Fotograf Thomas Billhardt

Bilder aus allen Winkeln der Welt

Thomas Billhardt war einer der bekanntesten Reportage-Fotografen der DDR. Eine Ausstellung bei Fotografiska Berlin zeigt nun, dass er sich trotz seiner Nähe zur Politik einen unabhängigen Blick bewahrte

Zwei Tage nach dem Mauerbau darf Thomas Billhardt die DDR verlassen – um in Kuba zu fotografieren. Bei einem Zwischenstopp in Kanada auf der Rückreise lockt eine Tür mit dem Schild "Immigration". Die Bilder aus dem Bruderland hätten ihm eine Karriere im Westen ermöglicht. Aber Billhardt kehrte zurück nach Ostdeutschland. "All das, was ich erlebt hatte, wollte ich mit zurück in die DDR bringen und dort zeigen. So habe ich an Glaubwürdigkeit gewonnen, und das, ohne Teil irgendeiner Ideologie oder Partei zu sein", hat der im Januar 2025 verstorbene Fotograf einmal gesagt. 

"Die Augen weit offen" – so der Titel seiner Schau bei Fotografiska Berlin – hielt er schon in jungen Jahren. Für den 14-Jährigen begann die Ausbildung bei seiner Mutter in Chemnitz, einer renommierten Porträtfotografin. Seine Diplomarbeit an der Leipziger HGB, wo er von 1959 bis 1963 studierte, markierte den Beginn seiner lebenslangen Beschäftigung mit dem Berliner Alexanderplatz. 

Die Ausstellung legt den Schwerpunkt auf die Jahre 1959 bis 1972, darunter fallen legendäre Aufnahmen aus Vietnam. Billhardt fotografiert dort Kinder, die sich bei Bombenalarm in Gullys verstecken. Und eines seiner berühmtesten Bilder entsteht: Ein groß gewachsener US‑Bomberpilot wird von einer zierlichen Vietnamesin in Gefangenschaft abgeführt. Die einfachen Leute und die Opfer der Kriege interessieren Billhardt weit mehr als die Mächtigen. 

Mehr als ein "Propaganda-Fotograf"

Trotzdem gelingen ihm auch da epochale Bilder. Den Sozialisten Salvador Allende fotografiert er nach dessen Wahlsieg im offenen Wagen, daneben General Augusto Pinochet zu Pferd. Der wird Allende drei Jahre später mit US-Hilfe stürzen. Viele von Billhardts Aufnahmen von DDR-Parteigrößen werden, da nicht genehm, konfisziert.

Zu seiner Überraschung geht ein Schnappschuss beim Besuch von Angela Davis in Ost-Berlin durch. Die attraktive US-Kommunistin muss sich zum Bruderkuss mit dem dicklich-kleinen Spitzenfunktionär Hermann Axen tief bücken. Ein groteskes Bild. 

Insgesamt aber war ihm der Arbeiter-und-Bauern-Staat zu Dank verpflichtet. In den 1980ern wird Billhardt in einem parteinahen Verlag angestellt, bekommt einen Dienstwagen und ein Spitzengehalt. Dem Werben der Stasi widersetzt er sich bis zum Schluss. Trotzdem gilt er nach 1989 vielen als "Propaganda-Fotograf der Staatsführung". Diesem Etikett widersprechen die Bilder – und der unverstellte, unabhängige Blick, den sie dokumentieren.