Stefan Gierowski Foundation in Warschau

Wie Licht sichtbar wird

Eine Gruppenschau in der Stefan Gierowski Foundation in Warschau widmet sich Erscheinungsformen von Licht. Werke des polnischen Malers treten dort in Dialog mit zeitgenössischer Kunst

Es ist kompliziert mit dem Licht. Dabei ist es das grundlegende Material – wenn man es so nennen kann – des Malers, noch vor der Farbe. Denn ohne Licht gibt es keine Farbe, es verändert und moduliert sie. Andererseits kommt das Licht nicht selbst zur Erscheinung, sondern wird erst in der Erweckung der Farbe sichtbar. 

Der polnische Künstler Stefan Gierowski (1925–2020) hat sich folgerichtig mit dem Licht beschäftigt – seit seiner Hinwendung zur ungegenständlichen Malerei erst recht. Sein Werk ist außerhalb Polens kaum bekannt. Die in Warschau ansässige und von seinen beiden Enkelkindern geleitete Stiftung, die seinen Namen trägt, hat es sich zur Aufgabe gemacht, dieses Werk zugänglich zu machen. Aber ganz im Sinne des viele Jahre lang als Lehrer an der Akademie tätigen und zahlreiche Schüler um sich versammelnden Künstlers bleiben die Präsentationen nicht auf sein Werk beschränkt, sondern treten in Austausch mit der Kunst der Gegenwart.

So ist auch die Ausstellung konzipiert, die jetzt in den schönen Räumen der Stiftung im Zentrum Warschaus zu sehen ist. Unter dem Titel "Aether Commons. Refracted Cosmologies" hat der in Berlin lebende Kurator Azu Nwagbogu Arbeiten von elf Künstlerinnen und Künstlern versammelt, die gemeinsam mit Werken Gierowskis gezeigt werden. Sie alle kreisen um das Thema Licht. 

Untersuchungen mit Licht

Die Fragen, die Nwagbogu dabei an die Arbeiten stellt, sind anspruchsvoll: Zum einen geht es um die Veränderung von Oberflächen durch Einwirkung von außen und die Aussendung von Licht durch "Material, das niemals gedacht war zu strahlen". Sodann fragt er, wie die menschliche Wahrnehmung sich feststehende Bilder aus sich wandelnder Information erschafft, und wie Kunst sich verhält, wenn diese "Konstruktion" sichtbar wird. Und schließlich geht es um die Erweiterung des "Vokabulars" des Lichts durch Untersuchungen, wie Licht sich in und an unterschiedlichen Materialien verhält.

Das klingt viel theoretischer, als es die Ausstellung selbst vorführt. Denn die Kunstwerke sind keine zu Objekten geronnenen Antworten, sondern sie "sind" einfach – nämlich frei vom Zwang oder auch nur der Notwendigkeit, etwas außerhalb ihrer selbst darstellen oder behaupten zu müssen. So gelingt die Annäherung an das Thema Licht ohne Mühe. In einem Raum hängt wie ein Schleier ein Vorhang von El Anatsui, dem ghanaischen Meister der Kronkorken und ihrer umlaufenden Plastikverschlüsse. Wer mag nur diese Mengen an unscheinbaren Plastikringen sammeln, die El Anatsui miteinander verknüpft und verhäkelt? Manche Teile sind doppelt belegt, Schleier hinter Schleier, und modulieren so das hindurch scheinende Licht und das, was das Auge auf der anderen Seite sieht, ebenfalls als Quelle oder Widerschein von Licht.

Lichtquellen hat Andile Dyalvane in seine Skulpturen aus Glas eingebaut und ist so nicht länger von anderen Lichtquellen abhängig. Seine Skulpturen bringen ihrerseits sich und die Umgebung zu jenem "Strahlen", von dem der Kurator spricht. Umgekehrt wird Licht aufgesogen in den Hunderten von schwarzen, gleichförmigen Glaskugeln, die Mona Hatoum unter dem Titel "Turbulenz (schwarz)" in einem Kreis von zweieinhalb Meter Durchmesser auf dem Boden ausgebreitet hat. Kann Schwarz leuchten?
 

Mona Hatoum "Turbulence (black)", 2014
Foto: Sebastiano Pellion, Courtesy of the artist und Galerie Chantal Crousel, Paris

Mona Hatoum "Turbulence (black)", 2014


Leuchten können die Gemälde, die Esther Mahlangu nach Art der Ndebele organisiert: farbige Flächen, in symmetrische Muster schwarz eingefasst, in klaren, unmodulierten Farben. Technischer Mittel bedient sich der aus Südkorea stammende und im Alter von zwölf Jahren nach Südafrika übergesiedelte und dort künstlerisch ausgebildete Julian Kyusang Lee, der seinen ein wenig an die Op-Art der 1960er-Jahre erinnernden Kreis als Teil einer audiovisuellen Installation präsentiert. Lee lebt derzeit übrigens in Leipzig, wie überhaupt die Künstler der Ausstellung, etwa je zur Hälfte aus Afrika und aus westlichen Kontexten stammend, für die Weltläufigkeit der Artistic Community stehen.

Weltraumflüge und Stalin

Dazwischen hängen Gemälde von Stefan Gierowski an den Wänden, deren Reichtum an Formen und Farben sich im Austausch mit den Werken der anderen Künstlerinnen und Künstler ganz entfaltet. Zwei Aquarelle von 1966 machen in ihrer Beinahe-Transparenz das Licht zu ihrem Thema, indem es die zarten Wasserfarben eher durchdringt, als dass es von ihnen reflektiert würde. Es erstaunt aus westlicher Sicht, wie ungehindert und wirkmächtig Gierowski seine ungegenständliche Arbeitsweise verfolgen konnte, zumal er sich nach frühen Jahren in figurativer, an Léger und Picasso geschulter Motivik und Malweise Ende der 1950er-Jahre vollständig davon löste. Auf die Frage nach außerkünstlerischen Anstößen und Ereignissen nannte er 1967 unter anderem "Krieg, Atombombe, Sozialismus, Weltraumflüge, Kybernetik", aber auch "Stalin, Johannes XXIII., Kennedy, Mao Tse-tung". Dazu die knappe Bemerkung: "Die Nennungen haben nichts mit Malerei zu tun, aber sie definieren die Atmosphäre, in der sich meine künstlerischen Überzeugungen geformt haben."
 

Stefan Gierowski "DCCCXXXVII", 2007
Foto: Adam Gut

Stefan Gierowski "DCCCXXXVII", 2007


Das Jahr 1967 ist sicher nicht zufällig, es bezeichnet die ganz Europa erfassende Bewegung hin zur Freiheit des Denkens und damit zur Freiheit überhaupt, nicht zuletzt in der östlichen Mitte des Kontinents. Gierowski war darin ein sehr sichtbarer Akteur, und es ist gut, dass seine Kunst nicht museal als Vergangenes gezeigt wird, sondern lebendig und fruchtbar bleibt im Austausch mit heutigen Positionen.

An einem Ende der L-förmigen Ausstellungsetage läuft William Kentridges Video "Learning the Flute" läuft – womit natürlich Mozarts "Zauberflöte" angesprochen ist. Im Raum davor aber hängen an den Stirnwänden zwei großformatige Holzschnittdrucke auf Zeitungspapier gegenüber, eine Positiv- und eine Negativform desselben Motivs – Licht und Nicht-Licht. Das Video führt vor, dass allein das Licht etwas sichtbar machen kann, wie eben Kentridges animierte Zeichnungen, zugleich bleibt das Licht selbst unsichtbar und ist nur zu erahnen – wie der Äther aus dem Ausstellungstitel. Die Schau, die so gar nicht zur derzeitigen Erregbarkeit des Kunstbetriebs zu passen scheint, führt zurück auf ebendies: auf die Kunst und ihre unerschöpflichen Möglichkeiten. Stefan Gierowski hat sie lebenslang erprobt.