Fotos von der Berliner Sonnenallee

Die Straße der offenen Fragen

Kaum eine deutsche Straße wird so oft politisch instrumentalisiert wie die Sonnenallee in Berlin-Neukölln. Die Fotografin Mathilde Tijen Hansen hat der Gegend eine Langzeitserie gewidmet. Die Bilder sind leise, und gerade deshalb so besonders

Eine der symbolträchtigsten und politisiertesten Straßen Deutschlands, vielleicht auch die am gründlichsten missverstandene, ist die Sonnenallee; diese Verkehrsachse im mittleren Westen von Berlin, 4,9 Kilometer lang. Wobei der Abschnitt, auf dem die einen abwechslungsreiche Repräsentation von Kultur sehen und andere die Übernahme durch Dschihadisten, deutlich kürzer ist. Dieser liegt in Neukölln. Und hält zwischen syrischen Süßspeisen und protestantischer Privatschule allerhand bereit, das es nicht in die aufgeregten Überschriften und Buchtitel schafft.

Diesen Zwischentönen hat sich die Fotografin Mathilde Tijen Hansen gewidmet. In ihrer Schwarz-Weiß-Serie, die sie als Langzeitstudie angelegt hat, zeigt sie Klingelschilder, abgeknickte Ampeln, rauchende junge Frauen, die vermutlich im Filmgeschäft arbeiten – darauf deuten zumindest lange Daunenmäntel und Klebeband an Bauchtaschen hin. Sie fotografiert Straßenecken und Graffiti, Gleise und Container. Und dazwischen immer wieder Menschen, die mit einem selbstverständlichen Aufforderungsblick in die Kamera schauen.

Das Besondere dieser Arbeit, die ab dem 6. September als Teil der Schau "Gute Aussichten. Junge Deutsche Fotografie" in den Hamburger Deichtorhallen zu sehen sein wird, ist vor allem ihre Unaufgeregtheit. Die Aneignung der Fotografin ihres Umfelds. Seit etwa zehn Jahren wohnt sie selbst dort.

Eine genaue Studie der Brüche

Für ihre Serie ist Mathilde Tijen Hansen über mehrere Jahre immer wieder die Sonnenallee rauf und runter gelaufen, um, wie sie sagt, "ihre unterschiedlichen Abschnitte und Brüche präzise zu studieren. Viele Orte habe ich über längere Zeiträume mehrfach fotografiert, darunter Baustellen, die Autobahn und leerstehende Geschäfte." Ihre Bilder entstanden vor allem in den frühen Morgenstunden. Sie hat sie mit Stativ aufgenommen, um "die Ruhe zu nutzen und die Details in den fragmentarischen Abschnitten genau freizulegen."

Was die Betrachtenden dabei entdecken können: die offenen Wunden an den Fassaden. Findlinge an Straßenkreuzungen, Baustellen. Eine Moschee. Die verbogenen Fahrradständer. Mädchen mit Hund. Junge Frau mit Tattoos und Männerarm über der Schulter. Für ihre Porträts hat sich die Fotografin mit den von ihr angesprochenen Passanten verabredet. Manche hat sie im Laufe der Zeit mehrfach fotografiert.

Die Sonnenallee hat eine wirklich bewegte Geschichte. Im Zweiten Weltkrieg gab es dort ein Zwangsarbeiterinnen-Lager. Sie hatte einen Grenzübergang. Und wegen der vielen ansässigen Fabriken wurden in Seitenflügeln und Querhäusern Arbeiter untergebracht. Doch mit der Deindustrialisierung verlor sie ihre zentrale Bedeutung, was zusammen mit dem Mauerbau ihren allmählichen Verfall einläutete. Seit den 1960er-Jahren prägten türkische Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter die Bezirke Kreuzberg und Neukölln, und mit ihnen auch die Sonnenallee. In den folgenden Jahrzehnten kamen Menschen aus dem Nahen Osten, vor allem aus dem Libanon, dazu. Ab etwa 2015 dann auch Geflüchtete aus Syrien. 

Das leise Echo der Politik

Aber im Bezirk ist auch überall Englisch zu hören; die Gentrifizierung ist also im Gange. Auch das ist auf den Fotos zu sehen. Allerdings wenig plakativ, eher versteckt und leise. Langsam, so wie auch die Veränderung kommt. Ebenso dezent steckt in diesen Bildern all die politische Aufladung der Straße. Der oft kritisierte Ausbau der gerade eröffneten Stadtautobahn, die Debatten im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt, Gewalt, eine Vereinnahmung der neuen Rechten, der Kampf um öffentlichen Raum und Wohnungen, Verdrängung. Alle drängenden Probleme dieser Zeit sind auf und mit dieser Straße verhandelbar.

Mathilde Tijen Hansen ist in Köln geboren, hat bei Ludwig Rauch an der Ostkreuzschule für Fotografie studiert, ist in eine deutsch-türkische Familie mit Gastarbeiter-Großeltern und muslimischem Hintergrund geboren. Sie kenne die Herausforderungen und Chancen bikultureller Zugehörigkeit, sagt sie. Auch die wolle sie zeigen. "Dabei ist es mir wichtig, weder zu romantisieren noch zu stigmatisieren."

Ihr Fokus liege auf den sozialen Spannungen, die unsere Zeit prägen, sagt sie. Sich diesen bewusst zu werden, dabei hilft die leise Eindrücklichkeit ihrer Werke. Sehr viel mehr als das laute mediale Schreien, das durch diese Straße hallt.