Komplett überrollt von den täglichen Nachrichten, von schier endlosen Feeds und Timelines. Lost in den algorithmisch aufgebauten Zeichenmaschinen. Versteht man mehr, wenn die Textmenge ausufert, einem Buchstabensuppenozean gleich? Die Ausstellung "Sweeter than Honey. Ein Panorama der Written Art" in der Pinakothek der Moderne versucht, den Verschleiß von Schrift, von Codes, von Zeichen sichtbar zu machen. Sie fragt, was von ihnen übrig bleibt, wenn niemand mehr hinsehen kann oder will. Nach den Kriegen.
Es ist ein verstörender Beginn, eine richtungsweisende abstrakte Setzung: weiße, gebogene Neonpfeile vor schwarzem Hintergrund, die von unten nach oben fliegen, aneinander anschließend. Die Lichtinstallation "(Kindness) of (Strangers)" von Alfredo Jaar lässt sich erst lesen, wenn man die dazugehörige Grafik betrachtet, auf der die Hauptfluchtrouten des Jahres 2015 nach und in Europa markiert sind. Jaars Werk ruft damit (fast) ohne Worte zwei zentrale Aspekte der auf 1.200 Quadratmetern verhandelten Exposition auf: Written Art wird hier erstens nicht reduziert auf Textzeichen und ihre Variablen, und zweitens ist die Ausstellung universell ausgerichtet: die Perspektiven sind global angelegt.
Zwischen sinnlicher Erfahrung und kunsttheoretischem Anspruch
Die Ausstellung deckt ein weites Panorama jener Kunstformen ab, in denen Schrift in all ihren Ablegern selbst zum Bild wird – also etwa Fotografie, Malerei, Grafik und Installation. Die Räume füllen über 60 internationale Positionen, die zwischen kalligrafischer Geste, politischem Statement und konzeptueller Textarbeit oszillieren. Dabei verbindet die Schau sinnliche Erfahrung mit kunsttheoretischem Anspruch.
Auch der Name klingt verlockend: "Sweeter than Honey", so der Ausstellungstitel, ist angelehnt an Susan Hefunas 2,4 Meter hohe und 2,2 Meter breite, schwarze Holzskulptur "Knowledge Is Sweeter Than Honey (Arabic)" – Erkenntnis als süße Erfahrung. Arabische Schrift überzieht die Fläche in einem ornamentalen Netz, das das Lesen gleichermaßen ermöglicht wie verhindert. Wissen erscheint hier nicht als Aufklärung, sondern als kontrollierter Zugang zu ihr – sichtbar, aber nie vollständig verfügbar. Ist die Erkenntnis also doch kein süßes Versprechen?
Die Ausstellung erweist sich weniger als gefällige Erfahrung, denn als produktive Reibungsfläche. Worte zerfallen in verschwommene Linien, verschwinden in abstrakten Zeichenfolgen. Lesbarkeit wird nicht selten sabotiert – ein vertrauter Gestus zeitgenössischer Kunst, ja. Text als Bild, Schrift als Spur des Körpers, Sprache als politisches Instrument, Konzeptkunst.
Und doch funktioniert das Zusammenspiel der ganz divergenten Positionen. Bei Andreas Gurskys vierteiligem Ensemble "Ohne Titel XII No.1–No.4" verwandeln sich die aufgeschlagenen Seiten aus Robert Musils "Der Mann ohne Eigenschaften" in monumentale Fotoflächen, deren literarischer Gehalt hinter visueller Überwältigung zurücktritt. Lesen wird zur distanzierten Betrachtung, die Materialität des Textes stellt seinen Inhalt in den Schatten. Die Form überwältigt den Inhalt.
In Hiroshi Sugimotos mit Fotoentwicklerflüssigkeit geschriebener Kalligrafie "Brush Impressions (Iroha Song)" hingegen entzieht sich alles der Stabilität: Das abgeschriebene Gedicht erscheint wie eine chemische Spur, ein flüchtiger Moment zwischen Entstehung und Auflösung. Und Rirkrit Tiravanijas begehbare Lagerfeuer-Installation "Untitled 2024 (a million rabbit holes)" schließlich verlegt Sprache in einen sozialen Raum, in dem politische Narrative nicht mehr geschrieben, sondern gemeinsam verhandelt werden. Durch eine Tür betritt man eine Waldlichtung (auf Fototapete) mit Holzscheiten; an einem Fahnenmast mit US-Flagge lehnt ein Schild mit dem Spruch "Trump 4 prison". In vier verspiegelten Tafeln sehen sich die Betrachter konfrontiert mit eingravierten Sprüchen: Das eigene Konterfei wird mit den Worten "Remember November" tätowiert. So unterschiedlich diese Arbeiten formal auftreten, so verhandeln sie doch fast alle dieselbe Unsicherheit: Wer spricht? Wer schreibt Geschichte? Und was bleibt von einem Text, wenn seine Bedeutung ständig neu gelesen oder infrage gestellt wird?
Wenn Schrift Widerstand leistet
"Sweeter than Honey" entfaltet seine stärksten Momente, wenn Schrift Widerstand leistet. Wenn arabische, asiatische und westliche Schriftsysteme dialogisch korrespondieren und sichtbar wird, dass Schreiben nicht neutral, sondern universell gültig ist.
Die libanesische Künstlerin Mounira Al Solh erhebt in ihrem bestickten und begehbaren Zelt mit Berichten von weiblicher Unterdrückung und Selbstermächtigung den Anspruch auf Emanzipation. "Mina El Shourouk ila Al Fahmah" markiert und kritisiert patriarchale Machtverhältnisse. In solchen Augenblicken gewinnt die Ausstellung politische Dringlichkeit auch jenseits formaler, partikularer Experimente.
Mounira Al Solh "Mina El Shourouk ila Al Fahmah", 2019
Auffällig ist die körperliche Dimension vieler Arbeiten. Schreiben erscheint als Handlung, beinahe als Performance. Linien wirken wie gespeicherte Gesten, Textflächen wie verdichtete Zeit. Wie elektrisiert steht man vor Thierry De Cordiers Werk "Iconotextures (10,000 definitions of God)", in dem der belgische Maler auf vier riesigen Papierbahnen in nahezu unleserlicher Kleinstschrift den manischen Versuch unternimmt, Gott zu beschreiben. Das Auge des Betrachters sucht Bedeutung, während der Körper bereits mit Schwindel und Ermattung reagiert — ein fast spiritueller Spannungszustand.
Das Kuratoren-Duo Madeleine Freund und Oliver Kase zeigt die Vielfalt unterschiedlichster Werke der Written Art und ihre Verbindungen. Besuchende bewegen sich dabei zwischen Staunen und sinnlicher Überforderung. Und das, obwohl "Sweeter than Honey" keine Antworten liefert – die wunderbare Ausstellung hält vielmehr die Spannung einer irritierenden Ambivalenz: von der Brüchigkeit unseres Verhältnisses zur Sprache einerseits und der spielerischen, künstlerischen Kraft von Zeichensystemen, die Menschen verbinden, andererseits. Die Buchstabensuppe will ausgelöffelt werden.