Brände, Verfall, Immobilienspekulation: In Deutschland sind nach Angaben der Deutschen Stiftung Denkmalschutz in den vergangenen zwei Jahren mindestens 1.077 Denkmale unwiederbringlich verloren gegangen – mehr als eins pro Tag. Dies geht aus dem sogenannten Schwarzbuch der Stiftung hervor.
Denkmalschutz gelte in Deutschland oft als Verhinderer, es gebe das Zerrbild einer mächtigen Lobby, sagte Stiftungs-Chef Steffen Skudelny. Tatsächlich sei das Anliegen unter anderem durch abgeschwächte Gesetze gefährdet und verdrängt durch scheinbar drängendere Themen. "Die Situation des Denkmalschutzes in Deutschland hat sich noch weiter verschlechtert", sagte Eva Masthoff, Kommunikationschefin der Stiftung. Sie nannte als Hauptgründe für den Verlust teils jahrhundertealter, historisch wertvoller geschützter Gebäude: "Wirtschaftliche Unzumutbarkeit" – der Aufwand für den Erhalt wird als zu groß erachtet; Vernachlässigung; nicht abgestimmte Baumaßnahmen, Brände und Vandalismus.
In dem Schwarzbuch schildert die Stiftung auf 324 Seiten 21 "Verlustgeschichten" ausführlich. Einige Beispiele:
Die "Untere Linde" in Oberkirch in Baden-Württemberg
Das Gasthaus aus dem 17. Jahrhundert sollte nach Angaben der Stiftung eigentlich saniert und in ein neues Stadtquartier eingebunden werden. Doch ein Statiker stellte 2025 Fäulnis, Wurmfraß, Schimmel und andere Mängel fest. "In extrem kurzer Zeit wandelten sich die Zukunftsaussichten der Unteren Linde in ein Schreckensszenario", heißt es im Schwarzbuch. Im September 2025 folgte der Abriss.
Das "Haus Kern" in Berlin-Zehlendorf
Der Bau des von den Nazis vertriebenen jüdischen Architekten Bruno Ahrends wurde 2023 unter Denkmalschutz gestellt. 2025 wurde es dennoch abgerissen, wie es im Schwarzbuch heißt. Denn schon 2021 war es an einen Investor verkauft worden, der auf dem Grund ein Mehrfamilienhaus erreichten wollte. Dafür hatte er 2022 eine Baugenehmigung bekommen. Die hatte letztlich Vorrang vor dem später erwirkten Denkmalschutz.
Fachwerkhaus in Winkelhaid in Bayern
Im Fall des um 1600 gebauten Fachwerkhauses sei der Denkmalschutz «widerrechtlich ausgehöhlt» worden, schreibt die Stiftung. Die Hofstelle sei an einen Investor verkauft worden. Bei einer Überprüfung habe ein Heimatpfleger später festgestellt, dass im Haus Wände und Decken entfernt worden seien - man habe aber nicht mehr klären können, von wem. "Mit dem Ergebnis, dass das Bauwerk seinen Denkmalstatus verlor."
Aus der Zeit um 1600 stammte das Fachwerkhaus in Winkelhaid
Das Hotel Kaiserhof in Eckernförde in Schleswig-Holstein
Die Geschichte des einstigen Kurhotels ist für die Stiftung ein Beispiel für verfehlten "optischen Denkmalschutz": Von dem imposanten Bau blieb nur die Fassade. Dahinter soll ein Neubau entstehen.
Die Mack-Pyramide in Monheim in Nordrhein-Westfalen
Die Monheimer Mack-Pyramide, auch als Scarabaeus-Pyramide bekannt, aus den Jahren 1987 bis 1990 sei als postmodernes Denkmal von der Stadt selbst geschützt worden, heißt es im Schwarzbuch. Kurz danach habe die Stadt den Denkmalschutz-Status mit kurioser Begründung widerrufen: Die Stadt habe sich selbst als Eigentümerin im Verfahren nicht angehört. Was dann geschehen sei, sei eine "Chronologie des Grauens": Dem Architekten Horst Schmitges sei kurzerhand die Urheberschaft aberkannt worden, um das Bauwerk überbauen zu können. Dann habe die Stadt die Pyramide inklusive des noch nicht existierenden Neubaus erneut unter Denkmalschutz gestellt. Die Stiftung Denkmalschutz sprach von einer "skandalösen Vorgehensweise". Ein geplanter Bau könne schon der Definition nach kein Denkmal sein. Durch den Erweiterungsbau über der Pyramide sei der ursprüngliche Charakter und auch der Denkmalstatus verloren, heißt es im Schwarzbuch.
Zuvor hatte bereits der Steuerzahlerbund die "Mack-Pyramide" im vergangenen Jahr zum "Denkmal der Steuergeldverschwendung" gekürt. Der 50 Millionen Euro-Auftrag sei ohne Ausschreibung vergeben worden. Der damalige Bürgermeister Daniel Zimmermann (Peto) hatte die Kritik zurückgewiesen: Das bedeutende Werk des Künstlers Heinz Mack werde für die Nachwelt erhalten.
Blick auf die sich im Umbau befindliche Mack-Pyramide
Die Alte Schule in Köln-Roggendorf in Nordrhein-Westfalen
Das Beispiel zeigt aus Sicht der Stiftung, wie ein Denkmal "fast zu Tode 'saniert' wurde": Der mehr als 140 Jahre alte Backsteinbau wurde demnach vor etwa zehn Jahren instand gesetzt und sollte 2019 als Kita wieder öffnen. Zum Abschluss wurde die Fassade mit einem wasserabweisenden Mittel behandelt. Seither steht das Gebäude den Angaben zufolge wegen Geruchsbelästigung und möglicher Schadstoffe leer. "Ein erschreckendes Beispiel dafür, wie wichtig Fachexpertise und Know-how am Denkmal sind", schreibt die Stiftung.
Die Ulrich-Villa in Glauchau in Sachsen
Eine 1899 errichtete Villa in Glauchau im Landkreis Zwickau – ehemaliger Wohnsitz des bedeutenden Stadtbaumeisters Reinhold Ulrich – war jahrzehntelang ein Geisterhaus und damit dem Verfall preisgegeben, heißt es im Schwarzbuch. Das große, verwinkelte, freistehende Gebäude im Stil des Historismus war bis 1993 bewohnt, stand seitdem leer und wurde schließlich 2024 versteigert. Käuferin war die Diakonie Westsachsen, die in unmittelbarer Nachbarschaft der alten Villa ein Pflegeheim betreibt und in dem historischen Gebäude ein Sicherheitsrisiko sah. Ein Abrissantrag sei von den zuständigen Behörden «ungewöhnlich schnell» bewilligt worden. Eine Online-Petition von Glauchauer Bürgern mit mehr als 750 Unterschriften kam zu spät. Noch während die Petition lief, sei im Frühjahr 2025 mit dem Abriss begonnen worden.
Das Renaissance-Haus in Halle
Dass selbst Gerichtsentscheidungen am Verlust von Denkmalen nichts ändern können, zeigt ein Beispiel aus Halle an der Saale. Ein im 16. Jahrhundert erbautes Fachwerkhaus an der Brüderstraße – eines der letzten seiner Art in der Stadt, so die Autoren – ist im November 2025 teilweise abgerissen worden. Der Eigentümer plante den Abriss. Dem Bericht zufolge lehnte er das Kaufangebot eines lokalen Vereins ab. Die Denkmalschutzbehörden lehnten das Abrissvorhaben ab. Es folgte ein jahrelanger Rechtsstreit, der vor dem Magdeburger Oberverwaltungsgericht endete. Trotz der Entscheidung des Gerichts, dass das Gebäude erhalten bleiben soll, verfiel es weiter. Im vergangenen Jahr kam es zu einem Teileinsturz der Rückseite des Hauses. Aus Gründen der Gefahrenabwehr wurden daraufhin die oberen Stockwerke abgerissen.
Das ehemalige Frauenhaus in Stadtlengsfeld in Thüringen
In Thüringen ging ein ungewöhnliches Zeugnis kommunaler Sozialgeschichte verloren. Schon im 18. Jahrhundert war das imposante Gebäude am Marktplatz von Stadtlengsfeld im Wartburgkreis ein Frauenhaus, später auch eine Unterkunft für ganze Familien in Notsituationen. Den Experten zufolge wurde es vermutlich "lange vor 1800" erbaut. Das Gebäude im Besitz der Stadt war bei der Neugestaltung des Marktes zunächst nicht berücksichtigt worden – trotz offenbar verfügbarer Finanzmittel im Programm der Städtebauförderung. Die Gründe dafür sind dem Schwarzbuch zufolge unklar. Es folgte der Verfall. Im vergangenen Jahr wurde das Gebäude schließlich zu einem Sicherheitsrisiko. Wegen akuter Einsturzgefahr wurde es im November abgerissen. Einzig der historische Keller soll nach den Abrissauflagen erhalten bleiben.