Ein anonymer Künstler, der seit neun Jahren unter dem Pseudonym SHL0MS im Internet unterwegs ist, postet auf X ein Bild von einem Seerosen-Gemälde von Monet, zusammen mit der Behauptung, dass er dieses Bild mit KI generiert habe. Und er fordert seine Follower dazu auf, zu erklären, warum diese KI-Version den Monet-Bildern ästhetisch unterlegen ist. Wie nicht anders zu erwarten, haben Tausende X-Nutzer eine Meinung zu diesem Thema. Die Farben seien nicht stimmig. Die Form der Seerosen sei verzerrt. Die Lichtreflexion sei falsch dargestellt. Der Farbauftrag sei anders als bei Monet. Dann enthüllt SHL0MS, dass er alle hereingelegt hat und das Bild in Wirklichkeit doch von dem französischen Impressionisten ist.
SHL0MS macht von der Monet-Abbildung ein NFT (ja, das gibt es noch) und verscherbelt es für gut 40.000 Dollar an einen anonymen Käufer. "Und dann prahlt er in einem nicht enden wollenden Interview mit dem Blog einer NFT-Börse, wie die müßige Internet-Debatte ein Kunstwerk namens "Inferior Image" gewesen sei: Dazu gehören "mein Tweet, die Antworten, die kuratierte Sammlung der Kritiken, die Diskursebene, die sich über all das gelegt hat. Das NFT ist die Verdichtung dieser vielschichtigen Debatte, ein Schlussstein." Echt jetzt?
Man könnte das Ganze auch ganz einfach so beschreiben: Jemand veröffentlicht einen polarisierenden Post in den Sozialen Medien. Ein Online-Mob hat dazu allerhand Meinungen, die im umgekehrten Verhältnis zur Sachkenntnis stehen. Was genau ist daran neu? Sind die Sozialen Medien nicht genau dafür erfunden worden?
Auch dass es SHL0MS gelungen ist, seine tolle Idee als NFT zu "Monet-arisieren" (sorry, den Kalauer kann ich mir einfach nicht verkneifen), ist nichts Neues: Viele Menschen verdienen Geld damit, dass sie rage bait im Internet posten. (Mal ganz abgesehen davon, dass dieser Move im krassen Gegensatz zur Zielrichtung seiner anderen Werke steht, die oft den Krypto-Kult zu kritisieren scheinen …)
Manipulierter Algorithmus
Bei all dem versucht SHL0MS, mit viel Kunstsprech den Eindruck zu erwecken, dass er mit seiner Arbeit eine irgendwie aufklärerische Absicht verfolgt – etwa Desinformation im Netz zu thematisieren. Hier ist ein Vergleich mit anderen Künstlern instruktiv, die ebenfalls versucht haben, mit ihrem Publikum in Dialog zu treten. Für den US-amerikanischen Konzeptkünstler Ian Wilson zum Beispiel waren die Konversationen mit seinen Zuschauern so kostbar, dass sie nicht einmal aufgezeichnet werden durften. Unvergessen auch die Hingabe, mit der Joseph Beuys die Leute bei Vorträgen, Diskussionen und Fernsehauftritten von seinen Ideen zu überzeugen versuchte. Die Menge an CO₂, die er verbraucht hat, um den Menschen die Soziale Plastik zu erklären, dürfte in etwa der heißen Luft entsprechen, die bei SHL0MS' oberschlauer "Online-Performance" entstanden ist.
SHL0MS' Verachtung für die Leute, die auf seinen Gotcha-Trick hereingefallen waren, geht hingegen so weit, dass er die Antworten, die zwar falsch, aber ihm genehm sind, sogar noch "kuratiert": Weil unter seinem cleveren Post "zu viele Nicht-Antworten und Witzeleien" geschrieben wurden, "werde ich nun nur jene Antworten zitieren, die sich inhaltlich mit meiner Frage auseinandersetzen", doziert er im Schutz der Anonymität. Die Art, wie er dabei Reposts ineinander verschachtelt, stammt aus dem Internet-Marketing, wo sie als "Circular Quote Tweeting" im Dienste des "Engagement Farming" bekannt ist. Kurz gesagt: SHL0MS verlinkt seine Reposts immer wieder selbst, um durch diese Feedback-Schleifen bei X den Algorithmus zu manipulieren. Er bedient also genau die durchoptimierte Art von Aufmerksamkeitsökonomie, die er eigentlich kritisieren will.
Denkt man an Arbeiten, die vorschnelle Urteile über Internetinhalte aufs Korn nehmen, kommt Cornelia Sollfranks "Female Extension" von 1997 in den Sinn. Die deutsche Künstlerin hatte damals Hunderte von Pseudo-Kunst-Websites von einer frühen Form von Künstlicher Intelligenz generieren lassen und diese unter weiblichen Pseudonymen bei einem Netzkunst-Wettbewerb der Hamburger Kunsthalle eingereicht. Eine hochkarätige Jury fiel auf den Prank herein und examinierte gewissenhaft alle Nonsense-Beiträge. Zwar gewann keine der Quatsch-Websites den Preis. Aber die Hamburger Kunsthalle hob in einer Pressemitteilung hervor, dass besonders viele Frauen an dem Wettbewerb teilgenommen hätten.
Maximaler Krawall
Sollfrank nahm damit gekonnt die Hybris einer traditionellen Kunstinstitution auf die Schippe, die Werke einer Kunstrichtung bewerten wollte, von der sie keine Ahnung hatte. Die Pointe ging auf Kosten der anmaßenden Jury und der Kunsthalle. Bei SHL0MS' arroganter Online-Performance werden hingegen random X-Nutzer vorgeführt. Deutlich wird nur eins: dass viele Leute irgendwelches Zeug in Social-Media-Apps tippen, ohne sich groß Gedanken zu machen. Das weiß man allerdings schon, wenn man länger als eine Woche ein beliebiges Soziales Medium genutzt hat.
Zu den vorangegangenen Aktivitäten von SHL0MS gehörte es übrigens, eine Falschmeldung über das Ende von Gmail in Umlauf zu bringen. Und ein getürktes Bild von Donald Trump, der vor dem Schoß von Bill Clinton kniet, als wollte er ihn oral befriedigen. Und irgendwie wird man den Eindruck nicht los, als ginge es hier jemandem weniger um medienkritische Internetkunst – als vielmehr um maximalen Krawall.