Ursula Pallas künstlerisches Schaffen stellt den Menschen mit all seinem Tun, seinen Hoffnungen, Irrtümern und den Spuren, die er in der Welt hinterlässt, ins Zentrum. Dabei richtet sie den Blick auf seine vielschichtigen Beziehungen zur Umwelt und seine Verantwortung in diesem existentiellen Wechselspiel. Die Dimensionen verzweigen sich weitläufig, denn Palla versteht die Mensch-Umwelt-Beziehung nicht nur bezogen auf das gesamte Ökosystem, sondern auch im Übergang vom Natürlichen zum Artifiziellen, in den Bereichen der künstlichen Natur oder der Manipulation von Wahrnehmung – der Wahrheitsfindung in den Medien vs. Realität. Diese Verflechtungen, Spannungsfelder und wechselseitigen Abhängigkeiten bilden den thematischen Kern ihres Werkes. Die Schweizer Künstlerin interessiert sich besonders für jene oft übersehenen Momente, in denen sichtbar wird, wie fragil die Symbiose zwischen Mensch und Natur tatsächlich ist – und wie schnell Gleichgewichte kippen können, wenn Wahrnehmungsgewohnheiten, Konsumlogiken oder kulturell geprägte Wirklichkeitskonstruktionen dominieren.
Pallas Werke entstehen aus einem bewussten Dialog mit Materialien, Räumen und Geschichten. Durch die Verwendung verschiedener Medien – darunter Video, Fotografie, Klang, skulpturale Objekte und performative Elemente – erweitert sie die Wahrnehmungs- und Deutungsspielräume ihrer Themen. Häufig greift sie zu Naturmaterialien oder vergänglichen Materialverbindungen, wie den Birkenstämmen der Installation „Kleiner Wald“ (2015-2024) aus gepresstem Sand. Die inhärente Zeitlichkeit dieser Stoffe ist nicht nur ästhetisches Mittel, sondern gleichsam ein inhaltliches Statement: Das Vergängliche verweist auf Wandel, auf Verletzlichkeit und auf jene Prozesse, die sich der vollständigen Kontrolle des Menschen entziehen. In diesem Zusammenspiel erhält das Poetische eine bildnerische Form, die nie nur schmückt, sondern immer auch reflektiert, die bewusst zu irritieren vermag und stellenweise ambivalente sowie inhaltlich konfrontative Züge trägt. Diese Transformationsmomente zwischen Material und Inhalt macht Palla auf andere Weise sicht- und nutzbar, wenn sie etwa Waffenstahl mit Bronze schmilzt und zu wunderschönen filigranen Weidenröschen gießt. Die Pflanzenskulpturen nennt sie nach dem englischen Namen „Fireweed“ (2021), was auf die ökologische Rolle als Pionierpflanze auf verbrannten Flächen zurückgeht, beispielsweise in den Ruinen des Zweiten Weltkriegs.
Im Zentrum jeder Arbeit steht ein intensiver Prozess der Recherche und Wissensaneignung. Für Palla ist dieser Schritt untrennbar mit dem künstlerischen Denken verbunden: Das Sammeln von Informationen, das Beobachten von ökologischen Zusammenhängen, das Befragen wissenschaftlicher Erkenntnisse oder historischer Quellen bildet das Fundament, auf dem ihre ästhetischen Entscheidungen aufbauen. Dabei versteht sie Recherche nicht als nüchterne Datensammlung, sondern als lebendigen Prozess, in dem sich neue Perspektiven öffnen und mögliche Erzählstränge herauskristallisieren.
Die daraus entstehenden Arbeiten reichen von raumfüllenden, immersiven Videoarbeiten, die Besucherinnen und Besucher in atmosphärisch dichte, manchmal geradezu traumartige Bildräume hineinziehen, bis hin zu kleinformatigen skulpturalen Installationen, die mit feinen, präzisen Setzungen eine stille, doch eindringliche Präsenz entfalten. Trotz der formalen Vielfalt bleibt eine gemeinsame Haltung spürbar: eine Mischung aus sinnlicher Wahrnehmung, Fragilität, Nachdenklichkeit und einem erzählerischen Zugriff, der stets eine neue Facette jener empfindlichen Balance zwischen Mensch und Umwelt beleuchtet. In dieser Verbindung gelingt es Palla, komplexe Zusammenhänge zugänglich zu machen und zugleich Räume der Reflexion zu eröffnen.