Die Wände in der Galerie der Firestorm Foundation sind dunkelblau, die Ausstellung heißt "Spellbound", auf Deutsch "verzaubert". Knapp 50 Werke versuchen eine historische Klammer von spiritueller, übersinnlicher bis zu esoterischer Kunst von Frauen und non-binären Personen. In diesem Kontext wirkt das Blau geradezu astral, tief und weit wie Himmel und Ozean.
Beim Betreten der sechs Räume trifft die Sichtlinie auf ein Gemälde der Schwedin Ulla Wiggen, ein großes Auge. Sehen, was sich dem Auge entzieht: Das ist ein Kern der Ausstellung von Jennifer Higgie, die lange Mitherausgeberin der englischen Kunstzeitschrift "Frieze" war und vor knapp zwei Jahren mit "The Other Side" ein lesenswertes Buch über spirituelle weibliche Kunst veröffentlicht hat.
Higgies Buchthese: Künstlerinnen erfanden in ihrer Beschäftigung mit Spiritualität bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert die Abstraktion – und nicht Kandinsky ab 1911, wie es die männlich dominierte Kunstgeschichte will. Ganz so eindeutig kann die Ausstellung das nicht zeigen, weil die Firestorm-Sammlung, aus der sich "Spellbound" bedient, nicht so weit zurückreicht. Es gibt jüngere Arbeiten, einen kosmischen Baum etwa, die sofort dem Spirituellen zuzuordnen sind. Aber gerade die Werke der vielen bekannten Künstlerinnen emanzipieren sich von den Moden der Spiritualität und öffnen die Ausstellung.
Stockholm als Zentrum früher Abstraktion
Die "Pregnant Woman" von Louise Bourgeois zeigt nur den Torso mit Brust, Bauch und Geschlechtsteilen, der schwangere Körper erscheint in diesem Ausschnitt als etwas Archaisches. Und in einer Cindy-Sherman-Fotografie von 1982 verschwindet die junge Frau in den Schatten eines Vorhangs wie in einem Zwischenreich. Auch ein gelbes und blaues Bild der Surrealistin Dorothea Tanning von 1960 lässt sich in dieser Umgebung als Fortführung des Nicht-Rationalistischen verstehen, genauso wie die "Sitzende Alte" der deutsch-schwedischen Lotte Laserstein, die im Schein eines Feuers wie ein Bild von einer Hexe wirkt.
Es ist kein Zufall, dass "Spellbound" in Stockholm stattfindet. Denn einer der neben Georgiana Houghton wichtigsten Vertreterinnen dieser früh abstrakten Kunst ist die posthum berühmt gewordene Schwedin Hilma af Klint: Die Ausstellung zeigt ein Bild von ihr von 1930, "Fiery Flames", in ätherischen Gelbtönen, wie eine weit entfernte Feuersbrunst.
Im Diesseits bleibt derweil die Frage, warum auch heute vor allem Frauen sich um das Übersinnliche kümmern und ob diese Perspektive womöglich nicht-europäische Positionen ausblendet, die auf traditionelle, spirituelle Kunst zurückgreifen: Rufen außerhalb Europas nicht auch viele Künstlermänner die Geister ihrer Ahnen an?