Berlinale-Retrospektive

Stummfilm, Rauschgift, Riefenstahl

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Alltag, Exotik und Geschichte waren zentrale Sujets des Weimarer Kinos. Die Retrospektive der 68. Berlinale widmet sich Filmen außerhalb des klassischen Kanons – einer goldenen Ära des deutschen Films Thea Roland (Lil Dagover) ist eine erfolgreiche Bildhauerin im Berlin der frühen 30er. Für Männergeschichten ist sie viel zu beschäftigt. Doch dann sucht Thea doch einen Kerl – als Modell für ein Auftragswerk. Als ihr ein Londoner Polizist über den Weg läuft, der in Berlin an Boxkämpfen teilnimmt, verguckt sie sich in ihn. Die Screwball-Comedy "Das Abenteuer einer schönen Frau" von 1932 präsentiert eine "Neue Frau", die sich zeitweilig als alleinerziehende Mutter sieht. Und dann ist sie noch selbstbewusste Künstlerin: Ein Frauenbild, das die Nazis kurz darauf im Keim ersticken sollten.
 
"Weimarer Kino – neu gesehen" heißt die Retrospektive der diesjährigen Berlinale, in der 28 Programme mit Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilmen aus den Jahren 1918 bis 1933 zu sehen sind. Zwischen Kaiserzeit und "Drittem Reich" lag die aufregendste Epoche des deutschen Films. Doch die federführende Kinemathek verzichtet diesmal darauf, die Weimarer Klassiker von "Das Cabinet des Dr. Caligari" bis "M – eine Stadt sucht einen Mörder" abzuspulen. Stattdessen liegt der Fokus auf zu Unrecht vergessenen Stumm- und Tonfilmen der goldenen Ära. Alltag, Exotik und Geschichte sind die zentralen Schlagwörter der Filmauswahl.

Historienfilme wie der düstere Preußenwestern "Der Katzensteg" (1927) belegen den skeptischen Umgang damaliger Filmemacher mit Geschichte. Wo Exotik im Spiel ist  – in Stummfilmdramen wie "Opium" (1919) oder "Song. Die Liebe eines armen Menschenkindes" (1928) – wirkt das selten vordergründig: Orientalismus und Kolonialismus wurde im Kino eher kritisch hinterfragt. Unter dem Stichwort "Alltag" sind einige Proletarische Filme in der Reihe zu sehen. Doch auch die genannte Komödie um die Künstlerin Thea Roland dokumentierte das wirkliche Leben auf Berliner Straßen.
 
Die Heldenplastik der Bildhauerin, die am Ende feierlich enthüllt wird, lässt allerdings schon an die kommende NS-Zeit und regimekonforme Künstler wie Arno Breker denken. Und auch Leni Riefenstahl, deren Karriere – zunächst als Tänzerin und Schauspielerin –  bereits in der Weimarer Zeit begann, darf in der Retrospektive nicht fehlen. Präsentiert wird Riefenstahls Regiedebüt "Das blaue Licht. Eine Berglegende aus den Dolomiten" in der Premierenfassung von 1932. Damals wurden Hitler und Goebbels auf die Filmemacherin aufmerksam. Riefenstahl drehte dann Propagandafilme wie "Triumph des Willens" über den Reichsparteitag der NSDAP 1934.

Am vergangenen Montag gab die Stiftung Preußischer Kulturbesitz bekannt, dass sie den Nachlass von Leni Riefenstahl erhalten und auswerten wird: ein schwieriges und schillerndes Erbe. Riefenstahl war, gegen die Weiblichkeitsklischees ihrer Zeit, selbstbewusste Regisseurin, Drehbuchautorin, Filmproduzentin. Freilich repräsentiert sie auch die Korrumpierung von Talenten durch den Nationalsozialismus. Gerade deshalb ist ein Film wie "Das blaue Licht" für die Retrospektive "Weimarer Kino" unverzichtbar.
 

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