Social-Media-Trend Looksmaxxing

Mehr Kiefer, mehr Mann?

Michelangelos "David": der Prototyp des perfekten Körpers – ganz ohne "Bonesmashing"
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Michelangelos "David": der Prototyp des perfekten Körpers – ganz ohne "Bonesmashing"

Vom antiken Heldenbild bis zum TikTok-Tutorial: Der Traum vom perfekten Männerkörper ist alt, die Methoden werden immer extremer. Warum junge Männer heute ihre Gesichter bearbeiten wie Skulpturen – und was dabei verloren geht

Mann hat es nicht leicht im Leben – außer, er verwandelt sich in eine maximal attraktive Statue? Darum geht es beim sogenannten Looksmaxxing, einem toxischen Beauty-Wahn, der immer mehr junge Männer dazu bringt, ihre Körper wie einen Marmorblock mit Hammer und Meißel in die vermeintlich perfekte Form zu prügeln.

Nur wer das absolut "Beste" aus seinem Fleisch macht, könne heute Erfolg haben, so die Annahme. Dafür ist den Anhängern dieses Trends kein Mittel zu extrem. Braden Peters alias Clavicular, der wohl bekannteste Looksmaxxer (und Star der diesjährigen New York Fashion Week), rät seinen Followern, ihre Wangenknochen durch "Bonesmashing" zu korrigieren. Andere versuchen, das Gleiche durch wochenlanges Kauen eines Gummiballs zu erreichen. Was Arnie und Co. in den 70ern betrieben haben, erscheint im Vergleich dazu fast als lasch. Aber sind pralle Wangenknochen wirklich so wichtig? Kann Mann nicht auch mit Plauze und Hamsterbacken gewinnen? Laut Clavicular: nein.
 


Niemand sei unverbesserlich, so die Einstellung. Auch der sexiest man alive nicht. Deshalb müsse Mann mit allen möglichen Kunstgriffen nachhelfen und seinen Körper in ein Heldenbild hauen, das – wenn überhaupt – nur ein Michelangelo übertreffen könnte. Frei nach Goethes Erlkönig: Und bist du nicht sexy, so brauch' ich Gewalt!

Zehn Jahre Trumpismus haben bei der Jugend offensichtlich Spuren hinterlassen. Nicht, dass der US-Präsident besonders gut aussehend würde – ganz zu schweigen von seinem knuffigen Vize, den Clavicular öffentlich als "subhuman" in die unterste Kategorie seines dystopischen Beauty-Rankings steckt. Ein römisches Starker-Mann-Profil ist in Trumps Amerika jedoch mehr wert als ein Harvard-Abschluss. In dieser verkehrten Welt kann man es den Looksmaxxern kaum vorwerfen, dass sie ihr pretty privilege maximieren wollen, oder?

Looksmaxxer gab’s schon in der Kunstgeschichte

Angefangen hat der ganze Irrsinn nicht erst mit Trumps Einzug ins Weiße Haus – auch nicht in den sozialen Medien. Schon Alexander der Große konnte den Gedanken nicht ertragen, eines Tages alt und hässlich aufzuwachen. Deshalb ließ er sich für immer jung und viril in Stein meißeln: mit voller Löwenmähne, ohne eine einzige Falte auf der Stirn. Ohnehin finden sich wahrscheinlich nirgends mehr Looksmaxxer als in der europäischen Kunstgeschichte. Zum Glück aber auch Maler wie Rembrandt, die statt Idealgestalten lieber selbstironische Fratzen auf die Leinwand brachten: keine Plastik-Faces, sondern lebendige Gesichter mit Ecken und Doppelkinn.

Was Clavicular und andere Influencer online predigen, ist also keineswegs neu. In den Abgründen der Manosphere erreichen sie jedoch ein besonders vulnerables Publikum: digitale Herumtreiber, die auf der Suche nach einer schnellen Lösung für all ihre Probleme irgendwo falsch abgebogen sind.

Von außen betrachtet ist dieser Trend vor allem eines: maximal fragwürdig. Die Manosphere mag das feiern – doch wer es übertreibt, endet womöglich als hypertrophe Karikatur seiner selbst. Zac Efron in "The Iron Claw" lässt grüßen.