Die über die Kanäle der "Bild"-Zeitung bekannt gewordene mögliche Entlassung der Berlinale-Direktorin Tricia Tuttle hat innerhalb kürzester Zeit für spürbaren Empörung in der Filmwelt im In- und Ausland gesorgt. Binnen weniger Stunden konnten mehr als 2000 Unterschriften für einen offenen Brief gesammelt werden, unter anderem von Tilda Swinton, Tom Tykwer und Oscar-Preisträgerin Caroline Link. Es gab aber auch nicht veröffentlichte Schreiben aus dem Kulturbetrieb – darunter Schreiben der Akademie der Künste und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz – in Richtung Wolfram Weimer, Bundesbeauftragter für Kultur und Medien. Dieser Protest dürfte mit dazu beigetragen haben, dass Tricia Tuttle zunächst in ihrem Amt bleiben wird. Die Gespräche würden fortgesetzt, war aus dem Ministerium zu hören. Wir haben bei Kulturschaffenden ein erstes Stimmungsbild eingeholt.
Yael Bartana, Künstlerin:
"Die Berlinale, eines der größten Güter Deutschlands, ist ernsthaft bedroht. Nicht durch die Filmemacher, die ihre Meinung äußern, sondern durch Politiker, die glauben, sie müssten sie daran hindern. Der Versuch, Stimmen zum Schweigen zu bringen, mit denen wir nicht übereinstimmen, untergräbt nur den offenen Dialog und die Pluralität, zu deren Förderung unsere Kulturinstitutionen geschaffen wurden und die das Kennzeichen einer liberalen Demokratie sind."
Volker Schlöndorff, Regisseur:
"Die Kunstwelt fragt sich seit Langem, welches eigentlich die Kulturpolitik unserer Regierung ist. Nun soll angeblich die Berlinale, die sich gerade gefangen und im zweiten Jahr der neuen Leiterin wieder an Ansehen gewonnen hat, "reformiert" und Tricia Tuttle womöglich entlassen werden. Das wäre das Ende der Berlinale auf viele Jahre hinaus. Ihre Leitung gälte von nun ans Himmelfahrtsposten, für den man keine international renommierte Persönlichkeit gewinnen könnte. Und schlimmer noch, kaum ein renommierter Filmemacher würde seine Arbeit mehr auf der Berlinale zeigen wollen. Aus einem der drei wichtigsten Festivals der Welt würde eine Provinzveranstaltung. Ein Filmfestival ist ohne Freiheit der Rede nicht zu haben. Das Image nicht nur der Berlinale, sondern auch das des Kulturlandes Deutschland und damit auch das des Ministers wären auf Dauer beschädigt."
Caroline Link, Regisseurin:
"Ich bin begeistert, Teil einer Branche zu sein, die sofort auf die Barrikaden geht, wenn es darum geht, die Meinungsfreiheit zu verteidigen. Es macht keinen guten Eindruck, wenn die Leiterin der Berlinale nach einer strittigen Äußerung eines Preisträgers zum Kulturstaatsminister zitiert wird, um Rechenschaft abzulegen. Bisher gab es keine Zensur auf der Berlinale. Und das soll bitte auch so bleiben."
Daniel Kehlmann, Schriftsteller:
"Sollte Tricia Tuttle wegen Dingen, die Preisträger auf der Bühne gesagt und gemacht haben, entlassen werden, wäre es die größte Katastrophe der deutschen Kulturpolitik seit der Hausdurchsuchung bei Heinrich Böll im Jahr 1972. Keine renommierten Filmemacher würden mehr ihre Arbeiten da zeigen wollen, und es würde in ein paar Jahren auf der Berlinale fast nur noch Dokus über bayerische Gesangsvereine und den jeweils neuesten Til-Schweiger-Film geben. Oder, wie Wolfram Weimer es wohl nennen würde: ein optimaler Ausgang."
Ilker Catak, Regisseur, Preisträger des Goldenen Bären 2026
"Ich würde nie wieder einen Film der Berlinale geben. Das würde auch für viele meiner Kolleginnen und Kollegen gelten. Dann kann man die Berlinale gleich beerdigen."
Karim Aïnouz, Regisseur
"Ich habe Berlin und Deutschland als meine zweite Heimat gewählt, weil es für sein einzigartiges kreatives Umfeld und seine demokratische Freiheit international bekannt ist. Es ist tragisch, dass genau dies derzeit in Frage gestellt wird."
Detlev Buck, Regisseur
"Wer das Geld verteilt regiert ... Das Ding mit der Kontrolle ist, wer kontrolliert? Tricia Tuttle nun wegen allem verantwortlich zu machen ist gefährlich, denn diese Krise sollte nicht wie beim Echo dahin führen, dass gleich alle ihre Preise zurückgeben und der Laden dicht gemacht wird, wo es spannend wird. Diese Krise sollte man nutzen und nicht nur rausschmeißen. Jede Nachfolger oder Nachfolgerin würde dieses Leck nicht mehr schließen können."
Maria Schrader, Regisseurin und Schauspielerin
"Tricia ist in jeder Hinsicht ein Glücksfall für die Berlinale. Dass sie jetzt noch zu weiteren Gesprächen bereit zu sein scheint, beweist das ein weiteres Mal."
Jan Krüger, Produzent
"Tricia und Team haben in den letzten Jahren eine Wahnsinnsarbeit geleistet, die meines Erachtens noch lange nicht zu Ende ist beziehungsweise sein sollte. Gerade deshalb und im Sinne des vor allem internationalen Ansehen des Filmfestivals, würde ich mir wünschen dass die Presse nicht so schnell vorverurteilt und sich Meinungen vorab bildet, sondern abwartet, dass die Gremien sich intern geordnet haben, ein Herr Weimer sich mit allen in Ruhe besprochen und vor allem Tricia sich einen Plan machen und den besprechen kann."