Survival Kit. Monochromie der Négritude oder die Einführung in den Modernismus
Zwischen einem Familienarchiv und der kollektiven Dimension eines gemeinsamen Erbes: Die Geschichte der zeitgenössischen senegalesischen Malerei von 1960-1990 geht unter dem Titel "Monochrome of Négritude or the Introduction to the Modernists" in der ifa-Galerie Stuttgarter in die Fortsetzung und stellt die Pionier:innen der senegalesischen Moderne ins Zentrum.
"Wenn wir trauern, suchen wir nach den Spuren der Menschen, die wir verloren haben. Meine Mutter Anne Jean-Bart schrieb in den 1980ern über die pulsierende Kulturszene Senegals. Mich in ihr Archiv zu vertiefen war mit Schmerz verbunden, half mir aber, mir Wissen über Künstler:innen, Denker:innen und Bewegungen anzueignen – aus einer Zeit, in der die Stadt von kreativer Energie erfüllt war.
Ihre Texte wurden zu meinem ersten Archiv – intim, fragil und aufschlussreich, stellten sie Fragen nach Erinnerung, Identität und Erbe. Daraus entstand Survival Kit – ein sich weiterentwickelndes Projekt, zugleich Werkzeug und Archiv, gedacht für kommende Generationen. Es bekräftigt ein Erbe, das sowohl unser eigenes als auch universell ist: das künstlerische Vermächtnis Senegals.
Nach Stationen in Saint-Louis, Dakar und Berlin kommt "Survival Kit" nach Stuttgart und knüpft hier an das Konzept des ehemaligen Dichters und Präsidenten Senegals Léopold Sédar Senghor an, Kunst als Kraft der Emanzipation und nationaler Identität zu verstehen. Das Projekt rückt die Pionier:innen der senegalesischen Moderne ins Zentrum – Amadou Ba, Seni Awa Camara, Mor Faye, Boubacar Sadikh Traoré, Younousse Sèye, Iba N’Diaye und andere. Ihre Werke, einst Kern der École de Dakar, markierten einen Wendepunkt in der visuellen Geschichte Senegals und Westafrikas.Diese Ausstellung ist ein Übergang: eine Reaktivierung einer allzu oft verdrängten Erzählung, einer Geschichte von Künstler:innen, die ihr eigenes Vokabular der Emanzipation schufen – im Dialog mit der Négritude, wie auch im Bruch mit ihr. Ein lebendiger Raum aus Stimmen, Fragmenten und Echos, verwurzelt im Persönlichen, getragen von einem kollektiven Willen zur Weitergabe und Transformation. Wie der Philosoph Souleymane Bachir Diagne es formuliert: Erinnerung bewahrt nicht nur die Vergangenheit – sie erfindet sie neu, um die Zukunft zu erhellen."
Ken Aïcha Sy
Als lebendige und sich weiterentwickelnde Methodik ist "Survival Kit" nicht nur eine Ausstellung, sondern auch ein kuratorisches Werkzeug, das Zusammenarbeit und transdisziplinären Austausch fördert. Im Rahmen des begleitenden öffentlichen Programms kommen lokale wie internationale Künstler:innen, Historiker:innen und Datenkurator:innen zusammen, die sich in den letzten Jahren mit Fragen der Restitution, Modernität und Archivierungspraxis beschäftigt haben. (Siehe Rahmenprogramm)
Ken Aïcha Sy ist Kuratorin, Forscherin und Gründerin der Plattform "Wakh’Art". In ihrer Arbeit untersucht sie Erinnerung, visuelles Erbe und kulturelle Weitergabe aus einer dekolonialen Perspektive. "Survival Kit" ist Teil einer laufenden kuratorischen Forschung zu künstlerischen Praktiken nach der Unabhängigkeit und ihrem Vermächtnis über Generationen hinweg.