Previous Next

Stephan Erfurt als Fotograf

Engagiertes Interesse am fremden Objekt

ANZEIGE

Stephan Erfurts "On the Road" ist aufregender Fotojournalismus

Wer zeitgenössische Fotografie liebt, kennt Stephan Erfurt womöglich als den stets aufmerksamen, freundlichen Hausherrn, der bei den rasend gut besuchten Eröffnungen im Ausstellungshaus C/O Berlin persönlich an der Tür steht und die Besucher begrüßt. Erfurt hat im Jahr 2000 den in Deutschland einzigartigen Aus­stellungsort für Fotokunst eröffnet, gegründet im ehemaligen Postfuhramt an der Oranienburger Straße, jetzt im Ame­rika Haus am Bahnhof Zoo beheimatet.

Dass er selbst Fotograf ist, wissen zum Beispiel Leute, für die das Magazin der "FAZ", das der Tageszeitung immer freitags beilag, ein wichtiges visuelles und journalistisches Medium war. 1999 wurde es überraschend eingestellt, und Stephan Erfurt verlor seinen größten Auftraggeber: Er hatte mit seinen Reportagen aus den USA und später aus Berlin die Bildsprache des Hefts und nicht zuletzt auch das Bild geprägt, das sich die Leser in den 80er-­Jahren von Amerika machten. Wenn das Verschwinden des Magazins eine einzige positive Auswirkung hatte, dann den Entschluss von Stephan Erfurt, fortan Fotografie auf höchstem Niveau auszustellen.

Seine USA-Reportagen plante er von seiner New Yorker Wohnung am Tompkins Square manchmal monatelang im Voraus. Viele der Geschichten, die dann später auf vielen Doppelseiten im Heft stehen sollten, waren von der Bildidee angetrieben. Als er den Highway 1 mit einem orangefarbenen VW-Bulli ab­fährt, zieht sich das Fahrzeug als Konstante durch jedes der fein austarierten, teilweise monumentalen Motive. Es sind nicht einfach Bilder, die einen Text illustrieren, sondern es handelt sich um eine eigen­ständige Autorenarbeit.

So gesehen, sind seine Serien schon immer kleine Fotoausstellungen auf Papier. Das Buch "On the Road" zeigt sie zusammen, und es ist eine gute Idee der Herausgeber, auch die Gestaltung der Magazinseiten mit abzubilden. So ist der Titel kein Buch mit Reportagefotos, sondern über Magazinjournalismus. Über Bilder, die gedruckt und geblättert werden müssen.

Erfurt hat als Fotograf keinen Signaturestyle für sich entwickelt, auch die Wahl seines Materials variiert. Manche Serien erfordern grobkörnige Schwarz-Weiß-Ästhetik mit langer Belichtungszeit, wie die Aufnahmen aus New Yorker Diners bei Nacht. Als Stephan Erfurt in den 80er-Jahren die kuriose, leicht verfallene Art-déco-­Architektur in Miami Beach für sich entdeckt und dabei das Bonbonfarbene und das Schäbigenicht gegeneinander ausspielt, sind Ereignisse wie die Art Basel Miami Beach noch in weiter Ferne. Seine Nähe zur Kunst zeigt er in rauen Reportagen über Richard Serra oder Eduardo Chillida und ihre Stahlskulpturen.

Einerseits ist es Neugier, andererseits Genauigkeit und ein großer Widerstand dagegen, das Offensichtliche, vielleicht Sensationelle zu bedienen, das die Fotografien von Stephan Erfurt ausmacht. Das engagierte Interesse am fremden Objekt – Las Vegas, Venice Beach, Wall Street – behält er bei seiner Rückkehr nach Berlin bei, wo er sich dem Staatsratsgebäude oder dem Fernsehturm am Alexanderplatz in teilweise aufsehen­erregenden Perspektiven widmet.

Diese Bilder wollen gedruckt sein, und sie wollen auch abgezogen, gerahmt und ausgestellt werden.

Weitere Artikel aus Bücher