhnliche Leinwand zu projizieren, war dem Medienkünstler, Kurator und Theoretiker Peter Weibel schon in den 1960er-Jahren zu banal. 1966 zeigte er bei der Video-Performance "Welcome" einen seiner Filme auf seinem nackten Oberkörper. Fast 50 Jahre später, im Jahr 2015, kam der damalige Direktor des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medien (ZKM) auf die Idee, das Karlsruher Schloss in eine 170 Meter breite Projektionsfläche für Video-Mappings zu verwandeln. Dieses technisch anspruchsvolle und entsprechend kostspielige Medienkunstprojekt sollte ursprünglich nur einmal im Rahmen des Festivalsommers "KA300" zum 300. Stadtgeburtstag Karlsruhes stattfinden. Das Publikum war jedoch so begeistert von dem Format, dass der Gemeinderat eine dauerhafte Fortsetzung der Schlosslichtspiele beschloss.
Mit rund 300.000 jährlichen Besuchenden gehört die Veranstaltung mittlerweile zu den größten Kulturevents der Region. Letzten Sommer wurde dabei das 200. Jubiläum des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) gewürdigt; die zwölfte Ausgabe thematisiert das Erbe des Karlsruher Architekten und Stadtplaners Friedrich Weinbrenner, der vor 200 Jahren in seiner Heimatstadt gestorben ist.
Weinbrenner hat das Erscheinungsbild Karlsruhes stärker als jeder andere Architekt vor oder nach ihm geprägt. Nur das Schloss stand bereits, als Weinbrenner 1797 den Auftrag erhielt, Karlsruhe von einer kleinen markgräflichen Residenz in die Hauptstadt des Landes Baden umzuwandeln. Heute befindet sich im Stadtzentrum um den Marktplatz kaum ein Bauwerk, das nicht von ihm entworfen wurde. Ausgehend von Weinbrenners Einfluss auf das Leben in der Fächerstadt, befassen sich die diesjährigen Lichtspiele mit Architektur und Stadtraum.
Unter dem Motto "Lightyard Stories: Visionen urbaner Lebensräume“ werden vom 13. August bis zum 13. September sechs neue Shows von internationalen Medienkünstlerinnen und -künstler präsentiert: "Mirage" von Henry Hu, "Metabolism" von Metanoia Creatives, "RE:STRUCT" von Studio Moebius und Three Oscillators, "On Fire" von Jonas Denzel, "OceanDiverCity" von Moritz Schneider und "Fragile Homes" von dem Künstler-Duo Yulia Mashkova und Grisha Mumrikov. Eine weitere, von Teilnehmenden der Summer School des ZKM entwickelte Projektion wird am 5. September zum ersten Mal auf der barocken Schlossfassade erstrahlen. Zudem ergänzen ausgewählte Shows aus den letzten elf Jahren das allabendliche Programm, darunter mehrere Beiträge der ungarischen Künstlergruppe Maxin10sity.
Der Eintritt bleibt auch in diesem Jahr kostenfrei
Außer Weinbrenner feiert 2026 auch die Karlsruher Berufsfeuerwehr ein rundes Jubiläum. Anlässlich ihres 100-jährigen Bestehens hat Jonas Denzel die Show "On Fire“ produziert, die Bilder und originale Geräusche aus dem Berufsalltag der Feuerwehr zusammenbringt. Denzel gewann 2018 mit der interaktiven Show "Hands-On" den Publikumspreis bei den Schlosslichtspielen. Wer den Preis in diesem Jahr verdient, entscheidet das Publikum per Live-Voting am Eröffnungsabend.
Der Eintritt ist, wie in den Vorjahren, kostenlos. Das heißt: die Besuchenden können sich mit Einbruch der Dämmerung ganz ungezwungen auf dem Schlossplatz versammeln, ein paar Shows genießen und wieder gehen – oder bis zum Schluss fasziniert sitzenbleiben.
Finanziell geht es der Karlsruher Kulturszene derzeit keinen Euro besser als anderen. Die Lichtspiele sind seit der ersten Ausgabe im Sommer 2015 ein Gemeinschaftsprojekt, das ohne Sponsoren und Spendengelder vermutlich nicht so viele überdauert hätte. Bei der Umsetzung werden die Veranstalter, die Karlsruhe Marketing und Event GmbH (KME) und das ZKM, seit 2025 vom Freundeskreis unterstützt, der vor allem sicherstellen will, dass das Lichtspektakel auch in Zukunft kostenfrei erlebbar bleibt.
Tausche Kunstwerk gegen Geschichte
Parallel zur Hauptveranstaltung vor beziehungsweise auf dem Schloss läuft im gesamten Stadtraum die öffentliche Medienkunstausstellung "Media art is here". Daran nehmen vorwiegend Kunstschaffende und Studierende aus Karlsruhe teil. SangDoo Nam wird vor der St. Stephan Kirche (ein Weinbrenner-Bau) einen Pop-up-Store eröffnen, in dem Menschen persönliche Geschichten gegen eines seiner Bilder eintauschen können. Der in Seoul geborene Künstler entwirft mit seiner Arbeit "Urban Flowers" einen alternativen Kunstmarkt, auf dem Geld keine Rolle mehr spielt. Wie bei den Schlosslichtspielen, geht es hier nicht um einen finanziellen Gewinn; viel wichtiger ist die Begegnung zwischen Kunstwerk und Publikum.
Die Eröffnung von "Media art is here" findet am 12. August im ZKM-Foyer statt. Dort wird auch Karolina Sobels Videoarbeit "Soft Signals" zu queerer und feministischer Sichtbarkeit in Kunst und Gesellschaft ausgestellt. Noch mehr Medienkunst erwartet die Besuchenden der Unesco City of Media Arts diesen Sommer in der Evangelischen Stadtkirche (ebenfalls von Weinbrenner). Hinter der monumentalen Tempelfront des Kirchengebäudes wird die audiovisuelle Installation "Echo einer Ordnung" von Nikolaus Völzow erfahrbar sein.
Dass aus den Schlosslichtspielen einmal so ein Spektakel wird, das in Verbindung mit "Media art is here" mehr oder weniger die ganze Innenstadt als einen Kunstraum neu definiert und jedes Jahr Hunderttausende anzieht, konnte Weibel nicht ahnen. Oder doch? Seine rebellischen Tage hatte der Künstlerkurator bereits hinter sich, als er 1999 die Leitung des ZKM übernahm. Ein Medienpionier ist er bis zu seinem Tod im Jahr 2023 gewesen. Wenn am Donnerstagabend die ersten Lichter angehen, werden viele an ihn denken.