Stan Douglas in Arles

Das Rohe ist das Ehrliche

Mit seiner Ausstellung "Bodies Never Lie" zeigt der kanadische Künstler Stan Douglas in der Luma Foundation in Arles, wie bewegte Bilder Geschichte ins Wanken bringen

Die Videos von Stan Douglas sind an der Oberfläche suggestiv und funkelnd, aber im strukturellen und narrativen Unterbau verwirrend, wenn nicht verstörend. Er hat keine persönliche Ästhetik wie Isaac Julien oder Pipilotti Rist, sondern springt in jedes Projekt, als wäre es sein letztes. In diesem Sommer zeigt das Luma im südfranzösischen Arles in einer ehemaligen Fabrikhalle, jetzt klimatisiert, vier ältere Werke in perfekten schwarzen Kammern und ein neues im Festivalformat frei in der Mitte stehend. Es heißt "Exquisite Corpse", die böse Formel wird im frei beigesteuerten Titel der kompletten Show abgemildert: "Bodies Never Lie". 

Als Gebrauchsanleitung sollte man sich "Hors-champs" (1992) ansehen, ein schwarzweißer Fernsehschwenk über ein Quartett, das Albert Aylers "Spirits Rejoice" (1965) aufführt, ein Free-Jazz-Stück, in dem Hymne und Aufruhr miteinander kämpfen. Da ist man rein seelisch schon nah an Stan Douglas, der aber nie Werke, Medien und Gattungen appropriiert, sondern im Gegenteil, diese gründlich studiert und exquisit zerfleddert. Hier sehen wir auf der einen Seite des Bildschirms die "typische" Präsentation im französischen Kultur-TV und auf der Rückseite die rohe, wenn nicht unbeholfene Verfilmung desselben Ereignisses. Douglas arbeitet nie mit gefundenen Bildquellen, er lässt alles neu spielen. Dabei kratzt er mit Lust an der historischen Patina, von der seine Geschichten leben. Die rohe Seite ist natürlich die ehrliche.
 

Videoinstallation von Stan Douglas in der Ausstellung: Mann spielt auf Saxophon, Schwarz-Weiß-Bild
Foto: © Victor&Simon – Grégoire d’Ablon

Stan Douglas "Bodies Never Lie", Ausstellungsansicht, Luma, Arles, 2026/2027


"Exquisite Corpse" ist eine laut klappernde Nahaufnahme von Flamencospielern, -sängerinnen und -tänzern, die in drei vertikalen Streifen synchron musizieren. Es wäre kein Douglas ohne historische Kritik, in diesem Fall an der Manipulation und Vereinnahmung dieser Volksmusik durch das Franco-Regime in den 1950er-Jahren. Ob die Darsteller deshalb oder sowieso komplett altmodisch aussehen, bleibt ungesagt. Es sind tatsächlich heute praktizierende Musiker und Tänzerinnen, aber an drei unterschiedlichen Orten, die in den drei Synchronstreifen teils so montiert sind, so dass Leute den Rhythmus klatschen, die den Gitarrenspieler nicht einmal kennen. 

Pragmatisch, aber leer

Die wilde Montage zielt klar darauf, die schneidende Energie dieser Musik bis jenseits der Schwelle des Erträglichen zu steigern, womit sie als Ausdruck von Schmerz und Widerstand angemessen gewürdigt wird. Interessant allerdings, dass Douglas im Rahmen der Dreharbeiten von seinem Konzept Abschied nehmen musste, das er nach Spanien mitgebracht hatte: Er wollte den "singenden Kopf", den Gitarre spielenden "Körper" und die erdgebundenen "Füße" getrennt filmen und horizontal montieren, musste aber einsehen, dass seine strukturalistische These das Gesamtkunstwerk Flamenco eher entstellen als veredeln würde. Deshalb ist die vertikale Variante eine pragmatische Lösung, und doch hinterlässt die Abwesenheit jeglicher Theorie eine gewisse Leere, über die die komplizierte Kunst der einfachen Leute in 52 Minuten triumphiert. Der "cadavre exquis", übrigens, war bei den Surrealisten die Technik, eine Geschichte gemeinsam zu schreiben, die aus anonym aneinandergereihten Teilen besteht.
 

Stan Douglas, Exquisite Corpse, photogramme, 2026. Installation vidéo à trois canaux (couleur, son) ; 52 min 14 sec. Avec l’aimable autorisation de l’artiste, Victoria Miro et David Zwirner. - 2041 x 907.jpg
Foto: © Stan Douglas; Courtesy the artist, Victoria Miro und David Zwirner

Stan Douglas "Exquisite Corpse", Filmstill, 2026


Bildästhetisch am weitesten entwickelt ist "Doppelgänger" (2019), eine Science-Fiction-Parodie mit bittersüßen Ausflügen in den Camp. Die Videoinstallation zeigt zwei Räume, oft von oben, wie im Modellbaukasten: in einem Raum die Patientin, im anderen Raum die Kontrolleure. Die Patientin – oder eigentlich Gefangene – ist eine Schwarze Astronautin, nach 60 Jahren aus dem Weltraum zurückgekehrt, der man nicht glaubt, dass sie es ist. Man kann die Projektion auch von hinten sehen, auf einem transluzenten Screen, und um die Gleichberechtigung der Ansichten zu unterstreichen, springen sogar die französischen Untertitel hin und her.

Alle vier Videos hat Luma geliehen, sogar das Flamenco-Triptychon, das es selbst produziert hat. Vielleicht stoßen zur Zeit alle, die mit Medien zu tun haben, an deren Grenzen, und Douglas braucht gewiss eine Menge Geld für seine visuell exzessiven Abenteuer. Eine Nebenschiene seines Werks sind großformatige Fotografien, Filmstills zu nicht gedrehten Filmen, die hier aus drei Werkgruppen schöpfen: Eine Rekreation des Bahnhofs Penn Station in seine Glanzzeit; die Interpretation eines Theaterstücks aus dem 19. Jahrhundert; eine Folge "hybrider Dokumentationen" von Protesten und Riots ("2011#1848"). Dieses Jahr kooperiert Luma mit den Rencontres de la Photographie d’Arles, dem jährlichen Fotofestival, das nur zwei Tage später eröffnete. Die Fotocommunity wird in diesen bunten Kostümstücken die teuerste Variante dessen erkennen, was vor 50 Jahren als "staged photography" begonnen hat.

Douglas, der aus Vancouver stammt, wo er Kunstdiskurs gelernt hat und schließlich geblieben ist, will nicht mit Jeff Wall in Zusammenhang gebracht werden, dem großen Meister der fotografischen Inszenierung – aus der gleichen Stadt. Das Seltsame an der Fotografie ist, dass sie von der Vervielfachung der Objekte, vom Feuerwerk der Effekte nicht profitiert. Sie erstarrt. Das fotografische Bild muss immer wieder leergefegt werden, vom Zentrum an den Rand gerückt, von narrativen Fesseln befreit. Für das bewegte Bild, und das zeigen gerade Douglas’ vertrackte Videos, gilt das nicht. Zwischen Erzählung und Gegenerzählung liegen Welten. Das wusste schon Brecht, und es verwundert nicht, dass Douglas im Gespräch sogleich seinen Namen nennt.