In seiner künstlerischen Praxis nähert sich Michail Pirgelis dem Thema der Skulptur auf vielfältigen Ebenen. Seine Werke loten die Grenzen unseres Verständnisses von Objekten aus und erweitern die Erfahrung des Skulpturalen auf neuartige Weise. Für seine erste institutionelle Einzelausstellung in Österreich entsteht in der historischen Montagehalle des Kunstraum Dornbirn eine ortsspezifische Installation mit neuen Arbeiten.
Der Künstler arbeitet mit vorgefundenem Material, welches er über die letzten 20 Jahre ausrangierten Passagierflugzeugen entnommen hat, die er überwiegend auf amerikanischen Flugzeugfriedhöfen in der Mojave-Wüste Kaliforniens und Nevadas findet. Dabei werden Fensterreihen, Flugzeugböden oder Außenwände aus Aluminium herausgeschnitten und im Kölner Atelier zu Wandarbeiten oder freistehenden Skulpturen weiterverarbeitet. Die einzelnen Teile bringen für den Künstler bestimmte Voraussetzungen mit, die aus strukturell-architektonischen Eigenschaften hervorgehen und mit denen Pirgelis in der Komposition arbeitet: geometrische Muster, menschliche Gebrauchsspuren wie Codes oder Markierungen ebenso wie Perforationen und Nieten. Auch Spuren von Abnutzung und Witterung, etwa durch Sonne oder Sandstürme, zeichnen sich auf den Oberflächen ab. Durch Abtragen, Schleifen und Polieren legt Pirgelis Details und Strukturen frei oder macht sichtbar, was sonst verborgen bleibt. Gezielte Eingriffe und Fragmentierung ermöglichen ihm eine Transformation hin zur Abstraktion.
„Mein Interesse gilt Materialien aus der Luftfahrt, aber eigentlich ist es vor allem die Suche nach authentischen Stoffen, die eine besondere Historie aufweisen, die mich antreibt. Es ist nicht mein Anliegen, den technischen Fortschritt zu kennzeichnen oder zu enthüllen. Vielmehr interessiert mich, den Zweck des Materials zu entfremden und auf eine andere Realität hinzuweisen.“ – Michail Pirgelis
Aus seiner materialbasierten Praxis entwickelt Pirgelis ein vielschichtiges System kunsthistorischer und medialer Referenzen. Seine Skulpturen reaktivieren neben den Mechanismen des Readymade auch Konventionen des Postminimalismus und der Konzeptkunst – und hinterfragen sie zugleich. So verweisen die Werke in Material und Form zwar auf minimalistische Skulpturen, jedoch werden Oberflächen bewusst unvollkommen belassen. Kratzer erzeugen grafische Elemente, während verbliebene Farbspuren gestische Qualitäten wie im Abstrakten Expressionismus assoziieren lassen.
Aus Fragmenten, deren ursprüngliche Materialität und Herkunft sichtbar bleibt, entstehen autonome Werke, die eine eigenständige ästhetische Erfahrung bieten. Dieses Wechselspiel zwischen industriellem Readymade und transformatorischem Eingriff schafft eine eigene, skulpturale Sprache, die unser kollektives Gedächtnis anspricht und neue Wahrnehmungsräume eröffnet.
Einst für die Endmontage großer Stahlteile wie Turbinenanlagen der Rüschwerke gebaut, bildet die historische Architektur der ehemaligen Industriebrache des Kunstraum Dornbirn einen besonderen Rahmen für Pirgelis‘ Werke. Die Skulpturen, ihre bearbeiteten Oberflächen und ihre Positionierung, reagieren auf die rohe Struktur der Halle und führen die Geschichte von Nutzung und Transformation fort. Gleichzeitig wird die autonome Präsenz der Werke in ihrem ästhetischen Potential und ihrer räumlichen Setzung eindrucksvoll erfahrbar.