Freie Szene in Berlin

"Sonst bleibt eines Tages nur noch Brachland übrig"

Im English Theatre Berlin werden voraussichtlich erst im Herbst wieder Performances stattfinden können
© Daniel Brunet

Im English Theatre Berlin werden voraussichtlich erst im Herbst wieder Performances stattfinden können

Enttäuscht vom mangelnden Verständnis der Bundesregierung für die individuelle Notlage Freischaffender in Corona-Zeiten veranstalten vier Insider des Berliner Kulturbetriebs ein solidarisches "Nicht-Festival". Mit den Ticketeinnahmen wollen sie eigene Hilfspakete für die freien Künstlerinnen und Künstler schnüren

Langsam öffnen die Berliner Galerien und Kinos wieder ihre Türen, doch der Kunst- und Kulturbetrieb läuft noch immer auf Sparflamme. Theateraufführungen, Performances, Konzerte und andere Events sind weiterhin abgesagt, wahrscheinlich noch den ganzen Sommer. Die freie Szene wird hart von den Ausfällen getroffen: Die finanziellen Verluste sind ohne den Rückhalt eines festen Arbeitgebers fast unmöglich zu schlucken, und die strikten Bedingungen zum Erhalt der Soforthilfe II des Bundes nur schwer zu erfüllen.

Wir haben mit Daniel Brunet, Leiter des English Theatre Berlin und Mitorganisator des Solidaritätsfestivals "Niemand kommt – alle sind dabei", darüber gesprochen, warum die freie Kunst- und Kulturszene für Berlin so wichtig ist und jetzt mehr denn je die Solidarität der Stadt braucht.

Herr Brunet, warum leidet die freie Kunst- und Kulturszene besonders unter dem Corona-Lockdown und den dadurch bedingten Ausfällen?

Die freie Szene ist insgesamt unglaublich unterfördert. Bereits vor Corona waren sehr viele von uns am Existenzende und konnten gerade so die Miete für den nächsten Monat zusammenkratzen. Auch wenn Galerien langsam wieder öffnen, bleibt ein Großteil der Besucher aus. Ganze Veranstaltungsreihen sind ersatzlos bis zum Jahresende gestrichen, und gerade die darstellenden Künste sind von Partizipation einfach absolut abhängig. Nur einen Viertel der Sitze im Theater besetzen zu können, ist da ein bitterer Schlag, denn wir können mit Abstand nicht so viel Geld einnehmen, wie zu Jahresbeginn prognostiziert.

Der Bund versucht, selbstständige Kulturschaffende mit Hilfspaketen zu unterstützen. Sie sagen, es bleiben trotzdem viele auf der Strecke. Wieso ist das so?

Ich lobe ausdrücklich, was der Berliner Senat und die Berliner Kulturverwaltung gemacht haben, und das Verständnis, das sie gezeigt haben. Der Gedanke der Berliner Soforthilfe II für Lebenshaltungskosten war grandios, aber die Gelder waren nach fünf Tagen erschöpft und wurden durch das Programm des Bundes ersetzt. Vom Bund bin ich persönlich bitter enttäuscht. Viele aus der freien Szene haben nicht die typischen Betriebskosten: Sie zahlen nicht unbedingt Gewerbemiete, haben meistens kein Personal, keine Leasingaufwendungen für Firmenfahrzeuge. Sie passen nicht in die strengen Kategorien, die für die Soforthilfe des Bundes aufgestellt wurden. Und selbst für diejenigen, die die Soforthilfe II vom Land Berlin bekommen haben, sind seitdem schon wieder Monate vergangen.

Fühlen Sie sich vom Bund alleine gelassen?

Definitiv. Und wir verstehen es nicht. Selbst nach vielen Anträgen und Anfragen aus Berlin und Bremen dafür, dass sich das Bundeskulturministerium das Soforthilfe-II-Programm noch einmal anschaut, wurde nichts an den Bedingungen gelockert. Wir wurden leider ignoriert.

Gibt es dabei Unterschiede zwischen den verschiedenen Sparten? Verläuft die Krise anders für freie Musiker als für Schauspieler oder bildende Künstler?

Nein, wir sitzen definitiv alle in dem gleichen Boot. Und das Boot hat ein unglaublich großes Leck.

Auch, was Unterschiede zwischen deutschen und internationalen Selbstständige betrifft?

Nur bedingt. Manche sind unmittelbar betroffen, weil sie gerade in Berlin angekommen sind und ihnen Formalien wie Steuernummer und Anmeldebescheinigung fehlen. Sie konnten sich also gar nicht erst auf die Soforthilfe II des Landes bewerben. Aber ich selber bin auch nicht in Deutschland geboren, und habe viele Freunde hier, die nicht hier geboren sind, und viele von ihnen wurden unterstützt.

Nun stellen Sie, solidarisch für die freie Kunst- und Kulturszene in Berlin, das "Niemand Kommt"-Festival auf die Beine. Wieso war es für Sie persönlich wichtig, das Projekt mit zu organisieren?

Ich arbeite seit 1,5 Jahren ehrenamtlich in der Kulturpolitik und bin persönlich und beruflich in den darstellenden Künsten unterwegs. Als klar war, dass die Soforthilfe des Landes Berlin zum enttäuschenden Bundesprogramm wurde, wusste ich, dass ich etwas machen musste. Dieses Schulter-Zucken konnte ich nicht weiter ertragen.

Was ist das Besondere an der Aktion? Wie versuchen Sie, mit dem Festival die Künstler zu unterstützen?

Das Besondere am Niemand Kommt-Festival ist die Solidarität. Dabei wollten wir nicht nur eine Spendenkampagne machen, sondern auch ein bisschen mit der Idee spielen, dass Berliner Kunst und Kultur in der Pandemiezeit leider eingefroren sind. Der gesamte Festival-Sommer fällt aus, also machen wir das Berliner Nicht-Festival des Sommers. Es ist 100 Prozent fiktiv, es findet gar nichts statt. Alle sind dabei, indem sie nicht kommen, und schützen so auch ihre Mitmenschen. Diejenigen, die sich beim Festival bewerben, sind jetzt seit fast vier Monaten in Existenznot. Unser Ziel ist es, die eingenommenen Gelder in Hilfspakete von jeweils 1.000 Euro zu stecken, was mindestens eine Monatsmiete und ein paar Lebensmittel decken soll.

Wie genau funktioniert das mit den Bewerbungen  und Tickets?

Es gibt einen einfachen Antrag auf unserer Webseite. Die Bedingungen sind nur, dass man ein in Berlin lebender freischaffender Kunst- oder Kulturschaffender ist, der unter dem Corona-Lockdown leidet, und die Soforthilfe II des Landes Berlin nicht bekommen hat. Nachdem alle Einträge eingegangen sind, werden sie lediglich auf Vollständigkeit überprüft, und dann wird per Los entschieden, wer die Hilfspakete bekommt. Je mehr mitmachen, desto mehr Hilfspakete können wir vergeben.

Und am offiziellen Festival-Tag, dem 24. Juli, findet wirklich gar nichts statt?

Genau, das ist einfach der Stichtag. Es sollte ein relativ langer Vorlauf sein, damit sich viele Menschen bewerben und wir so viele Leute und Multiplikatoren wie möglich gewinnen können, um uns und der Szene zu helfen.

Was erhoffen Sie sich von dem Festival? Wie sollte es laufen, damit Sie das Gefühl haben, Sie haben Ihr Ziel erreicht?

Ich hoffe, dass diese breit gestreute Solidarität – von Spartenverbänden, Spielstätten, Museen, Galerien, städtischen Einrichtungen, Firmen, der gesamten Kulturverwaltung – sich einfach widerspiegelt in der weiten Bevölkerung, und so viele Leute wie möglich überlegen, sich eine Karte zu kaufen. Wir wünschen uns, dass die Gesellschaft die Systemrelevanz, die Notwendigkeit Berlins und dessen einmaliger Kunst- und Kulturlandschaft versteht. Wir sind in einer Notlage, die niemand bisher in seiner Lebenszeit erfahren hat. Wir müssen hier und jetzt zusammenkommen – sonst bleibt eines Tages nur noch Brachland übrig.