Die Gehsteige von Downtown Los Angeles sind leer, nur vereinzelt steuern Lieferroboter, Hundehalter und Obdachlose aneinander vorbei. Doch wer nach oben schaut, sieht die Art-déco-Verzierungen an den leer stehenden Gebäuden, die früher als Filmpaläste oder Bühnenhäuser das Stadtbild prägten.
Das 1923 errichtete Variety Arts Theater ist eng mit der Geschichte des Friday Morning Club verbunden, eines Bürgerzentrums für Frauen, war lange Bühne und Ballhaus und stand seit den 1990er-Jahren leer. Jetzt wurde es von der deutschen Kunstsammlerin Julia Stoschek zu einem Spielort für Videokunst gemacht. Die leuchtende Anzeigetafel mit Steckbuchstaben, das plüschig rote Entree und der Popcornstand huldigen der Geschichte der Kinokultur, doch in den Fenstern läuft statt Filmvorschauen Videokunst von Elaine Sturtevant und Dara Birnbaum. Über dem Ticketschalter ist simultan auf zwei Monitoren ein früher Disney-Film in Schwarz-Weiß mit tanzenden Skeletten zu sehen.
Eine von vielen Reverenzen an die Historie der Filmstadt Los Angeles, doch die Doppelung macht klar: Das hier wird kein einfaches visuelles Vergnügen. Gezeigt wird immer auch das Zeigen und seine Problematiken. "What a Wonderful World – An Audiovisual Poem" wurde von Udo Kittelmann kuratiert, der die ikonischen Werke der Videokunstsammlung von Stoschek mit filmhistorischem oder gefundenem Material flankiert.
Andauernder Hass
Hauptwerk im großen Saal ist Arthur Jafas Collage "Apex", ein flackerndes Crescendo von Bildern Schwarzer Körper aus Nachrichten, Popkultur, Wissenschaft und Polizeiakten. Das immer dringlicher werdende, mit Techno unterlegte Stakkato hat hier Premiere, obwohl der Künstler seit Langem in Los Angeles lebt. In den Rängen läuft dazu auf der einen Seite die "Silueta Series" von Ana Mendieta, die mit ihrer brennenden Körperumrandung immer wie ein Vorgriff auf ihren mutmaßlichen Femizid wirken. Auf der anderen Seite ein Livemitschnitt von Nina Simones "Sinnerman", unterlegt mit Bildern von Ku-Klux-Klan-Prozessionen und rassistischer Gewalt. Kurz vor der Eröffnung hat der Präsident des Landes seinen Amtsvorgänger niederträchtig rassistisch beleidigt, und neue Epstein Files offenbaren Abgründe des Missbrauchs. Der andauernde Hass und die Verachtung für alle, die nicht weiß, männlich und reich sind, ist akut und präsent.
"What a Wonderful World", der titelgebende Song von Louis Armstrong, ist hier nirgendwo zu hören. Aber er wurde 1967 in äußerst schwierigen Zeiten komponiert, begründet Kittelmann.
Das sechsstöckige Gebäude ist mit einer lässigen Raffinesse aufgearbeitet worden, die man sonst nur von Biennalen mit guter Finanzierung und smarten, künstlerisch denkenden Kuratoren kennt. Teppich, Vintagemöbel und sparsam platzierte Lampen lassen nach Sonnenuntergang wie durch ein Filmset wandeln. Dann spricht die Stadt mit ihren Leuchtreklamen und Polizeilichtern von außen durch die folienverdunkelten Fenster mit. Etwa bei Precious Okoyomons Video "It’s dissociating season", das auf einem TV-Gerät für Kinder läuft. Darin erzählt ein ungelenk durch eine Landschaft stapfender Teddy, wie er von der Polizei durchsucht wurde. Es ist die Geschichte von Okoyomons Bruder.
Gemeinsame Sache
Präzise auf höchstem technischem Level installiert, trifft in verdunkelten Ballsälen digitale filmische Erzählkunst von Jon Rafman, Jordan Wolfson oder Bunny Rogers auf Hollywood-Patina. Schon früher war Stoscheks Sammlung erkennbar durch die US-Kultur geprägt. Sie hier als stellenweisen Reimport zu zeigen, ist interessant. Cyprien Gaillards "Cities of Gold and Mirrors" von 2009 war noch nie in den USA zu sehen. Wie durch ein Brennglas wirkt das kurze Epos über Spring-Breaker-Bro-Culture in Mexiko in der kühlen Poesie des Franzosen. Dabei ist der Filmprojektor auf einem Plexiglassockel mitten im Raum platziert, sodass Ort, Sound, Werk und Gerät absolut perfekt ineinandergreifen.
Im Untergeschoss werden Räumlichkeiten und Werke drückender, düsterer. Anne Imhof, P. Staff, Chris Burden, Mark Leckey. Vor allem eine Mehrkanal-Arbeit von Robert Boyd von 2006 bringt noch mal die härtesten Bildbotschaften zusammen: Collagiertes found footage von Sekten-Massensuiziden, Mord, Ekstase, Wahnsinn, Rassismus, Missbrauch. Die Montagen tragen überhaupt das ganze Konzept dieser großartigen Schau, denn sie sind nie Rundumschlag, sondern das Gegenteil von Beliebigkeit, brutal auf den Punkt und kaum auszuhalten.
Stoschek baut ihre Sammlung um das auf, was sie "Kunst mit Nachbild" nennt. Bilder, die weiterarbeiten. Doch die Drastik ist nicht Selbstzweck, sondern es geht um das gemeinsame Weitermachen, um eine Vision von Großzügigkeit. Über dem Portal des Variety Arts Theater ist das Motto des damaligen Women’s Club in Stein gemeißelt: "In essentials unity – in non-essentials liberty – and in all things charity".
Im Gespräch mit Detektor.fm-Moderatorin Sara-Marie Plekat erzählt Silke Hohmann im Monopol-Podcast von neuen Orten zum Träumen, von Los Angeles im Umbruch – und davon, warum Julia Stoscheks Projekt weit über eine Ausstellung hinausweist. Zweimal im Monat geht es in "Kunst und Leben" um alles, was die Kunstwelt bewegt – von Künstlerinnen und Kuratoren bis hin zu politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Jetzt reinhören – überall, wo es Podcasts gibt. Die aktuelle Folge finden Sie auch direkt hier: