"Tirailleurs" im HKW in Berlin

Die vergessenen Soldaten

Die Ausstellung "Tirailleurs" im HKW erinnert an afrikanische Soldaten, die im Ersten und Zweiten Weltkrieg für Frankreich kämpften und hierzulande weitgehend vergessen sind

Seit ihrer Schulzeit, erzählt die Künstlerin Dior Thiam, lassen sie die Bilder der Befreiung von Paris im August 1944 nicht los. Zu sehen sind darauf nur weiße Soldaten. Dabei kämpften in beiden Weltkriegen Hunderttausende afrikanische Soldaten für Frankreich. Thiam steht vor ihrem Werk "Tata" (2026) in der Ausstellung "Tirailleurs" im Haus der Kulturen der Welt in Berlin: ein Sockel aus Ton, darauf das Porträt eines Schwarzen Soldaten. Die Herausforderung habe darin bestanden, Sichtbarkeit herzustellen, ohne Gewalt zu idealisieren, sagt sie. Ihr eigener Großvater war senegalesischer Tirailleur.

Der Geschichte dieser Soldaten aus den ehemals von Frankreich kolonisierten Ländern Afrikas – heute Mali, Guinea, Benin, Burkina Faso, Senegal, Côte d’Ivoire, Niger, Tschad, Kongo-Brazzaville, Gabun und die Zentralafrikanische Republik – widmet sich die Schau. Viele von ihnen wurden zwangsrekrutiert, hastig militärisch ausgebildet und in Europa an vorderster Front eingesetzt. Dennoch spielen sie in der hiesigen Erinnerung an die beiden Weltkriege bis heute kaum eine Rolle.

Im Eingangsbereich steht eine skulpturale Assemblage von Daniel Lind-Ramos. Für die Arbeit "Re-inventario de la desmemoria" recherchierte er die Namen von Soldaten aus Martinique, Guadeloupe und Französisch-Guayana, die in den Weltkriegen in Europa kämpften oder arbeiteten. Viel ließ sich nicht finden. An ihre Stelle treten Dinge: ein Koffer, Seesäcke, ein Fernglas, Töpfe, rot und blau gepunktete Kopftücher. Bekrönt wird die Arbeit von einem Helm und der französischen Ausgabe von Frantz Fanons "Die Verdammten dieser Erde" von 1961. Auch Fanon diente im Zweiten Weltkrieg in der französischen Armee. Zu der großen Parade in Paris wurde er späteren Berichten zufolge jedoch nicht eingeladen – dort marschierten nur weiße Soldaten.

 

Daniel Lind-Ramos "Re-inventario de la desmemoria", 2026, Ausstellungsansicht, "Tirailleurs", Haus der Kulturen der Welt, 2026
Foto: Mathias Völzke/HKW, Courtesy Daniel Lind-Ramos und The Ranch

Daniel Lind-Ramos "Re-inventario de la desmemoria", 2026, Ausstellungsansicht, "Tirailleurs", Haus der Kulturen der Welt, 2026

Die beiden Gemälde von Félix Vallotton stechen in der Ausstellung heraus, weil sie zu den wenigen historischen Arbeiten gehören. Viele der anderen Werke sind eigens für das Projekt entstanden. Der Schweizer, der später auch die französische Staatsbürgerschaft annahm, hatte sich als "freiwilliger Künstler" an die Front gemeldet, um das Geschehen in den Schützengräben zu dokumentieren. "Senegalesische Soldaten im Camp von Mailly" von 1917 gehört zu dem dort entstandenen 14-teiligen Zyklus. 

Jenseits des Gefechts

Das Bild strahlt eine eigentümliche Ruhe aus. Intendant Bonaventure Soh Bejeng Ndikung betont, dass es der Ausstellung wichtig sei, die Soldaten nicht nur als Kämpfer, sondern auch in ihrem Alltag als Menschen zu zeigen. Während einer Waffenpause stehen und sitzen die Männer neben den Holzverschlägen einer improvisierten Kaserne. Himmel und Boden sind winterlich weiß, als läge Schnee. Nur die roten und blauen Mützen heben sich kontrastreich vom hellen Hintergrund ab. Ein zweites Bild aus dem Zyklus, das in der Ausstellung als Reproduktion zu sehen ist, zeigt Hunderte Kreuze gefallener Soldaten.

 

Félix Vallotton "Soldats Sénégealais au Camp De Mailly", 1917
Courtesy bpk, GrandPalaisRmn, René-Gabriel Ojéda

Félix Vallotton "Soldats Sénégealais au Camp De Mailly", 1917

In ihrer Fotoserie "Into the Fading Lines" greift Nadia Kaabi-Linke historische Aufnahmen von Tirailleurs auf. Sie sind im Kampf zu sehen, in Kasernen, aber auch im Alltag. Die Künstlerin bearbeitete die Abzüge mit UV-Filter und setzte sie dann der Sonne aus. Flaggen, Waffen, Uniformen und militärische Infrastruktur verdunkeln sich. Die bisher marginalisierten Figuren treten dagegen hervor. Ihre Eingriffe in das Material sind zugleich Eingriffe in die Bildordnung.

Wie koloniale Gewalt fortwirkt

Auch in Mario Pfeifers neuem Film "Wutame / Caché" scheinen die Körper der Protagonisten zu leuchten – allerdings, um ihre Anonymität zu wahren. Für die Arbeit reiste der in Dresden und Berlin lebende Künstler nach Kamerun und traf zwei Männer, die für die russische Armee angeworben worden waren, um im Krieg gegen die Ukraine zu kämpfen. Sie berichten von Täuschung, ökonomischem Druck und Rassismus. Der halbstündige Film gibt ihnen Raum, ihre Erfahrungen selbst zu erzählen, und zeigt dabei, wie koloniale Gewaltverhältnisse bis in die Gegenwart fortwirken.

Die Schau stellt sich einer doppelten Herausforderung: Sie schließt nicht nur eine historische Leerstelle, sondern übersetzt sie auch in eine ästhetische Form. Sie verlangt Zeit. Man sollte sie ihr geben.