In Venedig hat Sung Tieu gerade den deutschen Pavillon mit der Fassade eines Plattenbaus überzogen. Aktuell ist sie auf dem Juniheft von Monopol zu sehen. Was viele nicht wissen: Vor fast 20 Jahren spielte die Künstlerin Ching in der ARD-Vorabendserie "Türkisch für Anfänger".
Die Serie erlebt gerade ein kleines Revival. Vor Kurzem war "Türkisch für Anfänger" bei Netflix zu streamen, auf TikTok kursieren Best-of-Zusammenschnitte, vor allem von Ching. Für die Gen Z wirken die Hüfthosen und die körnige Vorabend-Ästhetik heute kultig. Ching ist "iconic" und "badass".
In der Serie geht es um den Alltag einer deutsch-türkischen Patchwork-Familie. Doris, die Mutter von Protagonistin Lena und Nils, verliebt sich in den türkischen Kommissar Metin, der selbst zwei Kinder mitbringt: Cem und Yağmur. Gegen den Widerwillen der Kinder ziehen die Familien Schneider und Öztürk zusammen. Was folgt, kann man sich denken: Jugendliebe, Kulturclash, Familienchaos. Ching ist zwar eine Nebenfigur, wird aber zum Gegenpol und zur Projektionsfläche: Lenas Rivalin, die oft in dieselben Jungs verliebt ist.
Wenn man ein bisschen gräbt, findet man heraus, dass Ching aus "Türkisch für Anfänger" für Tieu kein abgeschlossenes Kapitel ist, sondern dass die Figur Eingang in ihre Kunst gefunden hat. Seit 2019 war sie in drei Ausstellungen präsent, in London, München und Berlin.
Als wir telefonieren, ist Sung Tieu gerade auf der Art Basel, findet es aber "lustig", sich über Ching auszutauschen. Als sie die Rolle spielte, war sie 19, noch unsicher in ihrem Körper, "spätpubertär", wie sie sagt, und irritiert von der plötzlichen Sichtbarkeit. Sie kam vom Jugend- und Amateurtheater. Vor der Kamera zu stehen, war neu für sie. "Theater ist wirklich mit dem Körper arbeiten", sagt sie, "und Film ist sehr auf das Gesicht orientiert." Später, zu Beginn ihres Kunststudiums, habe sie ihre Schauspielvergangenheit bewusst nicht erwähnt, um nicht darauf reduziert zu werden. Heute kann sie selbstbewusst darüber sprechen.
Ihren ersten Auftritt in "Türkisch für Anfänger" hat Ching in Staffel eins, Episode zwei. Zuerst erscheint sie nur als Name. Doris findet beim Aufräumen in Cems Diercke-Atlas über die erste Doppelseite den Namen "Ching" gekritzelt, drumherum viele Herzen. Dann ein Schnitt: Chings silberne Namenskette – ihr Markenzeichen – in Nahaufnahme. "Hi Ching", sagt eine Stimme aus dem Off. Die Kamera entfernt sich, und die Figur ist zum ersten Mal nicht nur als Name wahrnehmbar, sondern als Körper sichtbar. Ching, also die 19-jährige Sung Tieu, sitzt auf einer Schaukel. Sie trägt einen weit geöffneten schwarzen Netz-Hoodie mit grün-pinkem Muster, darunter blitzt ein pinker Strass-Bikini und eben diese Kette. Cem schmachtet sie aus der Ferne an. Sie schaut zurück, flirtet offensiv, beißt sich auf die Unterlippe.
Böse und zickig
Tieu beschreibt Ching im Gespräch als "ein bisschen böse". Sie sei "zickig", "prollig", "exzentrisch" und wirke "stark und hart von außen". Gleichzeitig sei sie "aber sehr warm im Inneren", auch wenn sie das selten zeige. Dass Ching nicht dem stereotypen Bild der Zurückhaltung entspricht, gefällt Tieu an der Rolle: "Sie ist halt nicht die schüchterne Vietnamesin, die fleißig ist und viel lernt, sondern die Rolle spielt mit Jugendkultur und Einflüssen wie Hip-Hop." Ob sie sich beim Spielen mit Ching identifizieren konnte, weiß sie nicht so richtig. Wahrscheinlich ja, aber sie sei damals zu beschäftigt gewesen mit sich selbst.
Im deutschen Fernsehen war eine junge vietnamesische Figur zu dieser Zeit in jedem Fall eine Ausnahme – wenn auch eine klischeebehaftete: "Ching ist natürlich kein vietnamesischer Name", sagt Tieu. Der Name klingt nach Bling, nach "ching-ching", Oberflächlichkeit und Geld. Tatsächlich sammelt Ching in der Serie Geld für soziale Projekte. Cems Begründung für ihr Engagement: "Sie kommt halt selbst aus der dritten Welt". "Mit diesem Alltagsrassismus hat die Serie gespielt", sagt Tieu. Gleichzeitig empfindet sie die sprachlichen und kulturellen Klischees darin nicht nur als Fremdzuschreibung. In Bezug auf Cems türkischen Akzent sagt sie: "Es geht ja auch um kulturelle Codes in der eigenen Community, wo man auch mit Absicht so miteinander sprechen möchte."
Axel Schreiber – hier rechts neben Sung Tieu als Ching –, der den Axel Mende in "Türkisch für Anfänger" spielte, ist Anfang Juni nach einer Krebserkrankung verstorben
Zu dem Casting für "Türkisch für Anfänger" wurde Tieu eingeladen, nachdem man sie auf der Theaterbühne entdeckt hatte. Gedreht wurde 2006, damals ging sie noch zur Schule. Ihr Direktor stellte sie frei, solange sie ihre Prüfungen machte. "Auf einmal hatte ich einen Job", sagt Tieu. Das Geld aus der Serie ermöglichte ihr, nach der Schule zu reisen. "Das hat mir eben auch erlaubt, die Welt zu sehen. Ich komme ja eigentlich aus der Gehrenseestraße und das war finanziell für mich gar nicht möglich vorher." Professionelle Schauspielerin wollte sie trotzdem nicht werden. Sie studierte Politik und Verwaltung in Konstanz, merkte dann aber, dass ihr die kreative Arbeit am Set, mit der Regie, in einem künstlerischen Umfeld fehlte. So wurde die Schauspielerei zum Umweg, über den sie zur Kunst kam. "Auf indirekten Wegen hat mich das sehr beeinflusst."
Falsche Namen
Das Einnehmen von Rollen, die Überblendung von Fiktion und Realität zieht sich bis heute durch Tieus Arbeiten. Für die Ausstellung "Not Working" im Kunstverein München schrieb Tieu 2020 unter dem Namen Dung Tien Thi Phuong einen Brief an Ching, in dem es um das psychologische "splitting", also Selbstspaltung, geht. In der Psychoanalyse beschreibt der Begriff das Unvermögen, positive und negative Vorstellungen von sich selbst und anderen gleichzeitig auszuhalten. In ihrem Brief beschreibt Tieu Ching als einen solchen abgespaltenen Teil, den sie sich nicht als Teil ihres Selbst vorstellen kann.
Sie schreibt: "Du bist eine Erfindung von jemandem, dem ich nie begegnet bin – der sich ein asiatisches Mädchen gleichsam als Ausgeburt der eigenen Gleichgültigkeit gegenüber der Rolle gebastelt hat, als sei Asien eine gänzlich unbekannte Größe. Deine Lippen, Deine Wörter, jede einzelne Deiner Bewegungen wurden mit geschlossenen Augen und mit einem Maß an Unkenntnis kreiert, wie es nur ungewollter Rassismus hervorbringen kann." Über Chings ersten Auftritt auf der Schaukel schreibt Tieu, sie sehe dort aus wie "eine hin- und herbaumelnde tropische Frucht: vulgär und aufgebrezelt".
Sung Tieu ist ihr Künstlerinnenname. Unter Dung Tien Thi Phuong wurde sie damals als Schauspielerin geführt – ihr amtlicher Name, allerdings falsch geschrieben, nicht nur auf Filmplattformen, sondern auch auf DVDs. Tieu unterschreibt also mit einem falsch überlieferten Namen einen Brief an eine Figur, deren Name wie ein vietnamesischer klingen soll, aber keiner ist. Während Tieu sich diesen Schreibfehler in ihrer Kunst aneignet, trägt Ching ihren zugeschriebenen Namen in der Serie sichtbar um den Hals, "ungefähr in der Größe eines 20-Zentimeter-Lineals" und "so schwer und belastend wie das ganze Gepäck Deiner Vergangenheit", wie Tieu in dem Brief schreibt. "Durch Deinen Namen allein hängt Dir schon ein Klassenetikett an, sei es als gesellschaftliche, kulturelle oder ökonomische Festlegung, und ohne ihn fehlt dir jede Objektbeziehung."
Zwischen Anklage und Erinnerung
In diesem Brief treffen Dung Tien Thi Phuong und Ching aufeinander: ein falsch überlieferter amtlicher Name und ein erfundener Serienname, der rassistische Klischees aufruft. Fiktion und Realität überlagern sich; Namen, Schreibfehler, Fremdzuschreibung und Aneignung fallen ineinander. Es ist überraschend, wie locker und frei Tieu am Telefon über Ching spricht, während sich der Münchner Brief von 2020 wie eine Anklage liest. Darin liegt ein Zwiespalt, vielleicht auch eine Art Selbstspaltung: Den Brief schreibt Tieu mit scharfen Worten aus der Distanz einer Künstlerin, die für eine Ausstellung Klassenverhältnisse untersucht. Am Telefon spricht sie lockerer, fast beiläufig, vielleicht manchmal sogar liebevoll, über eine Rolle aus ihrer Jugend, die ihr später den Weg zur Kunst mit geöffnet hat.
Zuletzt tauchte Ching 2023 in der Ausstellung "No Jobs, No Country" im Berliner Kunstverein n.b.k. auf. Im Zentrum stand die knapp 1,50 Meter hohe schwarze Stahlskulptur "Block G (Gehrenseestrasse, Berlin)". Ihr Grundriss basiert auf einem Gebäude in einer der größten Plattenbausiedlungen der DDR, die Anfang der 1980er-Jahre in Berlin-Lichtenberg errichtet wurde und in der Tieu selbst von 1994 bis 1997 mit ihrer Mutter lebte. An der Wand hingen fünf Kinderbilder, die Tieu als junges Mädchen zeigten.
Sung Tieu "No Jobs, No Country", Ausstellungsansicht, n.b.k., Berlin, 2023
Dazu lag ein in einer Art Zeitung abgedruckter Leserinnenbrief aus, mit dem Titel "Inside the Blocks": der Bericht einer Siebenjährigen aus ihrem Alltag in der Gehrenseestraße, verfasst als Antwort auf einen Artikel, der 1995 in der "New York Times" erschien und die Situation vietnamesischer Vertragsarbeiterinnen und -arbeiter im Nachwende-Berlin beschreibt. Der Journalist Alan Cowell schildert darin die Wohnblocks an der Gehrenseestraße als trostlos, grau und überteuert und vergleicht sie mit "Ghettos".
Sung Tieu "Inside The Blocks", 2019, Ausstellungsansicht, "No Jobs, No Country", n.b.k., Berlin, 2023
Der Brief antwortet auf Cowells Außenblick mit subjektiven Erinnerungen: "Meine Mutter und ich leben in einem der 150 Quadratfuß großen Zimmer, die Alan Cowell beschreibt. Es ist kein Hostel – diese Formulierung ist völlig unzutreffend – und es ist ganz sicher kein 'Ghetto'. Seit zwei Jahren ist es unser Zuhause. Im gesamten Artikel geht er weder auf unsere Gemeinschaft noch auf unser gemeinsames Schicksal ein. Wir führen ein echtes Leben. Ich zum Beispiel habe hier kürzlich meinen siebten Geburtstag gefeiert, umgeben von Freunden und Familie." Unterschrieben ist der Brief mit: Ching.
Derselbe Brief war bereits 2019 in Tieus Londoner Projekt "Formative Years on Dearth" zu lesen. Wenn Tieu von der Autorin dieses Textes spricht, sagt sie "ich". Während der Journalist "einen Außenblick" auf die Gehrenseestraße wirft, berichtet Ching in ihrem Brief zwar auch von "schmerzhaften Erfahrungen", aber eben auch von Festen, ihrer Mikrowelle, der Anordnung der Betten im Raum, der Gemeinschaftsdusche. "Ich will ein Gegennarrativ schaffen zu dieser allgemeinen Perspektive auf Vietnamesen in Deutschland", sagt Tieu.
Tieu spricht von "ich", unterschreibt den Gegenbrief aber nicht mit ihrem eigenen Namen. Stattdessen lässt sie Ching antworten, eine fiktive Fernsehfigur, die selbst aus Zuschreibungen besteht. Wer spricht hier also überhaupt? Wer wird beschrieben? Wer trägt welchen Namen? Wer darf unter welchem Namen antworten?
In "Türkisch für Anfänger" sieht man nie, wo Ching wohnt. Mit dem Brief gibt Tieu ihr nachträglich einen Ort, eine Adresse, eine Kindheit. Die Kinderbilder von Tieu in der Gehrenseestraße überlagern sich mit den Fernsehbildern von Ching. Und aus der Figur, die angesehen wird, wird eine Figur, die antwortet.