Norwegen ist das Land der verzweifelten, sentimentalen Künstlertypen: Edvard Munch, Knut Hamsun, Karl Ove Knausgård. Joachim Triers Filme passen da gut hinein. Schon sein Frühwerk "Auf Anfang" (2006) beschreibt den traurigen Konflikt zweier Männer, die große Schriftsteller werden wollen. Sein Durchbruchsfilm "Der schlimmste Mensch der Welt" (2021) handelt nicht nur von der orientierungslosen Julie, sondern auch von ihrem Partner Eivind, einem krebskranken Comiczeichner.
In "Sentimental Value" steht erstmals eine Künstlerin im Mittelpunkt, die Theaterschauspielerin Nora Borg (Renate Reinsve). Aber auch sie muss sich die Bühne mit einem sentimentalen Künstlertypen teilen: ihrem Vater Gustav (Stellan Skarsgård).
Der ist nicht nur ein frustrierter, weil vergessener Regisseur, sondern auch Familienpatriarch. Wegen seiner früheren Erfolgskarriere war er kaum für seine Kinder da. Nach dem Tod der Mutter ist er wieder zurück und hält für Nora ein Angebot bereit: Sie soll die Hauptrolle in seinem neuen Filmprojekt spielen.
Gentleman im Strandidyll
Die Tochter lehnt ab, mit ihrem gönnerhaften Vater ist sie durch. Aber auch den scheint das nur kurz zu kränken. Bald trifft er Hollywood-Schauspielerin Rachel Kemp (Elle Fanning) und gibt ihr die Rolle, die – man ahnt es bereits – eigentlich auf seine Tochter zugeschnitten ist. Was folgt, ist ein melodramatischer Konflikt, der alle Parteien an ihre Grenzen bringt. Am Ende, so viel sei verraten, fließen die Tränen.
Joachim Triers sentimentale Künstlerpersönlichkeiten sind zuallererst Menschen. Ihre künstlerischen Handlungen sind Abbild persönlicher Konflikte. Und der Regisseur ist ein rücksichtsloser Romantiker, das unterscheidet ihn von den düsteren Menschen- und Gesellschaftsbildern bei Munch, Hamsun und jüngst Knausgård.
Besonders deutlich wird das bei der ersten Begegnung Gustav Borgs mit Filmstar Rachel Kemp. Nach einer trinkfreudigen Nacht am Strand eines Luxushotels spielt der Künstler den großen Gentleman. Im sanften Licht der aufgehenden Sonne winkt er mit der Champagnerflasche in der Hand eine Pferdekutsche herbei. Begeistert springt Kemp auf und fährt beschwingt von dannen.
Glamour und Tränen
Ihr Tross aus Agenten und PR-Beratern rennt verzweifelt hinterher, während Borg nur besonnen lächelt: Er hat das Herz seiner zukünftigen Hauptrolle schon gewonnen. Und Joachim Trier das seines Publikums. "Sentimental Value" umarmt Glamour und Allüren wie ein Luchino Visconti ("Tod in Venedig") oder Paolo Sorrentino ("La Grande Bellezza"). Bei Trier nur fühlt sich das etwas kitschiger, abgegriffener, altherrenhafter an. Charmant ist es trotzdem.
Bei all dem Hollywood-Trubel bleibt Tochter Nora frustriert zurück. Liebe scheint ihr Künstlervater nur denen geben zu können, für die er keine Fürsorgepflichten hat. Als die Entfremdete ihren "Ersatz" Rachel Kemp zum ersten Mal sieht, tut sie das durchs Fenster ihres Elternhauses. Wieder ist die Figur ästhetisiert, umrahmt von tiefgrünen Bäumen, neben ihr der stolze Regisseur Gustav Borg. Diesmal trifft die glänzende Welt des Films auf den privaten, häuslichen Schmerz der Zurückgelassenen.
Und so ist "Sentimental Value" ein melodramatisches Wechselbad der Stimmungen – mal prächtig, mal traurig, oft auch skurril in seinen komödiantischen Überspitzungen. Enttäuscht dürfte nur werden, wer hinter Glamour und Tragödie einen Film über die Kunst, das Schauspiel und den Film erwartet. All das bleibt für Joachim Trier nur hübsche Staffage, Hintergrund für ein intensiv gespieltes Stück, in dessen Mittelpunkt am Ende der Patriarch thront. Eine sentimentale Künstlerfigur ohne künstlerische Tiefe.