"The End of It" in Cannes

Der Tod als Performance

Eine 250-jährige Künstlerin plant ihren Suizid und macht aus ihrem Ableben eine Performance. Maria Martínez Bayonas in Cannes uraufgeführte Sci-Fi-Komödie "The End of It" wirft einen grotesken Blick auf die mögliche Kunstwelt der Zukunft

Ein brutalistischer Kirchenraum. Vor den kahlen Wänden, unter dem Kreuz, thront ein gigantisches rotes Gummibärchen. Ein kleiner Junge steht vor dem merkwürdigen Altar und preist die verjüngende Kraft der Süßigkeit. Alle in der Gemeinde nehmen die Hostie in den Mund, nur eine alte Frau nicht. Sie drängt den Jungen zur Seite und verkündet, dass sie keines der verjüngenden Gummibärchen essen werde. Stattdessen wolle sie einfach altern und sterben. Die Kirchengänger sind schockiert. Sie kennen die Frau, eine bekannte Künstlerin. Früher hat sie viel provoziert, aber das mit dem Sterben geht wirklich zu weit.

Sterben in einer Zukunft, in der aufgrund moderner Medizin niemand mehr sterben muss. Darum geht es in "The End of It", dem Debüt der spanischen Regisseurin Maria Martínez Bayona. Ihre Science-Fiction-Satire lief im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes, die am Sonntag zu Ende gingen. Gewonnen hat "The End of It" nicht, die begehrte Goldene Palme ging an das norwegische Familiendrama "Fjord". Bleibt also die Frage, ob es sich trotzdem lohnt, diesen spleenigen Film über eine Todeskünstlerin zu sehen.

Eines sei gleich verraten: Die Künstlerin Claire (Rebecca Hall) ist nicht wirklich alt. Zumindest sieht sie nicht so aus. Für ihre Performance in der Kirche hat sie sich ein Latexkostüm übergezogen. Bedenkt man ihr tatsächliches Alter, müsste sie aber eigentlich noch schrumpeliger aussehen. 250 Jahre ist sie schon auf der Welt, dank besonderer medizinischer Maßnahmen. Die Handlung von "The End of It" beginnt mit einer Operation, bei der Claire ihr letzter verbliebener eigener Knochen ersetzt wird: Ihr aktueller Körper ist nun rundum synthetisch erneuert. Aus allen ihren entnommenen Knochen hat sie in ihrem Atelier ein Skelett gebaut: ein echtes Relikt, die frühere Claire.

Traurig trotz Partyleben

Glücklich ist die rundum erneuerte und auch im Alter von 250 Jahren noch immer wild feiernde Künstlerin aber nicht. Sie fühlt sich leer, hat eigentlich alles gesehen. Sie hat ihr Publikum herausgefordert und große Galerien gefüllt. Mittlerweile ist ihr Atelier eine staubige Rumpelkammer, gefüllt mit all den Prothesen und Kostümen, mit denen sie früher noch schockieren konnte. Gleich zu Beginn des Films steht für Claire fest, dass sie keine Medikamente mehr nehmen und keine weiteren Eingriffe mehr über sich ergehen lassen will.

Die nächste Überraschung folgt unmittelbar: Ihren Freitod will Claire als spektakuläre Kunstperformance inszenieren. Die radikalste denkbare Idee einer Kunst als Lebenspraxis. Joseph Beuys, der makabrem Lebenspathos durchaus zugeneigt war, wäre vielleicht stolz. Auch Claire trägt ihre Idee selbstbewusst vor. Als sie sich vor den Kirchenaltar stellt und statt der synthetischen Gummibärchenreligion eine Kunst des echten Alterns verspricht, thront das Kreuz nun über ihrem Kopf. Ihr stilisiertes Ableben, das am Ende des Films fulminant in Szene gesetzt ist, kann dabei als Märtyrertod gedeutet werden: Indem Claire der perfekten Anti-Aging-Welt ihren Tod vor Augen hält, zeigt sie, welche Wahrheiten hier verdrängt wurden. Später im Film sehen wir Claire, die sich für ein Fotoshooting wie Jesus ans Kreuz hängt. Ecce homo.

Ironischerweise ist Claires quasireligiöser Wahrheitstrip selbst wie ein synthetischer Wellness-Werbespot inszeniert. Vor einer Performance steigt sie auf einen Berg und meditiert vor dem glühenden Sonnenaufgang, ein anderes Mal wälzt sie sich im Schlamm, um die Erde zu spüren. All das trieft vor vermeintlicher "Echtheit", präsentiert in künstlich gesättigten Farben. Dass eine derart satte Wahrheit nur im Werbespot existieren kann, thematisieren Claire und auch der Film selbst allerdings nicht. So teilt Maria Martínez Bayonas Satire zwar ordentlich gegen den Anti-Aging-Wahn aus, verfehlt mit ihrer Kritik aber ausgerechnet ihre eigene eitle Protagonistin und deren klischierte künstlerische Selbsterfahrung.

Kunst als Kapital

"The End of It" steckt voller Karikaturen. Eine davon zielt auf die kapitalgetriebene Kunstwelt. Claires finale Performance soll im Rahmen einer Werkschau stattfinden. Innerhalb dieser, so versprechen die trottelig dargestellten Kuratoren, ließe sich sicher das eine oder andere Schmuckstück aus Claires kunsthandwerklicher Phase hochpreisig verkaufen. Ein paar hippe Künstler könnten zudem eigene Interpretationen bekannter Werke Claires beisteuern. Die als authentisch dargestellte Claire ist natürlich nicht erfreut. 

Hier erinnert Bayonas Komödie an Ruben Östlunds Kunstsatire "The Square", die 2017 in Cannes gewann und auf ähnlich plakative Weise über die zeitgenössische Kunstwelt spottete. Hätte sich "The End of It" auf ähnlichen satirischen Pfaden bewegt, wäre eine vorhersehbare, aber immerhin konsequente Auseinandersetzung entstanden. So jedoch bleibt ein seltsam richtungsloser Hybrid aus pathetischem Selbsterfahrungstrip und oberflächlicher Kunstsatire. Der Tod am Ende ist auch dramaturgisch die einzig griffige Befreiung aus diesem Elend.