„Koffer der Unsichtbaren“
„Koffer der Unsichtbaren“
Bilal Hakan Karakaya
„Ein Mann verlässt sein Zuhause, um zu arbeiten; hinter ihm bleibt Stille. Während wir ihm folgen, durchqueren wir diese Stille.” (John Berger, „Der Siebte Mensch. Eine Geschichte über Migration und Arbeit in Europa“, 1975)
Verheißungsvoll öffnet sich der Deckel eines schwarzen Koffers. Im Innern schimmert Licht durch ineinander verschlungene, spiegelnde Metallstreben. Die ornamental angelegte Struktur könnte an Fensterrosen, Computerplatinen oder Grundrisse erinnern. Dazwischen finden sich rote, grüne, gelbe oder blaue Glaseinsätze. Hinterfangen von diffusem Licht, welches durch die gläsernen Mosaiksteine sickert, beginnt die urban anmutende Struktur aus sich selbst heraus zu funkeln, gleicht einer märchenhaft geheimen Kostbarkeit. Ein zweiter Koffer öffnet sich, gibt die blanke Silhouette einer Bahnhofsstation frei, deren Spiegelbild sich aus in Bewegung befindlichen Partikeln formt. Weitere Metalle breiten sich gleich weit verzweigten Bahnschienen zu allen Seiten hin aus, beginnen über die Wände zu mäandern, befördern den reisenden Blick ins Ungewisse. Dazu erwachsen aus den Köpfen menschlich anmutender Figuren Blumen, knospen aus ihren Gedanken, welche wiederum die Wurzel des kreativen Erblühens bilden.
Im künstlerischen Kosmos von Bilal Hakan Karakaya, der 1979 in Ankara geboren wurde, an der Gazi Universität studierte und 2006 nach Istanbul zog, finden sich wiederkehrend labyrinthisch angelegte urbane Strukturen. Diese sind teils an reale Städte angelehnt oder speisen sich aus der Fantasie des Künstlers. Als hybride, oftmals kugelförmige Gebilde besitzen sie dabei keinen Anfang und kein Ende, sind zum dichten Gewebe geknüpft oder wie verschlungene Ranken verwoben. An der Grundlinie gespiegelt, scheint es, als wären die Städte oberhalb einer glatten Wasseroberfläche platziert. Ihre fantastisch anmutenden Silhouetten erinnern an die kristalline „Alpine Architektur“ von Bruno Taut, welchem die Nationalsozialisten in Deutschland die Professur entzogen und der daraufhin einem Ruf an die Universität in Istanbul folgte. Karakayas fiktive Architekturen streben ebenso in die Höhe, können aber auch wie spitze Dornen auf einer Kugel sitzen oder sich im kleinsten Kreis um sich selbst winden.
All seine Skulpturen, die in Sammlungen im In- und Ausland vertreten sind, fügen sich aus diversen Materialien wie Stein, Metall und Holz. Teilweise nutzt er für Arbeiten wie „Adam & Eve“ (2017) auch im Außenraum gesammelte Fundobjekte. Seit Neuestem fließen zudem digitale Hilfsmittel in seine künstlerische Praxis ein, nutzt Karakaya Designprogramme und erstellt 3D-Skulpturen. Im Ausstellungsraum wie Malerei präsentiert, legen letztere jedoch kaum mehr ihren Herstellungsprozess offen. Digitale Praktiken sind auch innerhalb der Ausstellung in der Galerie Anna Laudel in Düsseldorf von Bedeutung, in deren Räumlichkeiten in Istanbul Karakayas Arbeiten 2014 erstmalig zu sehen waren. Die Spanne des genutzten Materials erweitert sich um die digitale Sphäre, indem sich beispielsweise das in einem der Koffer befindliche Granulat wie von Geisterhand zur spiegelbildlich angelegten Bahnhofsarchitektur formt. Das Granulat wird dabei von einem Magneten kontrolliert, dessen Betrieb sich auf von Karakaya selbst verfassten Code stützt.
Mit „Koffer der Unsichtbaren“ findet nach zahlreichen Ausstellungsteilnahmen im Inland Karakayas erste Schau außerhalb der Türkei statt. Innerhalb der Präsentation in Düsseldorf bildet der Koffer aber nicht nur physisch, sondern auch metaphorisch das titelgebende Element, rekurriert auf den 1985 von Maria Papoulias geprägten Begriff der „Kofferkinder“. Dieser beschreibt eine Generation von Kindern, die aufgrund von Arbeitsmigration nach Deutschland getrennt von ihren Familien aufwuchsen. So auch Karakaya, dessen Vater den zwei Jahre alten Sohn in der Türkei zurückließ, um einer Tätigkeit in Deutschland nachzugehen. Fern der Heimat verstarb er, ohne den Sohn je wiedergesehen zu haben. Innerhalb seiner neuen Serie versucht Karakaya dem Vater nachzuspüren, die von ihm hinterlassene Stille zu durchmessen und seine Stimme erneut hörbar zu machen. Dabei verbinden den Künstler nur wenige erinnerte Bilder mit dem eigenen Vater. Eines davon ist das Bild eines Bahnhofs, das im kollektiven Bewusstsein gleichermaßen für tränenreiche Abschiede und freudige Wiederbegegnungen, für Aufbruch und Heimkommen, aber auch für zehrenden Wartezustand stehen kann. Als Symbolbild ist der Bahnhof eng mit Migrationsgeschichte verbunden, die Karakaya damals wie heute mit einer Vielzahl von Menschen teilt.
In Istanbul standen gleich zwei große Bahnhöfe am Anfang einer jeden Reise. Sie boten einen ersten Einblick in europäische Kultur, verbanden die Türkei gleich auf mehreren Ebenen mit Deutschland. Die Station Haydarpaşa wurde von zwei deutschen Architekten entworfen und 1908 auf der asiatischen Seite Istanbuls fertiggestellt. Ausgestattet mit Steinfassade und Giebeldach erinnert der Bau an deutschen Neoklassizismus und bildete den ersten Berührungspunkt vieler Arbeiter mit Deutschland. Die Station Sirkeci wurde 1890 ebenfalls von einem deutschen Architekten auf der europäischen Seite Istanbuls erbaut, erlangte als Endbahnhof des Orient-Express Bekanntheit. August Jachmund führte byzantinische mit westlichen Einflüssen zusammen, schuf ein semi-orientalistisches Gebäude mit markanten Buntglasfenstern. So wie das Licht durch die fragmentierten Fenster fällt, tritt bei Karakaya, ausgelöst durch eine Reise nach Deutschland, auch die verloren geglaubte Erinnerung an den Vater zurück an die Oberfläche. Dieser war zunächst bei der türkischen Staatsbahn angestellt, wechselte später in die Stahlindustrie. Zwischen den Kontinenten sind somit nicht nur die Bahnstationen, sondern auch die Kofferkinder selbst angesiedelt. Ihre Zerrissenheit spiegelt sich in Karakayas Skulpturen, welche wie im Wartezustand befindlich verharren und deren fragmentierte Gesichter sich in ihre Bestandteile, in Granulat, aufzulösen scheinen – schwer lastet noch immer ihr Gepäck.
Überall dort, wo Menschen ihre Heimat missen, sie verließen, weil sie mussten um zu überleben, existieren Orte weiter in Erzählungen. Diese Orte der Erinnerung sind dann wie Menschen, die gleichsam in zwei Ländern weilen, da und zugleich fort erscheinen. Die Ausstellung weilt an diesen Orten der Erinnerung, wandelt auf den verblichenen Spuren der fern geglaubten Eltern. Diese Orte vereinen Hoffnungen, Träume und Ängste in sich, verweigern sich jeglichem Wahrheitsanspruch und sind doch real. Das Unterbewusste war auch vorher schon präsent in Karakayas Werken, wenn er aus Märchen, Träumen und Phänomenen schöpfte, die auf anatolischen und griechischen Mythen gründen. Darüber hinaus finden Erfahrungen von Schlafstörungen wie Albträume oder „Schlafparalyse“ Einlass in sein Werkschaffen. Letztere beschreibt einen diffusen Wachzustand, welcher den im Geiste Erwachten bewegungsunfähig macht. Ähnlich der Kofferkinder, welche wie gelähmt die Distanz zur gefühlten Heimat zu überwinden suchten. So lässt sich die Ausstellung „Koffer der Unsichtbaren“ gleichermaßen mit offenen wie mit geschlossenen Augen betrachten, mit einem wie im Traum begriffenen Geist.
Text von Julia StellmannANNA LAUDEL