Ausstellung "Smile!" in Köln

Bitte lächeln - oder nicht?

Die Ausstellung "Smile!" im Kölner Museum Ludwig spürt der Entdeckung des Lächelns als fotografischer Standardmimik nach - und verfolgt die gehobenen Mundwinkel bis in die Instagram-Ära

Beim Stichwort Lächeln in der Kunst denkt man unwillkürlich an die rätselhaftesten Mundwinkel der westlichen Kultur: Leonardo da Vincis "La Gioconda". In der Ausstellung "Smile!" im Museum Ludwig in Köln ist das ikonische Motiv in Form einer Postkarte präsentiert. Ihr gegenüber trifft man auf Hugo Erfurths Fotoporträt von Hildegard Seemann-Wechler, das er 1929 in seinem Dresdener Atelier aufnahm. 

Die damals 26-jährige Malerin beherrschte die Disziplin des Beinahe-Lächelns meisterhaft und gab die Sphinx mit Bubikopf. Erfurth setzte seine "Mona-Lisa der Moderne" aufrecht hin, die Hände liegen im Schoß, die Augen blicken selbstbewusst in die Kamera. Beinahe überirdisch wirkt diese Mimik. Nur wenige Jahre später wurde Seemann-Wechler wegen einer Schizophrenie-Diagnose weggesperrt, zwangssterilisiert und 1940 Mordopfer der Euthanasie-Politik der Nazis. 

In der Zeit, in der das Porträt entstand, hatten sich Fotografen längst von den früheren Vorgaben verabschiedet, ihre Gegenüber möglichst in eine Aura ehrwürdiger Strenge zu tauchen. Die langen Belichtungszeiten, für die Porträtierte zum Teil mit speziellen Halterungen und Kopfstützen fixiert wurden, waren vorbei, und auch die von der Fotografie übernommenen Konventionen der Porträtmalerei hatte man hinter sich gelassen. Zähne zu zeigen, war jetzt erlaubt. 

"Das typische Photographiergesicht"

Den Viktorianern erschienen offene Münder noch obszön. Explizit lachende Figuren fand man zwar schon früher, vor allem in Holland auf Genrebildern. Es handelte sich aber meistens um Betrunkene, Soldaten, Musiker, Kinder, Bedienstete oder Bettler, deren sozialer Status ohnehin nicht hoch war.

Der Soziologe Siegfried Kracauer beschrieb das typische "Photographiergesicht" zum ersten Mal im Jahr 1927. Da hatte sich dieses bereits dank der visuellen Massenmedien, des Kinos und der Illustrierten, erheblich gewandelt. 

August Sanders "Mädchen mit Ball" hält diesen 1910 noch mit stoischer Ungerührtheit. Schon zehn Jahre später lässt der deutsche Filmstar Henny Porten vor der Kamera des Fotografen Karl Schenker seine obere Zahnreihe glänzen. In Stummfilmen mussten Schauspieler und Schauspielerinnen große Gefühlsskalen ausschließlich über Großaufnahmen ihres Gesichts transportieren, wobei das ausgelassene Lachen auf meterhohen Leinwand-Projektionen an vorderster Stelle stand. Infolgedessen schlichen sich die freudigen Gesichter von den Plakaten auch ins "echte Leben" ein und wurden zur sozialen Norm.

Vom unterdrückten Lächeln zum duckface

Ein Phänomen, das sogar Forscher bewegt, die in digitalen Bildarchiven gefahndet haben. Die Messung durchschnittlicher Lippenkrümmungen auf High-School-Jahresbüchern von 1900 bis 2010 etwa hat eine stetig steigende Kurve ergeben. Zur Illustration findet man zwei deutsche Klassenfotos von 1923 und 1963. Auf dem älteren Bild verkneifen sich die Jungs noch ein Lächeln und posieren mit versteinerter Miene, auf dem Zweiten grinst der Großteil der Schüler hemmungslos und verrät einiges über den Wandel kultureller Normen. 

Spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg kulminierte das befreite Muskelspiel in einen Zwang der monoton erheiterten Gesichter. Vor allem in Werbeaufnahmen herrschen "ideale" Familien mit den eingefrorenen Lachmündern glücklicher Konsumenten. 

Kein Wunder, dass es zu Gegenreaktionen kam, etwa in der gehobenen Mode-Fotografie, in der ein ernster Ausdruck immer noch Distanz, Distinktion und Status signalisiert. Von hier ist der Weg nicht mehr weit zu verkaufsfördernden Influencer-Lippen im Instagram-Modus, von smizing über duckface bis zu fish gape. Nach dem Motto: Zeige mir, wie du lächelst, und ich sage dir, wie hoch deine Reichweite ist.