Stockholm Art Week

Der Norden kann mehr als Design

Während der Stockholm Art Week zeigt sich die schwedische Hauptstadt als Kunstmetropole des Nordens. Zwischen textilen Skulpturen im Millesgården Museum, zwei Messen und jungen Galerien ist von Krise nichts zu spüren

Diana Orvings textile Skulpturen erinnern an ephemere Gespinste oder riesenhafte Puppenhüllen, an Draperien barock flatternder Gewänder und sich verflüchtigende Wolken. Die schwedische Künstlerin hat sie fast choreografisch an der Decke arrangiert. Ihre "Celestial Bodies" schweben im Stockholmer Millesgården Museum wie bewegt über den Skulpturen des schwedischen Bildhauers Carl Milles (1875–1955). Das Museum lädt zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler ein, Arbeiten für ihre Räume zu schaffen, und die von Orving sind die ersten. Hier treten sie in einen Dialog mit Milles’ Werken aus Stein oder Bronze oder großen Gipsmodellen, etwa einer Europa, die auf einem Stier reitet. Schwere trifft auf Leichtigkeit, Ewigkeit auf Vergänglichkeit, klassische Formen auf erfundene. "Ich nähere mich meinen Arbeiten wie lebendigen Wesen, ich folge ihrem Temperament, ihrem eigenen Willen", sagt die schwedische Künstlerin.

Die Führung mit Diana Orving ist Teil der Stockholm Art Week. Deren Kunst-Locations sind verteilt über die Inseln der Stadt – wie Venedig, nur viel entspannter. Bisher war Stockholm eher bekannt für die Design Week und seine Musik-Szene. Mit der Stockholm Art Week positioniert sich die Stadt zunehmend als führende nordische Kunstdestination und spannende Metropole für den Kunstfrühling. Im vollen Programm stehen zahlreiche Artist Talks, Galerieausstellungen und Eröffnungen, es gibt Atelierbesuche und Einblicke in Privathäuser. Das Moderna Museet und das Fotografiska eröffnen anlässlich der Stockholm Art Week je eine Ausstellung.

Hier im Norden ist von Krise nichts zu spüren, die Kunstszene wächst. "In den letzten Jahren haben viele schwedische Galerien eröffnet, wie die Stance Gallery, Ditte Lauridsen, Gerdman Gallery, Antics, Richter Holterman oder Anna Persson", sagt Joanna Sundström, Gründerin und Direktorin der Stockholm Art Week. Für eine Stadt mit nur knapp einer Million Einwohnern hat Stockholm ganz schön viel Kunst zu bieten: "Wir haben auch starke private Institutionen wie die Bonniers Konsthall, das Fotografiska, das Sven-Harrys Konstmuseum oder die Kunsthalle Hospitalet."

Gleich zwei Messen

Auch zwei Messen finden während der Kunstwoche statt: die von Künstlern organisierte, unabhängige Supermarket und die Market Art Fair, die beide zum 20. Mal stattfinden. Sie hat mit 54 Ständen eine gute, überschaubare Größe, um sich nicht überwältigt zu fühlen. Mehr als 150 Künstler und Künstlerinnen nehmen teil, es ist die größte Ausgabe bislang.

 

Supermarket 2026: die unabhängige Kunstmesse in Stockholm
Foto: José Figueroa

"Rebus", Performance auf der unabhängigen Messe Supermarket, 2025


Die Berliner Galerie Dorothée Nilsson zeigt das Duo Inka & Niclas, die auf ihren Fotografien das inflationäre Motiv des Sonnenuntergangs im Meer dystopisch wenden: Auf düster-unheimlichem Wasser schwimmt die Sonne als glühende, technisch illuminierte Kugel vor der Horizontlinie, manchmal ist ihre Drahtkonstruktion vom Wellengang freigelegt. Die isländische i8 Gallery hat Werke von Ólafur Elíasson mitgebracht. "The rare metallic plant" von 2026 etwa ist eine menschengroße, korallenförmige Skulptur aus kristallinen Modulen, die nach oben zu wachsen scheint (195 000 Euro). Eliasson hat sie aus Zink gefertigt, das beim Bergbau in die Atmosphäre gelangt, wenn es nicht von Spezialfirmen geborgen wird.

Kleineres Risiko

Es sind Künstler und Künstlerinnen aus 30 Nationen vertreten, aber der Fokus richtet sich auf Positionen aus den nordischen Ländern. "In den letzten Jahren haben dort allein 13 Galerien mit Fokus auf Kunst aus dieser Region eröffnet", sagt Sara Berner Bengtsson, Leiterin der Market Art Fair. Andere, etwa Nicolai Wallner aus Dänemark, haben sich entschieden, nur noch nordische Positionen zu vertreten. "Es gibt viele Sammler und viel altes Geld und neues aus der Tech- und AI-Branche hier. Außerdem haben wir ein starkes soziales Sicherheitsnetz. Das Risiko ist also kleiner."
 

Katherine Bradford "Encounter in the Sky", 2024
Foto: Courtesy Galerie Larsen Warner

Katherine Bradford "Encounter in the Sky", 2024


Zu den Neugaleristen gehört der Deutsch-Schwede Theo Richter, der wie viele andere eine Schau im Rahmen der Stockholm Art Week eröffnet. "Ich war DJ und Musikproduzent und habe große Partys veranstaltet. Dabei habe ich viele Künstler und Künstlerinnen kennengelernt und angefangen, zu sammeln. So kam ich in die Szene rein." Er zeigt in den Kellerräumen seiner Galerie Richter Holtermann 14 Arbeiten von 14 Künstlern, darunter das Gemälde "Take me somewhere" von 2026, das einen erschöpften Raver mit einem anonymisierenden roten Punkt auf dem Gesicht zeigt, der nach einem Konzert erschöpft auf dem Waldboden liegt, für 25 000 Kronen.

Kunst als Traumaarbeit

Vor dem Armeemuseum steht ein Art Car, das der schwedische Künstler Anders Krisár für Porsche gestaltet hat. Im weiß getünchten Gewölbe zeigt CFHILL seine Skulpturen, realistische männliche Körper aus poliertem Stahl. In der Schau "Father Figures" nähert er sich seinem Vater, einem ehemaligen Turmspringer. Bekannt ist er für seine durchtrennten oder fragmentierten Körper. Eine Figur ist streng an der Symmetrielinie in zwei Hälften geteilt, die sich seitenvertauscht selbst an den Händen halten. "Ich bin mit einem Vater aufgewachsen, der an Schizophrenie leidet und einer bipolaren Mutter", sagt der schwedische Künstler bei der Eröffnung, "ich habe mich nie als vollständigen Menschen empfunden". Die Figur lässt an die psychoanalytische Konzepte der Spaltung, der Spiegelung und des Doppelgängertums denken. "Kunst ist für mich Arbeit an meinem Trauma", sagt Krisár. "Sie ist meine Therapie, seit 25 Jahren."

Die Besucher bei Saskia Neuman begrüßt ein drei Meter langer Lachs auf Stelen über einem Podest mit schwarzem, teerartigem Material, in das überall Dinge eingesunken sind, die Strandbesucher vergessen zu haben scheinen – Münzen, Trillerpfeifen oder Sonnenbrillen. Auf 30 Zeichnungen parodiert Mark Dion, wie naturwissenschaftliche Institutionen Wissen kategorisieren und illustrieren, indem er etwa den Teilen des Schädelknochens eines Theropoden verschiedene Religionen zuordnet. 

Kein Galerienmangel

In der Galerie Nordenhake, die auch in Berlin und Mexiko vertreten sind, sind unter dem Titel "Daily Encounters" Collagen der norwegisch-nigerianischen Künstlerin Frida Orupabo zu sehen. Die als Soziologin und Sozialarbeiterin ausgebildete Künstlerin beschäftigt sich mit der Ausbeutung von Sexarbeiterinnen und der Objektivierung Schwarzer Körper. Hier kombiniert sie fragmentierte Fotos von Frauen aus kolonialen Archiven mit Zeichnungen von Haaren oder Kleidungsstücken aus norwegischen Kinderbüchern. "A visit to the doctor with my child" zeigt eine Frau bei einer offenbar unangenehmen ärztlichen Untersuchung, mit fast dissoziiertem Blick.

Die Räume von Nordenhake liegen am kreisrunden Platz Karlaplan, im wohlhabenden Östermalm. Hier knäueln sich die Galerien, sodass man sie entspannt zu Fuß ablaufen kann. In der schwedischen Hauptstadt bekommt man beim Tingeln von Ausstellung zu Ausstellung ein Gefühl dafür, wie selbstsicher und optimistisch die Kunstszene einer Region sein kann. Die Stockholm Art Week rückt sie aus ihrer isolierten Lage im Norden des Kontinents zu Recht ein Stück weiter ins Kunstbewusstsein.