Wo die Nahe und der Rhein zusammenfließen, ist eine Art touristisches Nervenzentrum der alten Bundesrepublik: auf der rechten Rheinseite liegen Denkmäler, Weinberge, der Asbach-Uralt-Ort Rüdesheim, Anleger für Ausflugsdampfer und Souvenirgeschäfte. Mitten im Strom auf einer Insel steht der weiße "Mäuseturm", ein ehemaliges Gefängnis, in dem angeblich ein böser Bischof von Nagern aufgefressen wurde.
Die eigentliche Attraktion liegt aber in diesem Sommer gegenüber, am Rheinufer von Bingen. Alle drei Jahre findet hier die Skulpturen Triennale statt, die diesmal von Sara Bernshausen und Lutz Driever kuratiert wurde. Es ist ein Spaziergang am Wasser mit 24 Stationen aus neuer und etablierter Kunst. Die Zugänglichkeit liegt hier in der Natur der Sache: Ein Parcours der Bildhauerei als Gruppenausstellung im öffentlichen Raum.
An einem alten Hebekran am Zollamt hängt eine Malerei von Nadine Schemmann und weht im Wind. Die Malerin weiß, wie man mit großen Formaten umgeht, und ihre ist häufig vom Keilrahmen befreit. So wendig und in immer wieder neue Falten geworfen wie hier, wird sie dadurch zur Skulptur, die auf Wind und Wetter reagiert. Man kann nicht aufhören hinzusehen und die entstehenden Bewegungen zu verfolgen – wie bei einem Kaminfeuer.
Nadine Schemmann "Matronengeflüster (Erde, Wind, Wasser)", 2026
Michael Sailstorfer hat eine brandneue Arbeit entwickelt, die wie eine schwarze Rakete auf der Wiese steht. Es ist ein Ofen, die Holzscheite liegen einige Meter entfernt. Das Verspielte, das "Was wäre eigentlich, wenn ...?", animiert und macht neugierig, auch wenn man hier die Kunst gar nicht gezielt sucht, sondern nur zufällig vorbeikommt.
Michael Sailstorfer "Brenner R04", 2026
Ein vielversprechender junger Künstler aus der Region, Max Brück, hat Schienen der Brio-Holzeisenbahn, bekannt seit den 1970er-Jahren aus westdeutschen Kinderzimmern, stark vergrößert in Bronze nachgebildet. Der Titel "Stand by me" verweist auf den Film von Rob Reiner, bei dem die Eisenbahnschienen eine Rolle spielen, und auch auf den Titel dieser Triennale: "Verbindung und Zusammenhalt".
Max Brück "Stand by Me", 2026
Er hat in Offenbach studiert wie auch Emilia Neumann, eine junge Bildhauerin mit bemerkenswerter Formensprache und Technik: In ihre teilweise monumentalen gegossenen Formen arbeitet sie Pigmente ein, auf den geschliffenen Oberflächen entstehen so wunderschöne Farbwolken und Verläufe. Dabei erkennt man immer wieder Fragmente von großen Objekten und Gebrauchsgegenständen, ohne genau sagen zu können, um was es sich handelt. Als balle sich der Zivilisationsmüll dynamisch zusammen und raffe sich zu einer neuen, ungeahnten Schönheit auf.
Emilia Neumann "UG.P I", 2025/26
Auch Bettina Allamodas Skulptur "Outdoor Wrap / Cherry Blossom" verführt durch Schimmer und Funkeln im Sonnenlicht: Umgeben von japanischen Kirschbäumen, steht ein blaues graziles Gerüst, das bespannt ist mit irisierendem und mit Pailletten besetzten Stoff.
Bettina Allamoda "Outdoor Wrap (Slim)/Cherry Blossom", 2026
Am Tag vor der Eröffnung im Mai verstarb die große Österreicherin Valie Export, so ist ihre erhabene, goldglänzende Skulptur "Die Doppelgängerin" fast schon ein Denkmal: Die beiden ineinander verschränkten, mehr als vier Meter hohen Scheren sind grazil und bedrohlich, Tänzerinnen und Werkzeuge, Instrumente der Trennung und Loslösung, und sie schimmern vor dem glitzernden Rhein so anziehend wie die Loreley persönlich.
Valie Export "Die Doppelgängerin", 2010