1. Straßburg-Biennale

Post-Internet-Art kommt im Elsass an

Die erste Ausgabe der Straßburg-Biennale zeigt die Umwälzungen der Gesellschaft durch die digitale Revolution. Ein Rundgang

Straßburg, Weltkulturerbe. Wer die Stadt im Elsass zum ersten Mal besucht, kommt vor lauter echter und Neo-Gotik, Fachwerkhäusern und sehr viel Klassizismusprunk aus dem Staunen kaum mehr raus. An zeitgenössische Kunst denkt man an einem Ort, der so viel Geschichte in sich trägt, nicht als aller erstes. Dabei wird gerade einer der Knotenpunkte der Straßburger Geschichte (und leider auch der deutschen Besatzung) zum Austragungsort der ersten Straßburger Biennale für zeitgenössische Kunst. Unter dem Titel "Touch me – being a citizen in the digital age" wird die Ausstellung im Hôtel des Postes, dem alten Hauptpostamt, gezeigt – eine passende Location für das Thema digitale Kommunikation.

In dem Gebäude, das vor einiger Zeit von einem Großinvestor aufgekauft wurde, sollen demnächst Sozial- und Seniorenwohnungen, Kitas und Kulturräume eingerichtet werden. Neben den eigentlichen Ausstellungsräumen gibt es noch das "Café Biennale", eine improvisierte Bar mit Bühne, wo das Rahmenprogramm stattfindet und sich abends die Straßburger Bohème tummelt.

Initiatorin Yasmina Khouaidjia  möchte mit der Biennale etwas schaffen, das bleibt. Biennale, das bedeutet vor allem: alle zwei Jahre. Khouaidjias Ambition? Junge Kunst in die Stadt bringen – ein Ansatz, der vielleicht nicht allen Kulturschaffenden Straßburgs gepasst hat. Am Ende hat es doch geklappt, mit vielen Steinen im Weg und einem nur kleinen Budget. Das Ergebnis: eine kleine feine erste Ausgabe mit größtenteils jungen Künstlern und vor allem sehr verschiedenen Ansätzen.

 

 

Am Eingang zur Biennale stehen zwei Security-Männer, die gründlich meine Taschen durchsuchen. Trotz der Nähe zu Deutschland hat man hier doch ein anderes Sicherheitsempfinden. Wegen der Messerattacken Ende Dezember war der Beginn der Biennale verschoben worden  – ein herber Schlag für die Veranstaltung.

Gleich im Foyer sieht man die ersten Arbeiten: Der Eingangsbereich scheint hauptsächlich dem Thema Überwachung gewidmet zu sein, was sehr passend ist, angesichts des Themas der Ausstellung. Die meiste Aufmerksamkeit nehmen zwei Werkreihen des gebürtigen Turiners Paolo Cirio ein. "Im Internet gibt es drei große Arten der Überwachung. Zum einen Überwachung durch den Staat, dann die Überwachung durch Firmen und als drittes, was am beunruhigendsten ist, weil wir es nicht wirklich nachvollziehen können, die Überwachung durch künstliche Intelligenz", sagt Cirio. Für die fortlaufende Werkreihe "Street Ghosts" schneidet er Menschen aus Google-Streetview-Aufnahmen aus, druckt sie aus und klebt sie an den jeweiligen Aufnahmeort. Die Geister der gesichtslosen Menschen bevölkern die Stadt und können potentiell wieder von einem Google-Streetview-Auto fotografiert werden. Eine dieser Figuren klebt direkt vor dem Eingang der Biennale. Mit ihr hatte jedoch jemand Mitleid: Sie hat ein Smiley-Gesicht aufgemalt bekommen.

 

 

Die nächste Arbeit ist von dem deutschen Künstler Florian Mehnert. "Menschentracks" besteht aus lauter kleinen Tabletbildschirmen, die unabsichtlich aufgenommene Handyvideos zeigen. Mit Hilfe von zwei Hackern hat sich der Künstler über ein offenes WLAN Zugang zu den Telefonen von Privatpersonen verschafft und Kamera und Mikrofon eingeschaltet. Selbst schuld, könnte man sagen. Tatsächlich reagieren, so wird mir erzählt, die meisten Menschen recht unbeeindruckt von der Arbeit – zumindest inhaltlich. Visuell macht die Installation, die an dunkle SciFi-Szenen erinnert, mit ihren "schwebenden" Bildschirmen einiges her.

Ganz anders ist es bei Mehnerts Soundinstallation "Waldprotokolle", für die er Mikrofone wahllos in Wäldern versteckt hat. Die Aufnahmen kann man sich in einem anderen Ausstellungsraum über Kopfhörer anhören: zufällig aufgenommene Gespräche von Waldbesuchern. Man hört einen Vater zu seinem Kind sagen: "Nein, nicht die Pilze." Unfreiwillig sehen die Biennale-Besucher selbst aus wie Bäume, als sie den Gesprächen und dem Blätterrascheln lauschen. Im deutschen Wald haben die Bäume Ohren und auch das Wort "Protokolle" klingt ein wenig nach Spitzel und Verfassungsschutz.

 

 

Ich begegne noch einigen Bildschirmen und Wandzeichnungen, bis ich vor zwei Arbeiten stehen bleibe, die eher an industrielle denn an digitale Revolution denken lassen. Die kleinen Haar-Hygrometer von Adrien Missika sind in Handarbeit hergestellt und tragen die Worte "Denial" und "Delusion". Weitere Hygrometer hängen unauffällig an mehreren Wänden der Ausstellungsräume, und erst als zwei nebeneinander hängen, fällt mir auf, dass sie nicht wie aus Museen gewohnt die Luftfeuchtigkeit anzeigen. Obwohl einem bewusst ist, dass die Worte und Werte willkürlich gesetzt sind, möchte man instinktiv einen Zusammenhang ziehen: Messbarkeit verspricht Wahrheit – irgendeine.

 

 

Auch Mark Farids Videozusammenschnitt seiner Performance "Poisonous Antidote" beschäftigt sich mit Überwachung und Persönlichkeitsrechten, allerdings hat der Londoner diese der Kunst zuliebe für das Projekt abgetreten: In einem Vortrag gab er 2016 sämtliche Passwörter und Kreditkarteninformationen preis und stellte anschließend eine Website ins Netz, auf der er bis Silvester des Jahres der Öffentlichkeit in Echtzeit seine gesamte Online- und Mobilfunkkommunikation offen legte.

"Das würde ich dir aber nicht empfehlen", rät mir Mark Farid, als ich am Abend mit ihm im Café Biennale stehen, und grinst mich an. "Mein Kreditkartenranking ist echt im Keller. Keine Ahnung, wie ich das Geld zurückzahlen soll." Unsicher lächle ich zurück und denke, dass ich mir wahrscheinlich eher einen Nagel in die Hand rammen als der Welt den PIN für mein Bankkonto geben würde, auch wenn da momentan nicht so viel drauf ist. Farid nimmt einen Schluck von seinem Bier und muss plötzlich lachen. "Ich habe sogar das erste Dick-Pic meines Lebens verschickt für die Aktion!" Jetzt muss ich auch lachen. "Aber dann entspricht das ja nicht deinem normalen Verhalten, oder?" "Aber das ist eben das, was Menschen im Internet machen!" Auch ein selbst geschaffenes Panoptikum beeinflusst das Verhalten.

Am nächsten Tag statte ich der Biennale einen weiteren Besuch ab und bleibe auf meinem Rundgang vor einem Kuhfell stehen, auf das der Innenraum eines Raumschiffs aufgedruckt ist – genauer gesagt ist es das Raumschiff aus dem Film "2001: A Space Odyssee". Die Fluchtlinien münden in einen Raum mit Sofa, den man durch einen Spalt hindurch betrachtet. Dieser wiederum hat starke Ähnlichkeit mit einer Vulva. Meine Gedanken überschlagen sich ob der Assoziationen zum Ursprung der Welt. Wie mir die Urheberin der Arbeit Sarah Ancelle Schönfeld erzählt, ist der Ähnlichkeit gewollt. Außerdem erklärt mir die Berliner Künstlerin, dass ihre Arbeit zwei Arten von Wissen darstellen soll: Schamanische Weisheit und technischen Fortschritt. Die menschliche Weisheit ist jedoch auch in dem Filmklassiker nicht irdisch – dort wird ein Monolith auf die Erde geschickt und bringt den Steinzeitmenschen die Erleuchtung.

 

 

In einem anderen Werk Schönfelds geht es ebenfalls um Nachrichten aus einer anderen Dimension: "Alien Linguistics Lab" verarbeitet jedoch wirre Assoziationen statt sie auszulösen. Die interaktive Performance, bei der man aufgefordert wird, mit Sepia eingefärbte Linguini (italienisch "kleine Zungen") aus einer Satellitenschüssel an eine Wand zu werfen und mit Hilfe von Google Translate auf einem Tablet zu entziffern, was einem intelligente Lebensformen aus einer anderen Galaxie sagen möchten, macht sowohl in der Ausführung als auch beim Sinnieren darüber Spaß, wie Sprichworte und Sprachsysteme unser Denken und unsere Verständigung beeinflussen.


 

 

Unauffälliger ist die Arbeit "This You is Me", die mich besonders beeindruckt. Sie stammt von der in Berlin und Stuttgart lebenden Künstlerin Anike Joyce Sadiq: Auf einer Leiste an der Wand ist ein Stück Karton mit einem Text darauf aufgestellt. Als ich mich davor stelle und anfange zu lesen, sehe ich aus dem Augenwinkel, wie sich rechts von mir etwas bewegt. Langsam und zögerlich nähert sich ein menschlicher Schatten und streckt seine Hand aus. Instinktiv drehe ich mich um, aber da steht niemand, und mir wird klar, dass es sich um eine Videoprojektion handelt. Ich bleibe also stehen und lasse den Schatten näher kommen. Er stellt sich hinter mich, streicht mir mit den Händen über meine Haare und Schultern. Erst als ich zur Seite trete verschwindet er, als sei er nie da gewesen.

Im Gespräch mit anderen Besucherinnen und Besuchern fällt mir auf, dass Frauen die androgyne Person meist als Mann wahrnehmen, Männer dagegen als Frau. Bei vielen der weiblichen Besucherinnen stellt sich ein starkes Unwohlsein ein, als würde man die Blicke eines Fremden auf sich spüren, denen man sich nicht entziehen kann.  Ob die Arbeit wohl in Anlehnung an die #MeToo-Debatte entstanden ist? Ich bitte einen der Besucher, mich mit meinem Handy zu filmen, damit ich die Erfahrung mit meinen Freunden teilen kann. Beim Ansehen des Videos dann die Enttäuschung: Not very instagrammable.

 

 

Im letzten Raum der Biennale ist ein Rauschen zu hören, das sich anhört wie von einer kaputten Kassette. In der Ecke ist ein Waschbecken angebracht mit einem Spiegel darüber, an der Decke dem Waschbecken gegenüber hängt eine Überwachungskamera. Die Kuratorin Yasmina Khouaidjia erklärt mir, ich solle den roten QR-Code scannen, der oben am Spiegel klebt. Auf meinem Handy öffnet sich ein Fenster mit der Live-Übertragung meines Hinterkopfs, gesendet von der Überwachungskamera. Das wäre was für mein Badezimmer, denke ich, sicher praktisch beim Frisieren. Unter dem Video ist ein Schalter. "Klick drauf!", sagt Khouaidjia. Ich tue, wie mir geheißen, und der Wasserhahn geht an. Wasser- und Kasettenrauschen werden zu einem einzigen anstrengenden Ton. In das Rauschen hinein erklärt mir die Kuratorin, dass ich gerade eine Aufnahme des Alten Testaments im Schnelldurchlauf höre. Das Wasser sei ein Bezug auf die Bibel und den westlichen Ursprungsmythos, und der QR-Code ist mit dem Blut des Künstlers, Louis-Philippe Scoufaras, gedruckt, natürlich auch in Anlehnung an das Alte Testament. Ich könne mir gerne einen QR-Code-Sticker mit nach Hause nehmen und das Wasser von dort aus an und aus stellen. Etwas überfordert lehne ich dankend ab.

 

 

Als ich die Bibel-Wasser-Blut-Arbeit hinter mir lasse, stehe ich im Foyer und merke, dass ich eine Runde gelaufen bin. Die letzte Serie in der Ausstellung ist "Are You Human?" von Aram Bartholl, einer Arbeit, die sich mit ihrer Instragram-Ästhetik wieder direkt mit Überwachung in sozialen Netzwerken auseinandersetzt und so den Kreis schließt. Beim Verlassen der Biennale werde ich noch von einem Bildschirm gebeten, über die Biennale-App "React" mit einem Emoji abzustimmen, wie ich die Ausstellung fand. Ich klicke auf den blauen Facebook-Daumen und trete in die winterliche Kälte. Auf dem Weg zurück zu meinem Hotel scrolle ich durch die Fotos, die ich auf der Biennale gemacht habe, und überlege schonmal, welche sich am besten für meinen Instagram-Feed eignen. Das Video meiner Lieblingsarbeit von Anike Joyce Sadiq gibt leider überhaupt nichts her. Also doch Constant Dullaarts Zusammenstellung von Sim-Karten-Chips in Lilienform. Oder vielleicht die poppig pinken Screens von Evan Roth? Das sieht mehr nach Post-Internet und so aus. Am Ende entscheide ich mich für die Pappaufsteller von Aram Bartholl. Die Arbeit ist auch witzig, die bekommt sicher viele Likes.

Ein wenig schade ist es schon, dass sich die spannendsten Arbeiten nicht so gut auf Instagram machen. Aber dass sich Kunst mit Digitalisierung auseinandersetzt bedeutet schließlich nicht zwangsläufig, dass sie für Social Media gemacht ist. Und das ist auch gut so.