Der Laufsteg und der Center Court sind Orte, die sich nahestehen. Denn Tennis gilt als modischer Sport. Und Designer haben sich schon oft von der Ausstattung auf dem Platz inspirieren lassen. Kurze Faltenröcke, Cable-Knit-Pullover mit V-Ausschnitt und Streifen an Bund und Kragen, der Stan-Smith-Sneaker von Adidas, voluminöse Scrunchie-Haargummis und Stirnbänder – alles Entwürfe, die aus dem Tennis in die Alltagskleidung gespielt worden sind.
Der Schlägersport hat eine eigene Klischee-Ästhetik: Alles ist vermeintlich fein, rein und weiß (und von Lacoste). Diese Idee hat sich festgesetzt, dabei wird bei den Grand-Slam-Turnieren dieser Welt heute viel mehr geboten. Erst vor Kurzem trat der japanische Tennisstar Naomi Osaka bei den Australian Open in Melbourne in der Sport-Version eines Couture-Looks von Designer Robert Wun auf den Platz. Einer von vielen hochmodischen Auftritten der ehemaligen Nummer eins im Frauentennis. Und mit ihren extravaganten Inszenierungen ist sie nicht allein. Auch die US-Schwestern Serena und Venus Williams haben nicht nur zahllose Erfolge gefeiert, sondern auch Modegeschichte auf dem Platz geschrieben. Warum sind gerade diese beiden Metiers - das Tennis und die Fashionwelt - so ineinander verzahnt?
Weibliche Sportbekleidung bedeutete schon immer mehr als nur Funktionalität. An ihr wurden die Wahrnehmung und Anerkennung von Professionalität verhandelt, gleichzeitig ist sie ein Gradmesser für Grenzverschiebungen: Die Varianz an Rocklängen, Stoffen und Silhouetten musste erkämpft werden. Und dafür brauchte es konstant Spielerinnen, die sich trauten, durch modische Statements aufzubegehren.
Schwitzende Frauen? Hell, no!
Die Geschichte der weiblichen Ballspielmode beginnt mit der Entstehung des lawn tennis im späten 19. Jahrhundert in England. In dieser frühen Phase galt die Disziplin vor allem als gesellschaftliches Ereignis der Oberschicht. Kleidung verstand man als soziale Repräsentation, Bewegungsfreiheit und Komfort waren zweitrangig. So spielten Frauen in knöchellangen korsettierten Kleidern mit langen Ärmeln, hohen Krägen und Hüten. Alles in Weiß, der Farbe der Reinheit und Tugend, auf der man gleichzeitig Schweißflecken weniger erkennen konnte. Beim Sport transpirierende Frauen? Hell, no!
Die "All-White"-Regel wurde Ende des 19. Jahrhunderts verbindlich festgelegt und gilt bis heute beim prestigeträchtigen Wimbledon-Turnier bei London. Diese Epoche wurde auch künstlerisch festgehalten, unter anderem von Max Liebermann. Seine Tennisdarstellungen zeigen elegant gekleidete Frauen auf Rasenplätzen, in langen weißen Roben. Die Szenen wirken gediegen und romantisch, das Spiel findet fast nebenbei statt. Liebermanns Bilder spiegeln damit jene Phase wider, in der Tennismode noch kaum von Alltagskleidung zu unterscheiden war. Mit ihrem Einlauf-Ensemble bei den Australian Open, das ebenfalls mit langen, weiten Hosen, Hut, Sonnenschirm und Schleier ausgestattet war, schien sich Naomi Osaka als Wiedergängerin dieser impressionistischen Figuren zu inszenieren.
Max Liebermann "Tennisspieler am Meer", 1901
Doch die wenig ergonomische Ausstattung wurde zum Problem. Sichtbar wurde es durch die erst 15-jährige Charlotte "Lottie" Dod, zu jung fürs Korsett, die 1887 Wimbledon in einem Schuluniform-ähnlichen Outfit gewann. Unfair, fanden ihre Gegnerinnen, ohne behindernde Einschnürung spielte es sich doch viel leichter.
Skandale wie diesen brauchte es in der Geschichte des Sports immer wieder, um die zugehörige Mode adäquat anzupassen. Erste Tennis-Couture trug die französische Spielerin Suzanne Lenglen im Jahr 1920: Einen wadenlangen Rock, ein ärmelloses Top und Stirnband statt Hut, entworfen vom französischen Modeschöpfer Jean Patou. Adieu, viktorianische Konvention! Dieser Tabubruch sorgte für eine substanzielle Lockerung des strengen Dresscodes.
Spielerin Suzanne Lenglen 1920 in Cannes
Gussie Moran sorgte 1949 für eine öffentliche Kontroverse, als unter ihrem Tenniskleid Spitzenshorts sichtbar wurden, entworfen vom britischen Sportler und Modedesigner Ted Tinling. Seine Entwürfe trug auch Billie Jean King, unter anderem 1973 beim berüchtigten "Battle of the Sexes"; einem Spiel gegen den männlichen Profi Bobby Riggs, das symbolisch für den Kampf um gleiche Anerkennung und Preisgelder für Frauen im Tennis stand. King trat in einem ärmellosen weißen Kleid mit kurzem Rock an - und gewann.
Wie der Sporthistoriker Robert J. Lake betont, sollte diese Form der Weiblichkeit dem Frauentennis mehr Aufmerksamkeit verschaffen, trug jedoch auch dazu bei, "Spielerinnen als Objekte sexuellen Begehrens" wahrzunehmen. 1985 dann trumpfte die US-Amerikanerin Anne White in Wimbledon in einem weißen Bodysuit auf. Das Outfit entsprach formal der strengen Regeln des Turniers, brach jedoch mit der traditionellen Silhouette von Röcken und zweiteiligen Ensembles. Nach einer Spielunterbrechung wurde White gebeten, am nächsten Tag in anderer Kleidung anzutreten.
Billie Jean King 1978
Noch bis 2018 galt eine Rockpflicht für Tennisspielerinnen. Damals betrat Serena Williams den Platz bei den French Open in einem schwarzen, enganliegenden Einteiler, der den Blutfluss nach der Geburt ihres Kindes besser steuern sollte. Er wurde "aus Respekt vor dem Spiel" von Frankreichs Tennis-Boss Bernard Guidicelli vom Feld verbannt. Ihre Transgressions-Vorgängerin Billie Jean King twitterte damals: "Die Kontrolle über die Körper von Frauen muss ein Ende haben. Der 'Respekt', der nötig ist, gilt dem außergewöhnlichen Talent, das Serena Williams in diesen Sport einbringt. Ihre Arbeitskleidung zu kritisieren, ist der eigentliche Ausdruck von Respektlosigkeit."
Ein Ausnahmetalent sein, das reicht nicht. Wie in nahezu jedem anderen gesellschaftlichen Bereich gab und gibt es im Tennis klare Vorstellungen über die gewünschte Inszenierung des weiblichen Körpers. Es darf gern feminin und sexy sein, um Zuschauer anzulocken. Jedoch nicht auf eine selbstbestimmte oder individuelle Art und Weise.
Nicht einmal die Funktion der Kleidung, die im Sport essenziell ist, stand im Vordergrund. Verändert wurde dieses Verständnis vor allem durch die beiden Schwarzen Tennisstars Venus und Serena Williams. Vom Beginn ihrer Karrieren an wurden sie dem weißen, elitären Status ihres Metiers nicht gerecht. Sie fielen auf: durch ihre Herkunft, Hautfarbe und die ins Haar geflochtenen Perlen, die sie bei ihren ersten Spielen trugen. Doch sie dachten gar nicht daran, sich anzupassen. Ihr Spielstil - und auch die eigene Inszenierung - glichen einer radikalen Abkehr vom bis dahin dominierenden Bildes des Frauentennis. Die Schwestern zeigten sich kraftvoll, offensiv und körperbetont. Die physische Stärke wurde zum Zentrum ihres Erfolgs, untermalt von Looks, die bestehende Regeln infrage stellten.
Ihr wollt Rock? Ich gebe euch Rock!
Nach der Catsuit-Kontroverse 2018 setzte Serena Williams mit einem schwarzen, einschultrigen Tutu-Kleid von Virgil Abloh ein bewusstes Signal: Ihr wollt Rock? Ich gebe euch Rock. Aber meine eigene Version.
Schon 2002 sagte sie über einen kurzen Einteiler aus Kunstleder, den sie bei den US Open vorführte: "Niemand wird mir jemals vorschreiben, was ich zu tragen habe. {..} Es lässt mich schneller laufen und höher springen." 2004 wählte sie ein von André Agassis Jeans-Shorts inspiriertes Nike-Outfit, ihrem damaligen Sponsor. So spielte sie die US Open in einem Denim-Rock und Stiefeln, die durch Reißverschlüsse zu normalen Tennisschuhen umfunktioniert werden konnten. Akzente in Neon-Farben, diamantbesetzte Schuhe und ein Cape, auf dem die Worte "mother, champion, queen, goddess" prangten, sind nur einige unvergessliche Stil-Details, die Williams auf den Platz brachte.
Dass heute besonders women of colour im Tennis als stilprägende Figuren wahrgenommen werden, ist kein Zufall. In einem Sport, der lange von weißen Normen dominiert war und für das Zuschaustellen von Privilegien stand, wurden sie nie als neutral gelesen. Ihre Sichtbarkeit war immer politisch. Ästhetische Entscheidungen wurden so zu einem Mittel der Selbstdefinition, um die Wahrnehmung nach außen kontrollieren zu können.
Wie Erving Goffman beschreibt, wird Mode in öffentlichen Situationen zur sichtbaren Erweiterung der Person ("The Presentation of Self in Everyday Life", 1959). Wenn wir uns also in sozialen Ausnahmesituationen – bei einem ersten Date oder Vorstellungsgespräch – von unserer besten Seite zeigen wollen, wie soll es Sportlerinnen bei karrierebestimmenden Matches gehen? Im Tennis gibt es keine Mannschaftstrikots und kein Kollektiv. Allein auf dem Platz wird das gesamte Auftreten zur visuellen Identität der Athletin. Sie entwickelt sich zwangsläufig zu einer eigenen Marke. Da ist es nur verständlich, dass sie das Narrativ mitbestimmen will.
Dazu ist Mode tief in emotionale Prozesse eingebunden. Der sozialpsychologische Begriff der enclothed cognition beschreibt den Effekt, den Kleidung darauf hat, wie wir denken, fühlen und uns verhalten. Geprägt wurde das Konzept von den Psychologen Hajo Adam und Adam D. Galinsky. Sie zeigten 2012, dass Mode kognitive Prozesse messbar beeinflussen kann; vorausgesetzt, das Kleidungsstück ist mit einer bestimmten symbolischen Bedeutung aufgeladen. In einem Interview mit der "New York Times" wenige Tage vor den US Open 2024 sagte Naomi Osaka: "Wenn ich das trage, was ich für ein gutes Outfit halte, fühle ich mich definitiv wohler. Es ist ziemlich magisch, was Mode bewirken kann […]. Es ist fast wie ein Superheldenanzug […]. Man zieht es an, und wenn man dann den Tennisplatz betritt, stellt man sich vor, dass man alles tun kann."
Eins selbstgewählter Superheldenanzug
Wenn Couture heute auf dem Tennisplatz getragen wird, folgt sie dem Motto form follows function. Egal, wie außergewöhnlich und avantgardistisch die Entwürfe scheinen, sie schränken die Trägerinnen nicht ein. Sie unterstreichen ihren Spielstil und ihre Persona, erzählen etwas, das sonst nicht sichtbar wäre. Auch könnte man die aktuelle, hochmodische Tennis-Ausstattung als Tribut an all die Spielerinnen verstehen, die gegen die Kleiderregeln ankämpfen mussten, um diese Freiheit zu erreichen.
Über ihren zuletzt in Melbourne viral gegangenen Schleier-Auftritt sagte Naomi Osaka: "Wenn ich auf die Spielerinnen zurückblicke, die vor mir kamen, denke ich daran, wie diese Momente – diese Looks – zu Erinnerungen geworden sind, die für immer bleiben. So oft schreiben andere unsere Geschichten für uns. Das fühlte sich wie ein Moment an, in dem ich selbst ein kleines Stück meiner eigenen Geschichte schreiben konnte." Und das tat sie. Osaka fusionierte ihr türkis gebatiktes Nike-Outfit, dessen Inspiration von einer Qualle stammte, mit dem Robert-Wun-Couture-Ensemble.
So schritt sie in dem bereits erwähnten plissierten Beinkleid und einem weißen, hohen Hut auf den Platz, von dem ein transparenter Schleier über sie herabfiel. Später spielte sie in einer Jacke mit Reißverschluss, von deren Ärmeln organisch wirkende Tentakel hingen. Es sind Bilder, die im Kopf bleiben. Wobei auch ein selbstgewählter Superheldenanzug nicht alle sportlichen Enttäuschungen verhindern kann. Verletzungsbedingt musste Osaka aus den Australian Open aussteigen.
Naomi Osaka bei den Australian Open 2026 in Melbourne