Bedeutung des Namens Spair
Zu Beginn ist es ein leeres Wort. Ich habe es mir als Kind ausgedacht. Durch obsessives Schreiben lädt es sich auf. Irgendwann ist es angereichert mit Bedeutung. Eine Fünf-Buchstaben-Enzyklopädie. Es ist ein Hybrid aus Pseudonym und Modus. Einerseits Deckname, andererseits Zustand beim spielerischen Zu- und Eingriff auf die Stadt. Quatsch machen. Ausrasten. Übertreiben. Es ist ein Selbstporträt, aber auch die Signatur, mit der ich existierende Stadtlandschaften unterschreibe, in der Tradition der Landschaftsmalerei. Nur ohne die Landschaftsmalerei.
Veränderung Berlins
Natürlich hat mir Berlin früher besser gefallen. Aber Nostalgie ist so eine Sache. Wahrscheinlich trickst mich mein Gedächtnis aus. Gelöste Probleme verblassen immer schnell, sodass einem die Vergangenheit immer unproblematisch erscheint. Trotzdem! Berlin sah so gut aus. Dunkel und leer. Überall waren verwilderte Brachgelände zum Herumstromern. Punker hatten große Stahlskulpturen geschweißt, und Tausende Ruinen standen zum Austoben bereit. Heute stehen Hostels und Bioläden auf diesen Geländen. Ein Subgenre von Graffiti ist der sportlich betriebene Ladendiebstahl, und all diese neuen Orte sind gut geeignet dafür, also ist es auch okay. Sich an Gegebenheiten anpassen, das ist Graffiti.
Spair "Mit gönnerhaften Lächeln auf der ersten Beton Doppelseite des BVG Gästebuchs unterschreiben", Wedding 2025
Anfänge des naiven Stils
Eigentlich war es Hip-Hop-mäßiger, als man vermuten könnte. Um die Jahrtausendwende haben ältere Writer, zu denen ich aufgeschaut habe, zu mir gesagt, ich solle meinen eigenen Stil entwickeln, der meine Persönlichkeit repräsentiere. Und das habe ich dann versucht. Die Intention war, herauszustechen. Klassisch also. Das Ergebnis mochten die Älteren dann nicht, obwohl es meinem Charakter entsprach: kindlich verspielt und statisch spröde. Ungefähr zu dieser Zeit verschmolzen mein Kumpel HEZHT und ich zu konkurrierenden Nerd-Zwillingen. In einer autistischen Blase entwickelten wir Sachen und kränkten uns gegenseitig zu Höchstleistungen. Wir kamen mit Ästhetiken heraus, die sofort von anderen Leuten übernommen wurden. Kreation verwandelte sich wieder in Uniform. Von da an habe ich mich abgesondert und an sehr unzugänglichen Orten gearbeitet. Bald kam auch das in Mode. So habe ich angefangen, nach Dingen zu suchen, die nicht vereinnahmt werden können, geistige Rückzugsräume. Ein maniac mindset. Riesige Fantasiegebilde als letzte Zuflucht.
Spair "Gekonnte Besudelung auf Vogelschreck Sticker auf 90er Jahre Schimmelarchitektur in der Raucherecke im Kaltland", Charlottenburg 2025
Es hat mich schon früh irritiert, dass Graffiti mit wirtschaftlichen Dynamiken Hand in Hand zu gehen schien und weniger Anti-Establishment war als erhofft. Also habe ich alles weiter nach subversiven Alternativen abgetastet, aber alle Versuche scheiterten immer, weil sie naiv waren. Es war mir noch nicht klar, dass der Neoliberalismus alles frisst, auch die hässlichsten und verstecktesten Sachen, und andere Leute immer ein Geschäft aus meinem Tun machen konnten und ich immer nur unbezahlten Zuarbeiter blieb: kreativer Selbstausbeuter und Location Scout, um Lecks im Stadtsystem aufzuspüren, damit sie dann gekittet werden können.
Psychologie
Writer sind näher verwandt mit U8-Junkies als mit fine art artists. "All-City" und Verhaltensauffälligkeit gehören zusammen. Psychische Gesundheit sucht man bei Kingz vergeblich. Aber Probleme sind nicht nur schlecht. Sie treiben auch an. Wenn ich keine Probleme hätte, würde ich nicht machen, was ich mache. Und was ich mache, mache ich gut. Du weißt es auch, weil du hast gefragt.
Spair "Der garstige Zwilling auf dem Dachboden", Doppel Rooftop Ghettostelle, Wedding 2023
Spair "Drei hohe Akzente über den Kletterkisten & vier tiefe auf ihnen, ergeben die virtuose Komposition. Spiel Sie!", Kreuzberg 2022
Ignoranz
Ignoranz ist ein wichtiger Schutzschild. Graffiti ist strafbar. Entscheide ich mich dazu, Straftaten im Verborgenen zu begehen, macht es dabei wenig Sinn, noch besonders nett und sympathisch wirken zu wollen. Denn hinterm Grenzübertritt wird Anstand schnell überflüssig. Es eröffnet sich ein Spielraum, der für das schamlose Ausleben sogenannter negativer Gefühle geeignet ist. Zum Beispiel Wut, Größenwahn oder eben Ignoranz. Vielleicht braucht der gute Mensch, der bestenfalls positiv in seine Umgebung strahlt, so etwas. Habe ich mir erst einmal Räume mit wenigen oder fehlenden Benimmregeln entworfen, erleichtert das dort herrschende Klima, einen ehrlichen Ausdruck zu entwickeln, und um den geht es mir ja eigentlich. Diese Interviewsituation hier ist doch das beste Beispiel. Ich erhoffe mir nichts davon. Ich habe weder eine Karriere, noch ein Produkt. Ich nutze diesen Raum, um Dampf abzulassen und meine Gedanken zu ordnen.
Berliner "Anti-Style", Bad-Painting-Richtung
Ich werde wahrscheinlich auch zum sogenannten "Anti-Style" gezählt, mit dem ich aber gar nichts anfangen kann. Ich verstehe nicht, warum so viele Writer beim Kindlich-Naiven landen. Warum alle in der gleichen Nische? Sie machen es sich einfach. Sie suchen kein Medium, um ihre Gefühle und Sehnsüchte auszudrücken, sie wollen sich möglichst unauffällig in einer identitätsstiftenden Gemeinschaft einreihen. Das Naive ist mittlerweile Mainstream. Dabei sollte doch eigentlich Traditionszerstörung die Aufgabe jeder nachfolgenden Generation sein, oder? Sie sollten uns fertig machen. Aber sie benutzen die gleichen Ästhetiken wie wir, nur 20 Jahre später und weniger existenziell und alles online stellen. Ich sehe immer noch viel Kraft, Bedeutung und Potenzial in Graffiti, aber spüre gleichzeitig, dass nur wenige den gleichen Anspruch an mein geliebtes Thema haben.
Spair "New York U-Bahnriffel hinter allen Kulissen", Reinickendorf 2024
Als Publikum will ich natürlich auch von frischer Energie gut unterhalten werden, selbst wenn ich mittlerweile jede Kreativitätsforderung an mich selbst als Akteur prinzipiell zurückweise. Ich konzentriere mich seit Längerem aufs Multiversum hinterm Pseudonym und fühle mich stilistisch nicht mehr zuständig, auch wenn es da noch viel zu erarbeiten gäbe. Weil da noch sehr viele unausgeschöpfte Möglichkeiten sind. Es gibt noch zahllose existierende Ästhetiken in anderen künstlerischen Bereichen, aus denen man großartiges Graffiti machen könnte. So viele unbearbeitete Ästhetiken liegen einfach so auf dem Boden. Gratis. Wo ist mathematisches Reggae-Graffiti? Oder pointillistisches dreamy Goth-Style-Writing? Wer geht "All-City" mit Steampunk-Tags?
Spair "Nahtodgraffiti, Klettern & zittern, Häuser wie Einkaufszettel", Wedding 2024
Übernehmen, kopieren und inspirieren
Inspiration ist eine gute Sache. Im Idealfall öffnet man eine Tür, ein neuer Spielplatz tut sich auf, und man weiß ganz genau, was als Nächstes zu tun ist. Aber man braucht mehrere solcher Quellen, und sie sollten aus weit entfernten Bereichen stammen.
Beeindruckende Kollegen
OZ. Sein Graffiti war sehr ehrlich. Und einzigartig, weil es nicht aus dem 80er-Jahre Stylewars-Wildstyle resultierte, sondern aus den Spontisprüchen der RAF-Sympathisanten. Ich mag auch NOV YORK. Ich mag Writer, die sich ein persönliches und sensibles Universum erschaffen, voll von allzu menschlichen Sehnsüchten, und die diese Welt den Leuten dann auf rücksichtsloseste Art und Weise vor den Latz knallen. Verletzlichkeit auf Konfrontationskurs. Dieser Widerspruch und der Moment, in dem Kränkung in Wut umschlägt, bleibt der beste Nährboden für intensives Graffiti.
Spair "Stottern über Stock & Stein, die Distanz zwischen den Einzelteilen sind das Spannungsfeld", Wilmersdorf 2024
Wichtigkeit der Wiederholung
Gibt es Wiederholung überhaupt? Ich sehe es eher als Unikate in Serie. Variationen. Etwas noch einmal zu tun, hat keinen guten Ruf in unserer Zeit, obwohl es viel Angenehmes in sich birgt, vor allem, wenn man Flow-Momente liebt. Wenn uns in der Vergangenheit unsere Innovationen immer wieder aus der Hand genommen und von Schweinen in Design und Werbung zu Geld gemacht wurden, welches nie bis zu uns weitergereicht wurde, muss man irgendwann Konsequenzen ziehen. Ich empfinde die allgegenwärtige Kreativitätsforderung als ausbeutendes Hamsterrad und glaube nicht an ewigen Fortschritt. Etwas immer wieder zu tun, ist eine Taktik der Verweigerung, und stumpf ist Trumpf. Meine Wiederholung ist Publikumsbeschimpfung.
Farbliche Reduktion
Nach bunten, malerischen Versuchen in tiefsten archaischen Brutalismus-Grotten kam ich irgendwann zu dem Schluss, dass ich entweder mit oder gegen den Raum arbeiten muss. Auf keinen Fall kann ich ihn ignorieren. Architektur ist sehr mächtig und der Raum, in dem ich mich befinde, sendet immer bereits Signale. Es ist kein White Cube. Entweder, ich füge mich seiner Logik, oder ich bezwinge den Raum irgendwie. Beide Taktiken sind gut und richtig. Oft handelt es sich um Orte mit sich rhythmisch wiederholenden Betonsegmenten. Diesen Roboter-Rhythmus nehme ich auf, variiere ihn aber, denn meine menschliche Geste bleibt leicht arhythmisch. Vergleichbar mit taktlosen Vocals auf Beat. Ich schreibe Pseudonym, Datum und manchmal noch eine auf wenige Worte reduzierte punchline, und ich spüre, dass meine einfachen, statischen Schriftzeichen ohne grellen Schnickschnack den Genius Loci des Ortes nicht erzürnen. Er lässt mich gewähren. Vielleicht gefallen sie ihm sogar.
Spair "Ein Soldat mit Lieb & Lust kennt nie Kummer & Verdruss !?!?!", Kreuzberg 2025
Warum noch immer?
Wenn ich mit Graffiti aufhören würde, würde ich aufhören mit: 1. romantischen Nachtwanderungen, 2. Stadtnatur, 3. Gerüchen, 4. Orten, 5. großflächigem Malen, 6. Action, 7. Sport, 8. Befriedigung von Neugierde, 9. Kommunikation, 10. Spaß, 11. Wettbewerb, 12. Spontanität, 13. Befriedigung von Eitelkeiten, 14. "All-City" sein, 15. Nervenkitzel, 16. dem lächerlichen rebellischen Moment, 17. dem Einfluss, der mit einem gewissen Status einhergeht, 18. praktizierter Irrationalität und vielen anderen Aspekten. Die Aufsplittung dieses Pakets in zig legale Volkshochschulkurse würde mich Unmengen an Zeit und Geld kosten. Die habe ich nicht.
Abschließende Worte
Was mich an Graffiti am meisten frustriert, ist seine maskuline Struktur. Männergruppen haben eine gewisse Dynamik, die auf Dauer schwer zu ertragen ist. Die Stimmung aus dem Sport-Umkleideraum. Wir brauchen dringend 1000 Hexen, die überall ihre furchteinflößenden Flüche anbringen.