Neues Fotobuch von Cortis und Sonderegger

Erst Hämmern, dann Knipsen

Das Schweizer Künstlerduo Cortis und Sonderegger macht in "Studio" die Werkstatt zum Motiv und überführt Bleistift und Tape in ein Spiel mit Maßstab und Täuschung. Ein humorvoller Fotoband über das Sehen in Zeiten, in denen Bilder längst keine Beweise mehr sind

Wenn man eine KI um das Bild einer Werkstatt bitten würde, welche Gegenstände dürften nicht fehlen? Hölzerne Arbeitsböcke, Metall-Aktenschränke, rote Bleistifte, Industrielampen, eine Euro-Palette, ein Apfel? Das Studio des Künstlerduos Cortis und Sonderegger entspricht diesem Klischeebild bis ins Detail. Jedenfalls auf den ersten Blick.

Nach ihrem Buch "Double Take" (2018), in dem die beiden Schweizer Jojakim Cortis und Adrian Sonderegger einige der bekanntesten Werke der Fotografiegeschichte in ihrem Atelier nachstellten – von Robert Capas’ fallendem Soldaten bis zum ersten menschlichen Fußabdruck auf dem Mond  – machen sie in ihrem neuen Buch nun das titelgebende "Studio" selbst zum Motiv. Allerdings sieht das gar nicht aus wie ein Studio. Denn Cortis und Sonderegger fotografieren nicht einfach. Sie sägen, hämmern und schrauben, um Szenen zu bauen, die sie dann ablichten. Was sie dafür brauchen, ist keine bloße Bühne, sondern eine Werkstatt.

Zwischen Klarheit und Irritation

Für das Buch "Studio" bauen Cortis und Sonderegger diese Werkstatt nach – und spielen dabei mit ihren alltäglichen Arbeitsutensilien wie Requisiten. Eine Fotografie zeigt drei Rollen Gaffatape, einen Bleistift und einen Naturstein auf einem weißen Sockel. Dabei sieht allerdings nur eine der drei Rollen so aus, wie man sie aus dem Laden kennt. Die Oberflächen der beiden anderen irritieren. Ihre weichgezeichnete Struktur erinnert an KI-generierte Bilder. Aber selbst wenn die mittlere Rolle die gängige Version aus dem Baumarkt ist – was ist dann mit dem Bleistift passiert, der daneben liegt? Als wäre er nach dem Waschen eingelaufen, hat er im Vergleich zum Tape nur noch die Größe eines Zahnstochers.

Cortis & Sonderegger "23.05.2020 / 20.29", aus der Serie "Studio"
© Cortis & Sonderegger

Cortis & Sonderegger "23.05.2020 / 20.29", aus der Serie "Studio"

Auf den folgenden Seiten wird der Bleistift zum Giganten, dann erscheint er in Mikrogröße. Auch das Gaffatape und der Naturstein wachsen und schrumpfen wie Alice aus dem Wunderland. Immer wieder sind in dem Buch dieselben Objekte zu sehen. Doch selbst wenn sie in ihrer Form und Farbe identisch bleiben, verschieben sich Maßstab, Proportion und Oberfläche wie durch Geisterhand.

Das Studio im Studio

Im Verlauf des Buches erweitert sich der Kontext dieser Dinge. Die Kamera zoomt heraus, und das Studio – oder eben: die Werkstatt – wird als solches erkennbar. Doch das Gefühl von Normalität und Ordnung hält nie lange. Auch das Studio selbst bekommt einen geschrumpften Klon an die Seite gestellt. Groß und Klein, echt und unecht, alles gerät durcheinander. Und dann treten auch noch die Künstler selbst ins Bild – natürlich als Riesen im Zwergenland.

Cortis & Sonderegger "16.07.2021 / 09:09", der Serie "Studio"
© Cortis & Sonderegger

Cortis & Sonderegger "16.07.2021 / 09:09", der Serie "Studio"

Trotz des ständigen Perspektivwechsels sind die Fotografien nicht laut. Die alltäglichen Objekte wirken, als seien sie nur kurz beiseitegelegt und dann vergessen worden. Über mehr als 100 Seiten verändert sich inhaltlich erstaunlich wenig: zu sehen sind eine Werkstatt und die Dinge darin. Gerade diese Wiederholung erzeugt eine eigentümliche Banalität. Die monotone Bilderfolge des scheinbar Selben lässt den Blick bald ermüden. Aber genau darum geht es Cortis und Sonderegger.

Ein Aufruf zum Innehalten

Denn: "Der Blick muss innehalten, um kritisch den Kontext zu rekonstruieren und die notwendigen Referenzen zu suchen, um so den Sinn neu herauszuarbeiten", schreibt der Künstler und Autor Joan Fontcuberta in der Einleitung. Das sei besonders wichtig in einer Zeit, in der Bilder zur mächtigsten Waffe im Umgang mit Konflikten jeglicher Art geworden seien. Cortis und Sonderegger hinterfragen den vermeintlichen Wahrheitsanspruch der Fotografie nicht nur, sondern dekonstruieren ihn mit trockenem Humor

Entscheidend ist dabei, dass die Täuschung bei ihnen nicht erst durch Retusche oder digitale Bildbearbeitung entsteht, sondern bereits vor der Aufnahme: im Modell, im Material, im verschobenen Maßstab. Die Kamera hält also nicht einfach Wirklichkeit fest, sondern eine bereits konstruierte Fiktion. Oder ist die konstruierte Fiktion dann nicht eigentlich schon Wirklichkeit? Der Arbeitsprozess selbst wird zum sichtbaren Teil der Bilder. Gerade darin liegt die Pointe von "Studio": Das Buch zeigt nicht nur, dass Fotografien inszeniert sein können, sondern wie sehr ihr Eindruck von Unmittelbarkeit und Glaubwürdigkeit auf sorgfältiger Konstruktion beruht. Im Motiv des Studios als Werkstatt wird diese Inszenierung offengelegt. Die KI wäre wohl überfordert mit dem, was Cortis und Sonderegger uns hier zeigen.