Lütfiye Güzel und Stephan Muschick übers Ruhrgebiet

"Ich mag die Ästhetik des vermeintlich Hässlichen"

Foto: Belebte Stadtstraße mit Tramgleisen, Oberleitungen, vielen Ampeln, Autos und Fußgängern.
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"Alle haben Angst vor Duisburg-Marxloh, also dachte ich, ich bin da richtig": Die Weseler Straße in Marxloh

Die Dichterin Lütfiye Güzel und E.ON-Foundation-Chef Stephan Muschick über Duisburg-Marxloh, die Schönheit des Kaputten und die Freiheit der Tauben – und warum Veränderung oft nur eine Idee bleibt

Frau Güzel, was macht für Sie das Ruhrgebiet aus?

Lütfiye Güzel: Mein Ruhrgebiet entsteht aus dem gelebten Blick auf eine Region, in der ich atme. Ich bin mittendrin, ich habe keinen Außenblick. Früher habe ich einen wirklich romantischen Blick auf das Ruhrgebiet gehabt. Ich komme aus Duisburg-Marxloh, alle haben Angst vor Duisburg-Marxloh, also dachte ich, ich bin da richtig.

Stephan Muschick: Gab es diese "Marxloh-Angst" eigentlich schon immer?

LG: Ja. Auch Freunde, die aus anderen Stadtteilen Duisburgs kamen, sagten immer skeptisch: Oh, wir müssen jetzt nach Marxloh rein. Die Leute vergessen dabei aber, dass da Menschen leben. Es gibt überall gutes Leben und Scheißleben. Aber von diesem Heimat-Ding, diesem Zuhause-Gefühl habe ich die Nase voll. Das wird immer von außen bestimmt, wo du dich wohlzufühlen hast. Das ist gleichzeitig ein Ausschlussverfahren.

Aber was für ein Gefühl haben Sie zum Ruhrgebiet?

LG: Für mich ist das Ruhrgebiet schwarz-weiß. Es hat viel mit Arbeit zu tun, Arbeit nach außen, Arbeit nach innen, Arbeit mit Familie. Man redete damals nur Türkisch und Kurdisch. Es gab nicht mal einen Schreibwarenladen in Marxloh, keine Bücherei. Die gab es in Hamborn, das ist wieder eine andere Welt. Meine Frage zum Ruhrgebiet, die ich in dem gleichnamigen chapbook gestellt habe, ist ja: "wem gehören die tauben?" Die sind genauso unterschätzt wie ich. Die können fliegen, die haben keine Angst vor Menschen, die sind gesellig, die überleben. 

SM: Die Urbane Künste Ruhr haben deine Frage auf Plakaten in der Stadt aufgehängt und als Postkarten verteilt, als Kunstaktion. Das finde ich super. 

LG: Ich auch. Und ich hoffe, dass die Antwort lautet: Die Tauben gehören niemandem. Ich möchte, dass es mal etwas gibt, was niemandem gehört. Es ist ja eine Illusion, dass wir Menschen immer denken, wir seien frei. 

SM: Tauben polarisieren ja auch. Die einen hassen sie und sagen, das sind die Ratten der Lüfte. Andere füttern sie. Ich habe vor einigen Jahren das Lager gewechselt. Ich finde Menschen gut, die Tauben füttern. Insofern gehören die Tauben auch ein bisschen mir.

LG: Die Ratten der Lüfte. Ich mag die Ästhetik des vermeintlich Hässlichen. Ich mag die Tristesse. Ich identifiziere mich als Dichterin mit den Tauben, weil auch sie Underdogs sind.

Wenn Sie sagen, das Ruhrgebiet sei schwarz-weiß, meinen Sie das im Sinne eines Films? Oder dass es da so harte Kontraste gibt? 

LG: Beides. Es ist eine Filmaufnahme, die es einem nicht warm ums Herz macht, sondern man ist wach, es ist kalt, alles hat klare Konturen und Strukturen. Man sagt ja auch, dass die Menschen hier so direkt sind. Wobei es natürlich eine feine Linie zwischen direkt und ehrlich und unbedacht und doof gibt. Man sagt zu mir auch Ruhrgebiets-Dichterin, weil ich eine vermeintlich einfache Sprache habe. Ich sage dazu immer: Einfach ist schwer. Der direkte Frontalangriff, so etwas kennt man ja auch aus Berlin.

Für mich besteht eine Parallele darin, dass Berlin immer noch undefinierte Stellen in der städtischen ­Topografie hat. Es hat Löcher. Da ist überall etwas kaputtgegangen, da sind Brachflächen. Ich lebe ungern an Orten, wo alles fertig definiert ist.

LG: Kaputt ist ein gutes Stichwort. Ich nenne mein Schreiben ja auch kaputte Lyrik. Und ich kenne das mit den Leerständen. Ich habe nur immer Angst, wenn ich morgens aufwache und irgendwo langgehe, wo es wirklich cool war, dass das dann abgerissen ist. Oft ist das, was so schön hässlich ist, plötzlich weg. Lasst doch das Loch Loch bleiben!

SM: Bis vor Kurzem gab es ja auch die kaputten Glasfassaden am Duisburger Hauptbahnhof. Die waren notdürftig mit einer Art Tape zusammengeklebt. Man stand da und wartete auf den Zug und auf den Einsturz. Es gibt sogar ein Buch darüber. Wunderschön. Durch dieses Klebeband wurde alles in ein goldenes Licht getaucht. 

LG: Das war für mich wirklich Kunst. Zufällige Kunst. Sie hätten zumindest eins dieser Fenster so lassen sollen. Oder ins Museum tragen, als Glaskunst.

Und wie übersetzt man diesen Blick auf Schönheit und Hässlichkeit in Lyrik?

LG: Genauso kaputt und zusammengeklebt. Es kann fliegen, aber für einige ist es eine Ratte. Im Grunde ist es wirklich nur ein Abschreiben dessen, was schon da ist. Ich brauche keine Nebensätze, um etwas aufzuhübschen. Ich will es nicht schminken. Ich schreibe meine Realität ab und den Alltag. Ich bin wie ein Kopierer. 

SM: Ein Schwarz-Weiß-Kopierer.

LG: Das ist auch billiger.

Aus dieser Position heraus Lyrik herauszubringen, ist nicht selbstverständlich. 

LG: Aber dahinter ist kein Plan, es kommt meiner Natur entgegen. Ich habe gedacht, ich riskiere es. Ohne Angst. Unter dem Strich endet ja alles in Angst. Angst, etwas nicht zu haben; Angst, etwas zu verlieren. Ich habe das durchgezogen, und ich glaube, es funktioniert nur dann, wenn man mit einer Hand greift und mit der anderen einfach loslässt. Und man braucht Disziplin. Was nicht heißt, dass du um vier Uhr morgens aufstehst, sondern dass du an dich glaubst.

Das Aufwachsen in Duisburg-Marxloh ist ja jetzt auch schon eine Weile her, so wie bei mir das Aufwachsen in Bochum. Was hat sich denn verändert? Ich bin weggegangen, deswegen weiß ich es gar nicht so genau. 

LG: Ich bin hier geblieben, deswegen weiß ich das nicht so genau. Es hat sich bestimmt etwas verändert. Aber ich kann das nicht einschätzen. Weil ich es zu lange gelebt habe. Ich habe das Gefühl, ich kann um die Ecke gucken, und alles ist mir fremd und vertraut zugleich. Ich mag dieses Gefühl. Ich will mich nicht zu sehr identifizieren. Auf Lokalpatriotismus habe ich keine Lust. Ich mag das Gefühl, dass ich immer auschecken kann und einchecken. 

SM: Wie steht es um dein Verhältnis zu den Oberen deiner Heimatstadt? In deiner Kolumne "Süper­despresyon" deutest du ja etwas an.

LG: Es ist ja meistens so, dass die Stadt, aus der du kommst, dich gerne ignoriert. Aber ganz so ist es nicht. Ich habe hier zum Beispiel den Fakir-Baykurt-Kulturpreis bekommen. Ich glaube, dass einige ein Problem damit haben, dass ich selbst verlege, dass also niemand großartig an mir verdient, kein Verlag. Und die finden das frech, die macht ihr Ding und lebt auch noch davon. Ich finde, das ist ein großer Erfolg. Ich bin sehr pragmatisch. Bei Podien frage ich mich aber immer: Wer sitzt nicht am Tisch? Über wen wird geredet, der nicht mitredet? Ich sage immer, ich bin eine wandelnde Randgruppe. Kurdisch, freiberuflich, Arbeiterkind, Dichterin, Ruhrgebiet, Duisburg. Ich finde im Übrigen auch, dass ich als Trägerin des Literaturpreises Ruhr auch zur Manifesta 16 Ruhr eingeladen werden sollte. Aber ich lasse das alles für mich arbeiten, und ich hoffe, dass man das in den Gedichten sieht.

SM: Deine wunderbaren Gedichte sind für mich sowieso das Wesentliche.

Ich habe mir ein Zitat aufgeschrieben aus einem Ihrer Gedichte. Wir reden ja viel über das Ruhrgebiet als Ort der Transformation. Aber ich habe diese drei Zeilen gefunden:

Eine Idee des Umbruchs 
ist genau das, 
eine Idee.

Was heißt denn das?

LG: Wenn es Ihnen gefallen hat, dann wissen Sie bestimmt ganz genau, was das heißt. 

SM: "Veränderung bleibt Skizze", das ist auch ein Zitat von dir. Das geht für mich in eine ähnliche Richtung. Das hat ja auch etwas Hoffnungsvolles. Und spendierst du uns jetzt vielleicht noch ein ganzes Gedicht zum Abschluss unseres Gesprächs?

LG: Okay. Hier kommt eines aus meinem Gedichtband "pinky helsinki":

ich öffne

die augen
& weiß nicht 
warum
die freiheit
fällt mir ein
ich sehe 
ein stück himmel
ein wenig baum
& da oben
ein flugzeug
in dem ich
nicht sitze