Stanislava Kovalčíková im Kunstverein Freiburg

Die rostige Haut des White Cube

Stanislava Kovalčíková verwandelt die ehemalige Schwimmhalle des Kunstvereins Freiburg in eine Landschaft des Zerfalls und zeigt Bilder auf Uhren ohne Zeit

Frisch wirkt das Moos, das an den Findlingen und Steintrögen im Kunstverein Freiburg wuchert. Aber mehr biologisches Leben gibt es hier nicht. Stattdessen entfaltet Stanislava Kovalčíková in ihrer Soloschau "Rubigo" einen ganzen Kosmos des Zerfalls. Der Titel verweist auf eine Gottheit der römischen Mythologie. Diese sollte das Getreide der Bauern vor der Pilzkrankheit Rostbrand und die Menschen vor Hungersnöten schützen. Irgendwann stand ihr Name allerdings nur noch für Fäulnis und Korrosion.

Für ihre raumgreifende Installation hätte sich Kovalčíková keine bessere Patin aussuchen können. Wie durch ein Wurmloch schlüpft man zwischen rostigem Gartentor und altem Zaun in eine neue Welt. Boden und Wände sind nahezu vollständig mit rostrotem Plastilin überzogen, als hätte Kovalčíková die von den Nazis gebaute Schwimmhalle, in der heute der Kunstverein seine Ausstellungsräume hat, mit Schlamm geflutet. 

Im gedämpften Licht sind noch die Spuren unzähliger Hände und Füße zu sehen, die das weiche Material in die Architektur geknetet haben. Der White Cube mit seiner strikten Reinheitsideologie ist hier längst Geschichte. Stattdessen wirken die Wände wie die empfindliche Haut eines verletzlichen Körpers, der zur Halbzeit der Ausstellung bereits Spuren des Verfalls zeigt. Die Oberfläche ist rissig geworden. Das Plastilin beginnt zu bröckeln und rieselt als Staub zu Boden, der irgendwann als Mikroplastik in die Welt und in unsere Körper zurückkehren wird. Alles ist im Fluss. Auch da, wo die Zeit scheinbar stillsteht.

Disziplinierung durch Uhren

Das legen jedenfalls die Bilder nahe, die Kovalčíková in die Plastilinhaut eingelassen hat. Als Malgrund dienten ihr Zifferblätter preußischer Turmuhren aus dem frühen 19. Jahrhundert. Nach der Eroberung Polens waren sie flächendeckend montiert worden, um die katholische Bevölkerung preußisch zu disziplinieren. Kovalčíková fand die Zifferblätter im Antikhandel. Im Kunstverein Freiburg blicken sie nun stumm von der Wand, ohne Uhrwerk und Zeiger, die Oberflächen korrodiert, die römischen Ziffern flüchtig mit Blattgold nachgezeichnet, aber jeder Orientierung beraubt. Keine XII steht hier an ihrem Platz. Die Zeit ist aus dem Tritt.

 

Das gilt erst recht für Kovalčíkovás Kompositionen. Die Bilder, zwischen 2022 und 2026 entstanden, wirken wie Traumszenen, gewachsen aus dem rostigen Untergrund. In dunklen, gebrannten Farben, opak und matt, führen sie Figuren aus den unterschiedlichsten Epochen und Quellen der Kunstgeschichte, Mythologie und Popkultur zusammen. Ein latenter Horror durchzieht diese Bilder, gepaart mit Humor und einem klaren Sinn für die Brüchigkeit kultureller Ordnung.

In "Why Would You Want to Win at a Loser’s Game" von 2024 zitiert Kovalčíková Rebecca Horns Performance "Rotbrust", in der sich die Bildhauerin 1971 mit den toxischen Folgen ihrer künstlerischen Arbeit auseinandersetzte. Zu sehen ist ein Filmstill aus der Dokumentation der Performance, flankiert vom Porträt eines Rennradfahrers beim Endspurt und den diffusen Schemen eines Politaktivisten, der sich öffentlich selbst verbrennt. Im Hintergrund der Figuren verschwindet der Blaue Planet im All, als blicke man aus der Luke eines Raumschiffs zurück auf die Erde.

Die erste Frau im All

Diesen Blick könnte auch Walentina Tereschkowa gehabt haben, als sie 1963 als erste Frau im Weltraum die Erde umkreiste. Kovalčíková hat die Kosmonautin porträtiert – der Helm, aus dem sie mit roten Augen schaut, steckt jetzt fest zwischen den Kiefern eines Gebisses, das wiederum in die abblätternden Ziffern der Uhr eingespannt ist. Und hoch oben, unter der Decke, schwebt dazu der feist grinsende Mond aus Georges Méliès’ frühem Animationsfilm "Le voyage dans la lune", hier als Hommage an Andrej Tarkowskis Sci-Fi-Klassiker "Solaris".

Auffallend ist der nostalgische Look der Science-Fiction-Ästhetik, den Kovalčíková in ihren Bildern entwirft. Über allem liegt hier eine schwere Dämmerung der Vergangenheit. Die sonst auf Zukunft gerichtete Bildsprache des Genres kippt ins Retrospektive. Statt Aufbruch und Fortschritt rückt die Wiederkehr des Verdrängten ins Zentrum. Wiederholt taucht als Hintergrund das Muster auf, das bis in die 1970er-Jahre in der Northern Line der Londoner U-Bahn für die Polstersitze verwendet wurde. Mit den kleinen Rauten in Grün, Braun, Gelb und Orange war es perfekt geeignet, die Spuren des Lebens zu absorbieren und zu vertuschen. Entworfen wurde es von einer jüdischen Designerin, die aus Nazideutschland geflohen war. 

Gewalt im Detail

An solchen Details wird konkret, wie sehr Kovalčíkovás Arbeiten mit verdrängter Geschichte aufgeladen sind. Das Unbehagen, das sie auslösen, bindet sich an Materialien, Muster und Bildzitate. Sie erzählen davon, dass Gewalt nicht erst als Ereignis auftaucht, sondern schon in Dingen, Oberflächen und kulturellen Formen sedimentiert ist. Diese Perspektive auf die Welt und die wuchernde, fleischfarbene Körperlichkeit des Settings machen "Rubigo" zu einer Ausstellung, die einen auf irritierend anregende Weise umfängt, verschluckt und verdaut.