KI in der Schirn Frankfurt

Die Rache der Realität

Die Frankfurter Schirn zeigt mit "The World Through AI" Werke, die sich mit den kognitiven, politischen und ökologischen Folgen Künstlicher Intelligenz auseinandersetzen. Was uns rettet? Der Schleim

2011 strahlte der Sender Arte eine besondere Folge seines Formats "Durch die Nacht mit …" aus. Garri Kasparow, ehemaliger russischer Schachweltmeister, und Peter Thiel, Mitbegründer und Investor zahlreicher Start-ups wie PayPal, trafen darin im nächtlichen New York City aufeinander. Garri Kasparow hat inzwischen die russische Staatsbürgerschaft abgelegt und ist verstärkt oppositionspolitisch aktiv, Peter Thiel hingegen ist zum medialen Lieblingsbösewicht und Aushängeschild der Tech-Bros US-amerikanischer Couleur avanciert.

Hochspannend ist diese Folge nicht nur, weil beide damals noch eine ähnliche Vision einer lebenswerten, also freiheitlichen wie humanistischen Gesellschaft zu teilen schienen, sondern auch, weil die ungleichen Schachspieler in einem Labor Roboterhunde besuchen und darüber diskutieren, was davon nun zu halten sei: Thiel, der seine Faszination kaum verbergen kann, trifft auf einen nüchtern-spöttischen Denker der alten Welt, der überzeugt ist, Künstliche Intelligenz sei derzeit keine qualitative, sondern nur eine quantitative Steigerung dessen, was ohnehin schon da ist.

Mit dieser Grundsatzfrage im Sinn geht der Besuch in die Schirn, die während des Umbaus ihr Quartier in der ehemaligen Dondorf-Druckerei bezogen hat. "The World Through AI" empfängt die Besucherinnen und Besucher mit einer angemessen dystopischen Ausstellungsarchitektur. Die kränklich grau gestrichenen Räume könnte man sich ähnlich auch in einer Serverfarm vorstellen; durch einen Lichtschacht in der Decke sind surrende Anlagen und verlegte Kabel zu sehen. Die Videoarbeit "Internet Machine" von Timo Arnall ist über zehn Jahre alt, doch die Aufnahmen verborgener Infrastrukturen wirken zeitlos aktuell. In den schlafwandlerischen Bildern sucht der Blick immer wieder nach dem, was noch menschengemacht, noch von Hand gefertigt ist – und sei es der verstrichene Beton rund um einen Kabelschacht.

Angstlust und Auslöschung

Alles ist Materie, daran will diese Schau keinen Zweifel lassen. Gigantische Ressourcen müssen für den Betrieb digitaler Prozesse ausgebeutet werden, sowohl menschliche ebenso wie geologische. Wie ein Beleg dafür erscheinen die Bilder von Agnieszka Kurant, die mit Metallsalzen, Kobalt oder Nickel jene begehrten Rohstoffe zur Formfindung nutzen, die auch virtuelle Vorgänge am Laufen halten. Geradezu archäologisch wirken die Schaukästen mit historischen Artefakten und die Wandbilder von Kate Crawford und Vladan Joler, die die jüngste Technikgeschichte in eine Jahrhunderte umfassende Mediengeschichte einordnen. Schauen sich hier Menschen ihre letzten zivilisatorischen Überreste an, während die Auslöschung schon kurz bevorsteht? Ein wenig Angstlust lässt sich nicht abstreiten. Dazu passen die Arbeiten von Harun Farocki ebenso wie die von Trevor Paglen, der nicht nur unzählige Daten sammelt, sondern diese auch in Videos und interaktiven Überwachungsstationen zu künstlerischem, oft sehr anschaulichem Material verarbeitet.

Zeitgenössische Arbeiten über KI laufen Gefahr, rasch überholt zu wirken. Text- und Bildprompts, groß auf Flachware aufgezogen, beeindrucken bereits wenige Jahre später kaum noch. Wunderbar ist demgegenüber eine Anwendung von George Légrády aus dem Jahr 1992: Schon damals experimentierte der Künstler mit der bis heute oft holprigen Übersetzung von Text in Bild. Die Probe aufs Exempel lässt sich gleich auf der noch immer aktiven Webseite selbst machen. Als positive Utopie einer Open-Source-Nutzung werden später die haarigen Mutanten des Duos Holly Herndon und Mat Dryhurst ins Feld geführt. Im zugehörigen Film teilt die Künstlerin eine Beobachtung, die sie während Protesten gegen ihre Arbeit machte: dass nämlich sowohl Anhänger als auch Gegner von KI sich keine "bessere" Welt mehr vorzustellen vermögen oder vorstellen wollen.

Andere Regionen wie China, selbst ein gigantischer Player, kommen in dieser Schau nicht vor; der Fokus liegt klar auf dem Westen und seinen Verfehlungen. Eine, die den Blick hingegen in viele Richtungen richtet, ist Hito Steyerl. Ihre 13-minütige Videoarbeit "Mechanical Kurds" macht sich auf die Suche nach jenen Microworkern, die in einem Flüchtlingscamp im Nordirak für Tech-Auftraggeber Orte, Dinge und Menschen labeln, und ist nebenbei noch eine Erzählung über die Verfolgung von Kurdinnen und Kurden in den benachbarten Ländern. Steyerls Figuren können der Künstlichen Intelligenz übrigens einiges mehr abgewinnen als ihr kulturkritisches Publikum im Nordwesten: "AI is a great idea!" Ohne sich über ihre Protagonistinnen und Protagonisten zu erheben, stellt die Künstlerin diesen Zukunftsoptimismus der irdischen Realität eines Geflüchtetenlagers gegenüber.

Verbreitung von Propaganda und Vorurteilen

Dass mittels KI eine Ära politischer Bildkommunikation eingeläutet wurde, in der gefühlte Wahrheiten restlos wichtiger werden als das geschriebene und gesprochene Wort, dürfte stimmen. Ob Donald Trump mit dem schlecht gemachten, maximal zynischen "Gaza Riviera"-Video nun das beste Beispiel für einen Neokolonialisten ist, wie es eine Videoprojektion von Occitane Lacurie und Barnabé Sauvage in der zweiten Ausstellungshalle suggeriert, oder eher das zeitgenössische Phänomen politisch und ideologisch wenig gefestigter, wandelbarer Trolle auf der Jagd nach Memes verkörpert, bleibt der eigenen Bewertung überlassen. Das besagte KI-Video stammt nicht vom US-Präsidenten selbst, sondern wurde laut seinem Ersteller privat als Satire produziert und anschließend offenbar ohne dessen Absicht weiterverbreitet.

Dass KI spiegelt und reproduziert, was Menschen schon zuvor gedacht und behauptet haben, ist sogar aus Unternehmenssicht ein Problem. In der freien Anwendung können rassistische, sexistische und anderweitig geprägte Vorurteile in Sekunden verbreitet werden; zugleich lässt sich ihnen aufklärerisch entgegenwirken. Was im Ausstellungstext fehlt – gerade an diesem Ort –, wäre ein Hinweis auf die antisemitischen Spielarten von "Slopaganda". Das Kofferwort, zusammengesetzt aus "slop" – Pampe, Brackwasser oder Essensabfall – und "Propaganda" bezeichnet global verbreitete und teils äußerst erfolgreiche KI-generierte politische Propaganda, die bisweilen unverhohlen an "Stürmer"-Ästhetiken anknüpft und sich wie ein Chamäleon in die Narrative verschiedener politischer Lager und Zielgruppen einfügt.

Gut möglich aber, dass jegliche inhaltliche Auseinandersetzung schon zum Scheitern verurteilt ist, wenn es bloß noch ums Anpeitschen der Synapsen als reinen Selbstzweck geht. Zum Schluss folgt eine halbstündige Videoarbeit von Daniel Felstead und Jenn Leung. "Welcome to Jankspace, Babes" hält schließlich auch ästhetisch angemessen bescheuert Schritt mit seinem Sujet – ein Fiebertraum, nicht unähnlich dem, von dem dieser Film erzählt und den er zugleich selbst erzeugt. Und auch Alexander Kluge sah ja schon die göttlichen Zeichen in der KI-Bildfindung. Hier geht es nun um Algorithmen, gestörte Inhalte und Feelings statt Gedanken. Wenn der Film zu sehr ins Lehrfilmhafte abzugleiten droht, hat die Stimme aus dem Off noch eine kluge Erkenntnis parat: Ohne Schmiere keine Hardware, ohne Schmiere kein menschlicher Organismus. James Baldwin, der kurz eingeblendet und appropriiert wird, spricht über Liebe und die Möglichkeit, ein Mensch zu bleiben. Der Film weiß: Nur der Schleim kann uns noch retten. "Slime is the revenge of the real."