Galerienrundgang Berlin

Stil und Antistil

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Beim Gallery-Hopping in Berlin fühlt man sich oft, als befände man sich eigentlich in New York oder London. Konvolute großer Künstler hängen da in gigantischen, todschicken Räumen. Einfach so. Bewacht werden sie nur von der einen oder anderen klischeegerecht gelangweilten Galerieassistentinnen. Und das alles trotz - ja, der Krise. Im Gegenteil: Die gegenwärtige Marktlage lässt die Berliner Topgalerien zu noch größerer Form auflaufen. Von der Subkulturhauptstadt zum neuen Chelsea: Die Entwicklung steht Berlin gut.
 
Eine gute Portion musealer Qualität findet man zurzeit zum Beispiel bei Jablonka im Galerienhaus in der Kochstraße, wo neue Arbeiten von Eric Fischl gezeigt werden. Die leuchtenden Ölfarben und den deskriptiven Pinselstrich, der kurz vor altmeisterlicher Perfektion innehält – dafür ist Fischl bekannt. Ebenso für seine auf den ersten Blick banal wirkenden Motive aus dem amerikanischen Alltagsleben, die erst bei genauerem Hinsehen die Spannung eines Hitchcock-Filmstills erlangen.
 
Seine neuen „Corrida Paintings“ verbinden seine hochkarätige Maltechnik mit Stierkampfmotiven. Deutlicher war Fischls Hommage an die alten Meister noch nie. Vorbilder lieferten Fotos, die er auf einer Andalusienreise mit seinem Galeristen von der „Corrida goyesca de Ronda“ gemacht hat - einem der klassischen Torrerofestivals, die noch so geführt werden wie zu Goyas Zeiten. Die Farben erstrahlen im mediterranen Licht. Die Figuration kommt durch abstrakt gehaltene Hintergründe kurz vor der naturalistischen Starre zu stehen. Die altertümlichen Stierkämpfer scheinen wie in einem tiefgründigen Farbraum zu schweben.
 
Die Preise zwischen 600 000 und 1,2 Millionen US-Dollar reflektieren die malerische Qualität des großformatigen Zyklus, der nach der Berliner Erstvorstellung nach New York und Malaga weiter reisen wird. Für viele Fischl-Fans dürfte die neuen Leinwände allerdings etwas zu manieristisch daherkommen. Normalerweise leben seine Bilder von ihrer hintergründigen Spannung. Dafür sind die andalusischen Motive zu pittoresk.
 
Bei Capitain Petzel – dem Joint Venture zwischen der New Yorker Petzel Gallery und Gisela Capitain in Köln in einem modernistischen Bungalow an der Karl-Marx-Allee – hat Capitain wieder ihren Kippenberger-Nachlassschatz geöffnet und präsentiert passend zur großen Retropektive im New Yorker MoMA 13 Arbeiten von der legendären Brasilienreise des Künstlers. Drei Monate dauerte Kippys „Magical Misery Tour“ in Rio de Janeiro im Winter 1985/86. Er nutzte sie gut: Er malte, machte Party mit Albert Oehlen und erstand eine Tankstelle, die er nach dem geflohenen Nazi Martin Bormann benannte. Bei Capitain Petzel ist unter anderem eine lebensgroße, fotografische Installation der Tankstelle zu sehen, die eigentlich nur aus zwei, nicht sehr vertauenderweckenden Zapfsäulen zu bestanden haben scheint.
 
Die Karton- und Holzskulptur „War Gott ein Stümper?“, die mit ihren beidseitigen Flügeln an die Jesus-Statue in Rio erinnert und mit damals wie heute wertlosen brasilianischen Banknoten gestopft ist, ist ein absoluter Hingucker, wird aber nie eine private Sammlung schmücken. Die Galeristin verkauft sie nur an Museen. Dafür können Sammler für 750 000 Euro eine der beiden ausgestellten, großformatigen Leinwände erstehen. Besonders „Garota de Ipanema IV“ ist die für Kippenberger inzwischen günstige Investition wert. Das Bild zeugt von einem ganz vorzüglichen Einsatz verschiedener Pinktöne. Die Farbflächen, eine kleinformatige, auf die Leinwand geklebte witz-impressionistische Acryl-Strandszene sowie die angedeutete Silhouette einer Frau mit Sonnenhut und Bikini werden von zwei apart platzierten Badeanzugskordeln miteinander verbunden. Beim Anschauen pfeift man automatisch den titelgebenden Jazzsong „The Girl From Ipanema“ vor sich hin. Das Datum 12.1.86 prangt groß auf dem Bild – das scheint in Rio wohl ein besonders sonniger Tag gewesen zu sein.
 
Die Verkäufe bei beiden Ausstellungen scheinen relativ gut. Die beiden Kippenberger-Leinwände haben sich schon eine Reihe von Sammlern bei Capitain vormerken lassen, die sich immer genau überlegt, an wen sie verkauft. Auch eine Reihe Corrida Paintings aus Jablonkas Fischl-Serie sollen schon Käufer gefunden haben. Und das alles trotz – ja, der Krise.
 

 
Eric Fischl bei Jablonka: noch bis zum 15. Juli; Martin Kippenberger bei Capitain Petzel: noch bis zum 13. Juni
 
 

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