Marina Abramovic im MoMA

Setz dich her und lass dich quälen

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„Ich bin die Coca-Cola der Kunst. Wenn von Marina Abramovic die Rede ist, wissen alle, es geht nicht um Skulptur.“ Die selbst ernannte Mutter der Performance ist in diesen Wochen in New York nicht zu übersehen. Übergroß blickt sie von Häuserwänden durch die Straßenschluchten. Die fotorealistischen Wandmalereien kündigen ihre umfassende Retrospektive mit der bislang längsten Soloperformance eines Künstlers im musealen Kontext an. Kurator Klaus Biesenbach installiert mit dieser Ausstellung erstmalig eine Kunstform, die lange als unverkäuflich, vergänglich, kaum verständlich und schwierig einzuordnen galt, fest im Museumskanon.

„The Artist Is Present“: Abramovic hält, was sie verspricht; an allen 77 Tagen, insgesamt 600 Stunden, wird sie im großen Atrium sitzen und kein einziges Wort sprechen. Ein leerer Stuhl ihr gegenüber lädt das Publikum zum Mitmachen beziehungsweise Auch-nichts-Machen ein. Sie hat diese neu konzipierte Arbeit bewusst in der großen Halle platziert: „Für mich ist das Atrium wie ein Tornado. Inmitten jedes Wirbelsturms gibt es ja einen Ruhepunkt, und um diesen ging es mir.“

Noch in der ersten Woche sitzt ein junger Mann die Grand Dame während der gesamten Öffnungszeit, glatte acht Stunden, aus. Ein paar Tage später dreht Anya Liftig, Performancekünstlerin aus Brooklyn, Abramovics Inszenierung noch ein bisschen weiter, im ebenfalls dunkelblauen bodenlangen Kleid und mit ähnlicher Frisur. Abramovic´s Blick bohrt sich geduldig durch das eigene Spiegelbild zu anderen Horizonten.

Flankiert wird dieses fulminante Eingangsstatement von zahlreichen Re- Performances, Videoinstallationen, Fotodokumentationen und Installationen. Ursprünglich hätten die Besucher auf dem Weg dorthin durch einen schmalenEingang an einer nackten Frau und einem nackten Mann vorbeigezwängt werden sollen, eine Wiederaufführung von „Imponderabilia“ (1977). Das MoMA erbat sich, sehr zum Ärger der Künstlerin, eine Alternative, ohne Körperkontakt. Reale nackte Menschen schockierten das amerikanische Publikum.

Für diese und andere Re-Performances hat Abramovic 36 Künstlerinnen und Künstler eigenhändig monatelang ausgebildet, die unblutigen, ungefährlichen Höhepunkte ihrer Karriere live nachzustellen. Viele davon – darunter „Imponderabilia“ – stammen aus ihrer zwölfjährigen privaten und kreativen Partnerschaft mit dem deutschen Künstler Ulay (Frank Uwe Laysiepen). Das Ende dieser Beziehung findet vor laufenden Kameras statt, am Schluss einer dreimonatigen Performance, bei der sich beide zu Fuß auf der chinesischen Mauer nähern. Die Dokumente sind ebenfalls an den Wänden des MoMA zu bestaunen.

Disziplin, Stille, Ausdauer, Gewalt, Vergänglichkeit, Sex, Schmerz, Totalitarismus – es sind die großen Themen, die Abramovic in ihrer 30-jährigen Karriere radikal am eigenen Körper durchexerziert, wobei sie immer wieder ihr Leben riskiert. Die brutalen, frühen Einzelarbeiten werden in verschiedener Form als Archivmaterial gezeigt. In „Rhythm 5“ liegt Abramovic im Zentrum eines brennenden fünfzackigen, kommunistischen Sterns und erstickt dabei fast. In „Rhythm 10“ sticht sie mit einem Messer in serbischer Tradition rhythmisch immer schnellerwerdend zwischen ihre Finger – bis sie trifft und dann ein frisches Messer nimmt.

In ihrem vielleicht bekanntesten Werk, „Rhythm 0“ (1974), steht sie passiv in einem Ausstellungsraum, scheinbar zufällig arrangiert mit 72 Gegenständen: unter anderem eine Schere, ein Lippenstift, eine Peitsche und ein geladener Revolver. Ein Schild fordert die Gäste auf, die Objekte nach Belieben einzusetzen. Nach sechs Stunden endet die Performance in einem Tumult, Abramovic, halb nackt und mit Slogans beschmiert, spürt die Schusswaffe im Nacken, sie wehrt sich nicht, nur die Augen schwimmen in Tränen. Keine dieser Arbeiten hat, hier aufbereitet für ein Massenpublikum, an Stärke verloren.

Nur sehr wenige neuere Werke enttäuschen. Etwa „The Hero“, eine Mixed- Media-Installation mit einem Video: Abramovic hält, auf einem weißen Pferd sitzend, zur jugoslawischen Hymne eine weiße Flagge, davor ein Schrein mit den Orden ihres Vaters. Vor allem die aufwendig produzierte Videoarbeit „Balkan Erotic Epic“, in der nackte Männer scheinbar Gras begatten, Frauen in Bauernkostümen ihre Genitalien tanzend im Regen strecken und Abramovic ihre (neuen brasilianischen) Brüste massiert, ist vom seltsamen Pathos einer längst vergangenen Welt überzogen.

Dieser monumentale Kitsch – jenseits von Camp – ist, wenn man den Biografen Glauben schenken kann, Abramovics kommunistischer Erziehung unter Tito zu verdanken. Und der schwierigen Beziehung zu ihrer unerbittlichen Mutter Danica.Vielleicht ist es auch nur eiserner Ehrgeiz und der ungebrochene Wille, unsterblich zu werden. In diesem Jahr werden fünf Bücher über ihr Leben und/oder ihr Werk publiziert, ein Filmteam folgt ihr seit neun Monaten auf Schritt und Tritt, jede Minute bis zur Schweigephase war voll mit Interviews, Anproben, Stelltests, Kostümkontrollen, Fototerminen.

Dieser Retrospektive gelingt es, die Großzügigkeit und den Größenwahn einer eiskalten Charismatikerin und bahnbrechenden Frau einzufangen. Institution und Künstlerin haben nur überschaubare Kompromisse eingehen müssen. Die berühmte Marke Marina Abramovic wurde bei der Musealisierung nicht zu Cola light verwässert. 

Museum of Modern Art, New York, bis 31. Mai
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