1968 war ein dramatisches Jahr in den USA: Martin Luther King Jr. und der demokratische Präsidentschaftsanwärter Robert F. Kennedy wurden ermordet, überall im Land gab es Demonstrationen gegen den Vietnam-Krieg und sogenannte Rassendiskriminierung, und der wiedergewählte Richard Nixon versprach, mit harter Hand gegen Radikalismus und Chaos durchzugreifen. In dieser Atmosphäre gründeten Künstler, Aktivisten, Philanthropen und Anwohner aus Protest gegen den Ausschluss Schwarzer Künstler durch die weißen Kunstinstitutionen in Harlem einen Platz für die "Outsider", eine Mischung aus Studio und Galerie.
Über einem Spirituosengeschäft war das Studio Museum in Harlem geboren. 2018 schloss das Haus, das mittlerweile in ein altes Bankgebäude auf der 125. Straße umgezogen war, um komplett umgebaut zu werden und endlich ein "richtiges" Zuhause zu bekommen. Acht Jahre später war es nun endlich so weit: Das neue Studio Museum in Harlem wurde eröffnet.
Und die Architektur kann nicht übersehen werden. Ein anthrazitfarbener Block aus übereinandergestapelten horizontalen und vertikalen Quadern - der minimalistische, sieben Stockwerke hohe Bau strahlt vor allem eines aus: Selbstbewusstsein. Eine grün-schwarz-rote US-Fahne des Konzeptkünstlers David Hammons weht am Eingang, eine Anspielung auf die panafrikanische Flagge der Schwarzen Nationalisten um Marcus Garvey der 1920er-Jahre. Hohe Fensterfronten und Lichtnischen lockern die Fassade auf und laden zum Eintreten ein.
Das Herzstück von Harlem
Für Kuratorin Connie Choi ist viel Stadtgeschichte in die Gestaltung eingeflossen. "Die Architektur, die Formen und Umrisse spiegeln die Nachbarschaft in Harlem wider. Das war unsere Vorgabe. Wir wollten ein Gebäude, das unsere Verbundenheit mit dem Viertel zum Ausdruck bringt. Hier wurden wir gegründet, hier befinden wir uns, und hier werden wir auch weiterhin leben. Wir haben aber auch über die Straßen in Harlem nachgedacht. Wir befinden uns auf der 125. Straße, das Herzstück von Harlem. Hier liegt das Apollo Theater, das National Black Theater und das Black Dance Theater. Es ist die Hauptverkehrsstraße. Ihre Kakophonie ist ständig präsent und verleiht der Gegend, aber auch dieser Institution, eine besondere Lebendigkeit. Die Beziehung zwischen der unmittelbaren Nachbarschaft vor unserer Haustür und Harlem ist eine Einheit, und das Museum ist Teil davon."
Diesen Ansatz sieht man zum Beispiel an den riesigen Fenstern auf Straßenebene, die an die Ladenkirchen in Harlem erinnern, oder das Atrium im Foyer mit durchgehenden, nach unten führenden Sitzstufen in Anlehnung an die stoops - die Treppen, die zu den Eingängen der typischen brownstones führen und immer schon Teil des öffentlichen Lebens waren. Die riesigen Worte "Me" und "We" - ich und wir - hängen dort programmatisch in weißem Neonlicht auf schwarzer Wand: eine Installation von Glenn Ligon mit dem schönen Titel "Give us a Poem" von 2007.
Auf fünf Etagen kann das Museum nun endlich große Teile seiner Sammlung zeigen, inklusive Arbeiten von Jean-Michel Basquiat, Faith Ringgold, Jacob Lawrence, Wangechi Mutu oder Kerry James Marshall. In der Mitte des Innenraums befindet sich ein massives, frei stehendes Treppenhaus aus schwarzem Granit. Immer wieder bilden die Absätze Balkone, von denen man verschiedene Blickwinkel in die Räume darunter hat. Dadurch wirkt das relative kleine Haus groß und weitläufig.
Kunst als Zufluchtsort
Jeder Ausstellungsraum habe einen anderen Charakter, erklärt Kuratorin Connie Choi. "Der Teil, in dem die Tom-Lloyd-Show stattfindet, erinnert zum Beispiel an einen Zufluchtsort. Er ist doppelt so hoch wie die anderen Räume und hat ein Tonnengewölbe, das die Bedeutung der Schwarzen Gotteshäuser in Harlem, die Kirchen und Moscheen, widerspiegelt."
Zur Eröffnung sind die Lichtobjekte des Künstlers Tom Lloyd zu sehen, mit dem das Museum 1968 eröffnet wurde. Die in verschiedenen Farben flackernden Objekte aus meist geometrischen Formen, die an Straßenschilder oder Lichtreklame erinnern, stellten damals eine radikal andere Form von Kunst dar und zeigten, was Skulptur alles sein kann. Es war der perfekte Auftakt für das politische Profil des jungen Hauses, das einen Zugang zu Kunst jenseits der etablierten, weißen Bourgeoisie zeigen wollte.
"Tom Lloyd glaubte fest an den Zugang zu Kunst für alle, nicht nur für die Schwarze Community, sondern für alle Menschen. Sein tiefes Engagement für Zugänglichkeit war radikal. Und Abstraktion war zugänglich. Es war ein politischer Akt. Kunst war nicht für ein bestimmtes Publikum bestimmt. Und so wurden seine Werke, diese elektronisch programmierten Lichtskulpturen unter Verwendung von Materialien hergestellt, die überall erhältlich waren", erklärt Connie Choi. Zum Beispiel bestehen Lloyds Entwürfe aus Weihnachtsbeleuchtung und Rücklichtern von Autos. Wie bei einer Spieluhr programmierte er das Flackern seiner Objekte mithilfe von Lochkarten.
"Die Geschichte von Harlem wird sich nicht ändern"
Auch das ganze Studio Museum verstand sich als Pionier unter den Institutionen New Yorks - nicht nur in Bezug auf Black Art, sondern auf zeitgenössische Kunst überhaupt. Denn 1968 gab es keine Häuser, die sich ausschließlich lebenden Künstlern widmeten.
Doch wie sieht sich das Museum heute? Schließlich ist Harlem inzwischen ein durch Gentrifizierung stark bedrohtes Viertel Manhattans. Connie Choi sieht das eher gelassen: "New York City verändert sich ständig, aber die Geschichte von Harlem wird sich nicht ändern. Wir sind ein historisch Schwarzes Viertel. Wir werden weiterhin Kulturgeschichte schreiben, allein schon dadurch, dass wir in diesem Viertel ansässig sind. Ich verstehe die Schwankungen der Bevölkerungszahlen, aber wann immer ich auf der 125. Straße bin und vor dem Gebäude stehen bleibe, sagt mir jemand, dass das hier ein Museum für Schwarze Kunst ist."
Hat man die revanchistische Kulturpolitik unter Donald Trump im Auge, wirkt das neue Studiomuseum wie ein Bollwerk der Hoffnung. Über 300 Millionen Dollar privater Spenden haben es möglich gemacht. Harlem hat endlich sein eigenes Museum, das nicht zu übersehen ist.