Philippa Brück "How close they are to the starlit sky"
Ein Porzellanpferd, eine schillernde Muschel, das Blatt einer seltenen Pflanze: In einer Wunderkammer hätten sie nebeneinander liegen können. Nicht, weil sie zusammengehörten, sondern weil ihre Nähe eine Relation entstehen ließ, die es zuvor nicht gab. Das Staunen lag nicht allein in den Objekten selbst, sondern in der Möglichkeit, sie anders zu sehen.
Etwas Ähnliches geschieht in den Malereien von Philippa Brück. Tierische und pflanzliche Formen, organische Strukturen und ornamentale Elemente begegnen einander in Landschaften, die weniger eine äußere Welt abbilden als eine innere in Erscheinung treten lassen. Dinge verlieren ihren vertrauten Zusammenhang, ohne dabei ihre Herkunft ganz abzulegen. Ein Tier kann zugleich Figur und Erinnerung sein, eine Muschel zugleich Gegenstand und Träger einer Vorstellung. Philippa Brücks Bilder bewegen sich dort, wo Wahrgenommenes und Erinnertes, Wirklichkeit und Imagination miteinander verschmelzen.
Ihre Natur ist deshalb keine unberührte Gegenwelt. Sie ist bereits von menschlichen Bildern, Wünschen und Sehnsüchten durchdrungen. Das zeigt sich besonders in den Porzellanfiguren, auf die viele ihrer Motive zurückgehen. Als dekorative Objekte verkörpern sie eine gezähmte, idealisierte Natur: erschaffen zum Anschauen, Besitzen und Sammeln. Philippa Brück löst sie aus dieser Ordnung - in ihren Gemälden werden sie zu Wesen einer überästhetisierten, schwerer bestimmbaren Landschaft. Ihre perlmuttartigen Oberflächen und leuchtenden Farben ziehen an, während etwas im Ungewissen und Verborgenen bleibt.
Für die Ausstellung tritt Philippa Brücks über Jahre gewachsene Sammlung in den Raum. Neben den Gemälden begegnen uns eben jene Artefakte, die die Malerin gesammelt und in ihre Bildwelt überführt hat. Manche sind in ihnen wiederzufinden, andere haben lediglich Spuren hinterlassen. Was im Bild verwandelt erscheint, offenbart hier seine ursprüngliche Gestalt. Doch der Weg der Metamorphose lässt sich nicht zurückverfolgen: Die Dinge erklären die Bilder ebenso wenig, wie die Bilder die Dinge erklären. Erst in ihrer Nachbarschaft entsteht ein Raum für Assoziationen.
Nichts bleibt ganz in seiner Gestalt. Dieses Motiv von Wandel und Verwandlung findet sich auch in den subtilen mythologischen Bezügen, mit denen Philippa Brück ihre Bildwelten durchzieht. Orpheus, der mit seinem Gesang die Natur in Bewegung versetzt, klingt darin ebenso leise an wie Ovids Metamorphosen: Menschen, Götter und Nymphen werden zu Pflanzen, Tieren oder Sternbildern; Verfolgte nehmen andere Gestalten an, aus Jägern werden Gejagte. Bei Philippa Brück treten uns solche Verwandlungen eher beiläufig entgegen. Sie zeichnen sich in einzelnen Figuren oder Bilddetails ab, manchmal erschließen sie sich erst über einen Titel.
So sind die Dinge selbst nie ganz das, was sie zu sein scheinen. Eine Porzellanfigur bleibt Porzellanfigur und wird doch zu etwas anderem. Eine Muschel bleibt Muschel und trägt zugleich etwas in sich, das über ihre materielle Form hinausweist. Zwischen Objekt und Vorstellung, Natur und Bild, Herkunft und Verwandlung entsteht ein Schwellenraum, der seine eigenen Geschichten entspinnt.
Text: Isabella Engelhardt