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Interview mit Warhol-Fotograf Schapiro

"Andy who?"

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An Andy Warhol haben sich Dutzende Fotografen abgearbeitet, wenigen sind dabei so ikonische Aufnahmen gelungen wie Steve Schapiro. Zur Eröffnung der Gruppenausstellung "Andy Warhol: Fantastic!" ist der legendäre US-Fotograf jetzt nach Berlin gekommen. Ein Gespräch über Boheme und Protest, damals wie heute

Mr. Schapiro, als wir für unser Magazin vor einigen Jahren Lou Reed von The Velvet Underground interviewten, stellte er eine Bedingung auf: Wir könnten über alle reden, außer über Andy Warhol.
Die beiden zerstritten sich, als Andy entschied, The Velvet Underground nicht länger zu managen. Lou war sauer, weil Andy ihn verließ und auch noch Nico mitnahm, die Sängerin von Velvet Underground. Das hat Lou ihm nie verziehen. Beide hatten große Egos.

Bei unserem Gespräch schien Lou Reed vor allem genervt von dem anhaltenden Hype um Warhol, von den immer gleichen Geschichten aus der Factory. Ist über Andy Warhol nicht alles gesagt?
Andy who? Kenne ich nicht. (lacht) 

Okay. Haben Sie denn schon die Warhol-Retrospektive im Whitney Museum besucht?
Nein, aber ich habe den Katalog gesehen. Eins meiner Warhol-Porträts ist darin abgebildet.

Sie haben Warhol seit den frühen 60er-Jahren etliche Male fotografiert. Haben Sie ein Lieblingsbild?
Ich mag das Bild, auf dem Andy mit Edie Sedgwick zu sehen ist, weil er darauf lächelt. Es gibt Tausend Warhol-Porträts, aber nur wenige mit einem Lächeln. Er war ein brillanter Vermarkter, und er schuf dieses Selbstbild des schüchternen, schweigsamen Typen, der alle Interviewfragen mit Ja beantwortet … Jeder erwartete von ihm, originell zu sein, aber er wollte nur normal sein, normale Dinge malen, normale Dinge fotografieren.

Was hielten Sie damals von seiner Kunst, seiner Fotografie?
Nun, Künstler streben nach dem Neuen, und die Welt ist darauf meist noch nicht vorbereitet. Niemand war bereit für den Impressionismus. Und niemand war bereit für die Pop Art. Niemand war bereit für Bilder von Suppendosen. Heute sind das millionenschwere Ikonen. Aber ganz ehrlich: Sind sie das wert? Wie bemessen wir Wert?

Sie haben in den 60ern nicht nur die New Yorker Künstlerboheme fotografiert, sondern auch die Bürgerrechtsbewegung und Martin Luther Kings Protestmärsche. Wie haben Sie diese unterschiedlichen Welten zusammengekriegt?
Es ist kein so großer Unterschied, was das Fotografieren selbst angeht. Als Fotograf suchst du nach dem Wesen einer Person, nach dem Geist eines Ereignisses. Natürlich weißt du als Dokumentarfotograf einer Demonstration nicht, was in fünf Minuten passieren wird. Es ist nicht in deiner Kontrolle, anders als an einem Set. Aber du wartest bei beidem auf den Moment, an dem sich die Essenz offenbart. Du suchst nach dem perfekten Bild.  

Sie haben in Arkansas das Elend der Wanderarbeiter dokumentiert – das sind hoch politische Bilder.
Das war eine erschütternde Erfahrung, vor allem die Situation der Kinder hat mich bewegt. Sie mussten mit ihren Eltern mitziehen, hatten mal hier eine Stunde Schule, dann ging es weiter an einen anderen Ort. Es gab keinerlei Kontinuität in ihrem Leben, keine Bildung und keine Chance, diesem Kreislauf zu entkommen. Eines meiner Bilder zeigt die Hütte einer dieser Familien. Auf die Tür hatte jemand geschrieben: I love anybody who loves me.

Woran arbeiten Sie zurzeit?
Ich bin wieder bei den Bürgerrechtsbewegungen gelandet. Mein Sohn begleitet mich bei einigen Projekten. Und meine Frau arbeitet ehrenamtlich in Gefängnissen. Wir bemühen uns, dass die Welt ein bisschen besser wird. Und irgendwie haben mich Protestbewegungen schon immer angezogen. In Chicagos South Side gibt es einen Priester namens Father Pfleger, ein weißer, römisch-katholischer Priester, dessen gesamte Gemeinde schwarz ist. Er ist einer der mutigsten und offenherzigsten Redner, die ich je erlebt habe. Und ganz im Stil von Martin Luther King einer der moralisch integersten Menschen. Mit Moral und Werten haben wir in den USA gerade ein ziemliches Problem. Unser Präsident kümmert sich bekanntermaßen nur um sich und seine Geschäfte.

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