Forensic Architecture und Forensis in Berlin

Kein Frieden im Boden

Der deutsche Völkermord an den Ovaherero und Nama liegt mehr als 100 Jahre zurück. Doch seine Spuren reichen bis heute. Eine Ausstellung der Recherche-Kollektive Forensic Architecture und Forensis in der Berliner Spore Initiative macht sie sichtbar

Die Herrschaft der Deutschen währte kurz in der Region, die heute Namibia ist. Aber sie war grausam. Die Deutschen nahmen den dort lebenden Ovaherero und Nama das Land. Als diese sich wehrten, töteten die Deutschen sie systematisch, trieben sie in die Wüste und steckten sie in Konzentrationslager.

Das, was die deutschen Kolonialtruppen dort zwischen 1884 und 1915 verübten, gilt heute als der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts. Eine Ausstellung des Recherche-Kollektivs Forensic Architecture und seiner deutschen Schwesterorganisation Forensis in der Berliner Spore Initiative spürt jetzt der Geschichte dieses frühen Genozids nach – und seinen Auswirkungen bis heute. "Fractured Lifeworlds – Ovaherero und Nama im Kampf für Gerechtigkeit seit Generationen, für Generationen" entstand in vierjähriger Recherche und in enger Zusammenarbeit mit Vertreterinnen und Vertretern der Ovaherero und Nama.

Zur Eröffnung ist auch Kambanda Veii gekommen, Direktorin des ersten Genozidzentrums in Namibia und Sekretärin der Ovaherero/Ovambanderu Genocide Foundation. Was sie sich wünscht? Anerkennung, sagt sie. Die Deutschen haben den Völkermord zwar mittlerweile offiziell eingestanden. Aber sie verhandeln nur mit der namibischen Regierung, nicht mit den Verbänden der Betroffenen. Sie würden kaum gehört, sagt Veii.

Historische Tatortanalyse

Zunächst aber ging es Forensic Architecture und Forensis um eine genaue Recherche. "Wir haben den exakten Ort zweier Konzentrationslager in Windhoek wiedergefunden", erklärt Eyal Weizman von Forensic Architecture. Die forensischen Methoden, die die Gruppe normalerweise nutzt, um gegenwärtige Ereignisse zu analysieren, leisteten diesmal historische Aufklärungsarbeit: "Wir haben Massengräber, Friedhöfe und Orte gefunden, wo vor mehr als 100 Jahren Dörfer und Siedlungen standen. Wir haben die Schlacht von Hornkranz rekonstruiert. Es war wie Tatortanalyse, obwohl sie vor 133 Jahren passiert ist, und wir finden immer noch die Pistolenkugeln im Boden." Bei dem Massaker von Hornkranz von 1893, das die Gruppe untersuchte, griffen die Deutschen den Nama-Stamm der Witbooi an und ermordeten dabei auch rund 80 Zivilisten, darunter viele Frauen und Kinder. In der Ausstellung wird das Geschehen in einem Film aufgearbeitet, zudem werden Dokumente und historische Objekte gezeigt.

Bislang wurden Ereignisse wie diese vor allem anhand von Dokumenten der Kolonialmacht erzählt. Die Ausstellung erprobt eine andere Perspektive, ausgehend vom Material, vom Land selbst und von den Oral Histories der Nachgeborenen. Die Schau ist in drei Kapitel geteilt, die Elementen der namibischen Landschaft nachspüren und nacheinander gezeigt werden sollen. "Busch" ist das Thema der ersten Präsentation, es folgen "Wind" und "Sand".

Denn die Landschaft war nicht nur Ort des Genozids, sie trägt bis heute seine Spuren. Speziell eingefärbte Fotografien zeigen, wie das fruchtbare Gras in den vergangenen 100 Jahren aus der Landschaft verschwunden ist und durch Sträucher ersetzt wurde – ein Zeichen der Versteppung durch die Eingriffe der Kolonialmacht, die unter anderem das Wasser monopolisierte.

Die zentrale Filminstallation, in der die Recherche ausgebreitet und mit vielen Interviews mit Einwohnerinnen und Einwohnern ergänzt wird, zeigt die Auswirkungen des Völkermords bis in die Gegenwart. Namibias weiße Minderheit, zwei Prozent der Bevölkerung, besitzt noch immer 70 Prozent des Landes.
 

Forensic Architecture und Forensis "The Hornkranz Massacre", 2023
Foto: Spore Initiative

Forensic Architecture und Forensis "The Hornkranz Massacre", 2023


Für den Kurator Mark Mushiva, der aus Namibia stammt und jetzt in Berlin mit Forensis arbeitet, ist es wichtig, mit den avancierten Storytelling-Technologien der Ausstellung die verschiedenen Ebenen zu zeigen, auf denen der Völkermord in Namibia Folgen hatte: ökologisch, rechtlich und kulturell. "Die Geschichte des Völkermords in Namibia ist es, die die sozialen Ungleichheiten im heutigen Namibia prägt. Die Ausstellung schafft zudem eine Art Zukunftsperspektive und zeigt, wie Technologie genutzt werden kann, um koloniale Kontinuitäten sichtbar zu machen, und sie projiziert auch Zukunftsperspektiven, die verloren gegangen sind. Und vielleicht gibt uns dies Hoffnung, einige dieser Zukunftsperspektiven zurückzugewinnen."

Spuren bis in die Gegenwart

Für Eyal Weizman ist die Beschäftigung mit Namibia wie ein Brennglas, in dem auch andere aktuelle Debatten klarer hervortreten: "Namibia steht im Zentrum der Matrix all jener Vektoren, die unsere Gegenwart prägen – wie der Debatte, die derzeit in Deutschland über Erinnerungskultur, historische Verantwortung für Gräueltaten und Wiedergutmachung geführt wird. Lassen sich diese Fragen auf die koloniale Vergangenheit ausweiten? Namibia steht auch im Mittelpunkt der Auseinandersetzung mit Umweltschutz und Wüstenbildung. Hier wird der Kern dessen sichtbar, was heute unter Völkermord zu verstehen ist. Es handelt sich nicht um eine Ausstellung über ein Ereignis, das weit weg und vor langer Zeit stattfand."

Für Weizman, dessen Familie den Holocaust erlitten hat und der sich als Menschenrechtsaktivist immer wieder gegen das Vorgehen Israels gegen die Palästinenser einsetzt, war die Beschäftigung mit dieser Geschichte sehr emotional, erklärt er: "wie ein Pfeil ins Herz". Ihm geht es um die Analogie zur Gegenwart.
 

Forensic Architecture und Forensis "Environmental Continuum of Genocide in Namibia, 2025
Foto: Spore Initiative

Forensic Architecture und Forensis "Environmental Continuum of Genocide in Namibia, 2025


Anerkennung der historischen Fakten, Reparationen, Konservierung der Orte und archäologische Aufarbeitung – das sind die Forderungen der Opferverbände, denen die Schau Resonanz verschaffen will. Die Recherche hat durchaus das Potenzial, die Situation vor Ort zu verändern. Untersucht wurde beispielsweise die sogenannte Haifischinsel, wo die Deutschen ein Lager errichteten, in dem rund 3000 Menschen starben – durch Zwangsarbeit, Hunger und Misshandlung. Die Forschenden konnten die genaue Lage der Lager identifizieren und auch nachweisen, dass unter dem Sand nahe des Hafens Massengräber liegen. Bis vor Kurzem war die Haifischinsel eine touristische Destination. Jetzt ist sie erst einmal geschlossen.

Die Gruppe konnte auch herausfinden, dass genau dort, wo das britisch-deutsche Infrastrukturprojekt "Hyphen", ein Entwicklungsprojekt für grüne Energie, entstehen soll, ein Massengrab liegt. Auch dagegen regt sich Protest, denn die Nama befürchten, dass damit die Totenruhe gestört wird, erzählt Weizman. "In dieser Gegend Wind- und Sonnenenergie zu nutzen, ist sicherlich keine schlechte Sache, aber die Infrastruktur soll auf den archäologischen Spuren des Völkermords errichtet werden. Man würde auf einem ehemaligen Konzentrationslager in Deutschland auch keine Windparks errichten, oder?"

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