Simon Faithfull in Berlin

Der mit den Tieren spricht

In Berlin sucht der Künstler Simon Faithfull nach neuen Beziehungen zwischen Mensch, Tier und Biosphäre. In einer Soloschau und einer von ihm kuratierten Gruppenausstellung im Kindl zeigt er, wie Kunst den Menschen aus dem Zentrum rückt

Am Bienenkorb herrscht Hochbetrieb. Das aus dem 3D-Drucker stammende Habitat besteht aus Maisstärke und ist ein Avatar des Künstlers Simon Faithfull, eine aus der Backsteinfassade des Neuköllner Kindl-Zentrums ragende Galionsfigur – innen hohl, Mund und Nasenlöcher als Fluglöcher konzipiert. Und von dort aus schwärmen die Bienen auch zahlreich aus, um Nektar und Pollen zu sammeln. Der Mensch hält still, um die Tiere machen zu lassen: Das ist auf unserem Krisenplaneten nun wahrlich nicht die Regel. Der Mensch geriert sich weiterhin als Krone der Schöpfung, als herausragende Spezies, die in der Natur schalten und walten darf, wie sie will.

Doch gegen den Trend zur Zerstörung von Lebensräumen kreisen im Kindl gleich zwei aktuelle Ausstellungen um wünschenswertere Beziehungen zwischen Menschen und den anderen Wesen der Biosphäre. Faithfulls Soloschau "Earth-ling" wird durch die von ihm kuratierte Gruppenausstellung "An Intimacy with Strangers" ergänzt. Da werden Menschen zu Tieren, wie in Marcus Coates’ "Local Birds", in dem Leute aus Nordengland zwitschern wie die Vögel aus der Gegend. Auf Fotos der Performance "Tompkins Square Crawl" hütet Pope L. eine Topfpflanze, während er gleichzeitig auf dem Bauch durch Manhattan robbt. Folke Köbberling weist unter dem Motto "Mash & Heal" mit kompostierbaren SUV-Nachbildungen auf den Verkehrsinfarkt hin, der unsere Städte bedroht. Außerdem kann man in Zheng Bos "Pteridophilia"-Video jungen Männern beim Sex mit Farnen zusehen.

Installationsansicht: rechts Skulptur auf Podest; links vier Fotos; hinten Öffnung mit Betonstützen
Foto: Jens Ziehe, 2026, © Nika Radić / VG Bild-Kunst, Bonn, 2026

Ausstellungsansicht "An Intimacy with Strangers", KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst, Maschinenhaus M1

 

Simon Faithfull, der 1966 in England geboren wurde und seit 2005 in Berlin lebt, schätzt nicht-humane Lebensformen als künstlerische Kooperationspartner. Beim gemeinsamen Ausstellungsrundgang zieht er unvermittelt seinen Pulli aus, um seinen linken Oberarm zu zeigen. Dort schlängelt sich eine gepunktete Tattoo-Linie, die der Krabbelstrecke einer Ameise entspricht. Während der Aktion zog Faithfull ihren Weg mit dem Stift nach, als Vorzeichnung. Doch zugleich habe er das Insekt auch damit gegängelt, gibt der Künstler zu. Die rotbehaarte Hautpartie störte die Ameise offenbar, während Faithfull die empfindliche Innenseite seines Arms nicht tätowieren lassen wollte – der Interessenkonflikt wurde mit dem Stift gelöst.

Land Art und Arte Povera

Fotos der "Collaboration with an Ant" (2023/26) bilden im Entree gemeinsam mit einer Arbeit von Giuseppe Penone ein Scharnier zwischen den Ausstellungen. Neben der Land Art von Robert Smithson oder Richard Long habe ihn früh die Arte Povera inspiriert, erzählt Faithfull. Zwei Bilder gegenüber seinem Ameisenprojekt zeigen Penones Skulptur "Toccare il tempo", bei der eine in Bronze gegossene Künstlerhand einen Baum berührt. 1968 wurde die Hand angelegt, während der Aufnahmen vor rund 20 Jahren waren Baum und Borke deutlich um die Bronzefinger herumgewachsen. Sozusagen in Ultra-Zeitlupe krallt sich der Baum den Menschen. "Das geht nur in der Kunst", schwärmt Faithfull.

Die Überschrift "An Intimacy with Strangers" passt besonders gut zu Jessica Segalls Zweikanalvideo "(un)common intimacy", das zurzeit auch in der "Silver Egg"-Schau des Karlsruher Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) zu sehen ist. Die Künstlerin selbst präsentiert sich auf den Aufnahmen bei zärtlichen Unterwasser-Dates mit Tigern und Alligatoren. Gedreht wurde in privaten Wildreservaten in den USA. Es geht um Wildnis und Zähmung, um Natur und Kommerz.

David Claerbout scharte vor rund zehn Jahren ein Team von Kunstschaffenden um sich, um in einem aufwendigen Prozess dem Animationsfilmklassiker "Das Dschungelbuch" die anthropomorphen Züge auszutreiben. Der Look des Disneyfilms ist noch da, aber die Tiere sind verstummt, kein Affentanz, kein King Louie, der sich mit dem Song "Ich wär’ so gern wie du" beim Menschenkind anbiedert. Und diesen Menschen, den kleinen Mogli, sucht man in dieser Version ebenfalls vergeblich. Das Video "The pure necessity" (2016) zielte ursprünglich auf einen soziologischen Vergleich. In der Nachkriegsgesellschaft ging man zusammen ins Kino, um etwa das 1967 uraufgeführte "Dschungelbuch" anzuschauen. Wenn Claerbout die Erzählung ausradiert, in der die Starken dem Schwachen beistehen, passt er die Geschichte der heutigen Lage an: In einer hoch individualisierten Gesellschaft schrumpft das Solidaritätsgefühl. Die Menschen leben nebeneinander her. Wie auch Disneys Originalfilm bezieht sich "The pure necessity" also auf menschliche Gesellschaften. In einer Ausstellung zum Verhältnis zwischen Mensch und Natur ist die Arbeit deplatziert. Schade.

Zerquetschte Kadaver

Eine andere Arbeit aus dem Dschungel-Kontext wirkt weit passender. In vier Fotoarbeiten aus der Serie "Caos, Série Mil [quase] Mortos" von 2018 verwandelt sich Emerson Pontes, alias Uýra Sodoma, eine brasilianische Transperson und Wissenschaftler*in mit sowohl europäischen als auch indigenen Wurzeln, in ein Fabelwesen aus der Natur, um auf das bedrohte Ökosystem Regenwald aufmerksam zu machen.

Unverzichtbar für die Gruppenschau – so Faithfull – seien auch Peggy Athertons Abgüsse von überfahrenen Tieren gewesen: Kadaver von zerquetschten oder gebrochenen Körpern von Füchsen, Kaninchen, Krähen oder Elstern, die als Porzellanfiguren aus der Serie "Roadkill" über die Räume verstreut sind. Er sei selbst auf dem Land aufgewachsen, erzählt Faithfull, in einer dörflichen Kommune. "Zur nächsten Ortschaft musste ich zu Fuß laufen – an vielen toten Tieren vorbei. Deshalb hat mich Peggys Arbeit so berührt".

Wie seine berühmte Halbschwester Marianne Faithfull (1946–2025) 20 Jahre zuvor, wuchs Simon in Braziers Park auf, einem Anwesen in South Oxfordshire. Die wesentlich ältere Musikerin und Schauspielerin "war wie eine entfernte Verwandte für mich, die sporadisch aufkreuzte. Als unsere Eltern starben, wurde der Kontakt enger. Sie war eine unglaubliche Frau: warmherzig, brillant, aber auch unzuverlässig", erzählt Faithfull. Die heute noch existierende Braziers Park School of Integrative Social Research wurde 1950 von dem Sozialreformer und Arzt Norman Glaister gegründet. Die von Marianne in ihrer Autobiografie als "Mischung aus hochfliegenden utopischen Ideen und reger Sexualität" beschriebene Kommune dürfte Simons Praxis nachhaltig geprägt haben.

Die Bedeutungslosigkeit des Menschen im Eis

Er studierte zwischen 1985 und 1996 Kunst in London und Reading. Im Rahmen der Versuchsreihe "Escape Vehicles" (1995–2005) schickte er einen Stuhl per Wetterballon an den Rand des Weltraums, eine Live-Videokamera filmte, wie das Möbel zerbrach. Das Scheitern der "Flucht" an der Schwerkraft ist kein wirkliches Problem: Der Elon-Musk-Traum vom Aufbruch zu neuen Welten habe ihn nie wirklich angetrieben, sagt Faithfull, eher "der Blick aus dem All auf den Planeten als Ganzen". Eine zweimonatige Antarktis-Expedition ab Dezember 2004 habe den Fokus auf die Biosphäre geschärft. In einer seiner "Earthlings"-Kurzgeschichten auf Postkarten, die Ausstellungsbesucher mitnehmen können, schildert Faithfull die Indifferenz der antarktischen Seeelefanten, die ihm unheimlich vorkommt: "Ich bin Tiere gewohnt, die sofort verschwinden, sobald sie die Anwesenheit eines Menschen spüren (…), in dieser Welt aus Eis scheine ich völlig bedeutungslos zu sein".

Dunkler Ausstellungsraum: große Videoprojektion mit Kuppelruinen im Meer, kleiner Monitor links.
Foto: Jens Ziehe, 2026

Ausstellungsansicht "Simon Faithfull. Earth-ling", KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst, M1 VideoSpace 

Seine Auseinandersetzung mit den Thesen der US-Biologin Lynn Margulis, die dem konkurrenzbetonten darwinistischen Modell ein Evolutionsprinzip der Kooperation und Integration entgegensetzte, mündete 2019 sowohl in eine Ausstellung im Berliner Naturkundemuseum als auch in die Lecture-Performance "Explaining Taxonomy to a Bird". Seine an einen Vogel adressierte Rede, in der Faithfull die Geschichte anthropozentrischer Klassifikation aufs Korn nimmt, hielt der Künstler zuletzt noch einmal im April hier im Kindl-Zentrum.

Im Mittelpunkt seiner Soloschau steht ein Film, der 2019 nach Faithfulls Besuch einer Luxusresidenz vor der Westküste Floridas entstanden ist. Der Künstler verbindet dokumentarische Fotos der ehemals komfortablen Interieurs mit Videoaufnahmen, in denen die "Dome Houses" zu einem überfluteten Riff geworden sind und zum Habitat maritimer Lebensformen – etwa von Seevögeln – werden. Er selbst ist als winzige Figur auf den halb untergetauchten Riesenschädeln der Kuppelbauten zu sehen. Wie der letzte Mensch auf Erden. Ein zweites Video, "Big Cypress, Everglades", zeigt ihn als bis zur Schulter im Sumpf stehende Rückenfigur. Faithfull erzählt, dass ihm ein ortskundiger Begleiter der Miccosukee beim Dreh im Dezember 2019 versicherte, die Alligatoren würden sich aufgrund der Kälte nicht blicken lassen. Mulmig sei ihm dennoch gewesen.

In jüngster Zeit hat er seine Olivenbaum-Idee wieder aufgenommen: "Die uralten Bäume bilden mit der Zeit Hohlräume und ich versuche, dort hineinzuschlüpfen", sagt Faithfull. Gut, dass Olivenbäume eher selten Bienen anlocken.