Tobias Rehberger in Baden-Baden

Es gibt solche und solche Clowns

Der Bildhauer Tobias Rehberger verwandelt den Kurgarten Baden-Baden in einen Parcours aus verführerischen Kunstwerken. In der aktuellen Weltlage bekommen die bunten Slogans und Figuren einen düsteren Unterton

Mit einer Welt, in der unschuldig schneeweiße Wolkengebilde in einem überdimensionalen Vogelkäfig gefangen gehalten werden, kann etwas nicht stimmen. Die in 3D-Verfahren hergestellte Skulptur, die in dem kleinen Kurhaus-Pavillon in Baden-Baden steckt, erregt beinahe Mitleid. Würde sich nicht auch die Assoziation zum Rauch aufdrängen, zumal an der Spitze des Pavillons das Leuchtkürzel "24/7" auf eine pausenlose Verfügbarkeit verweist? Und das an einem einst mondänen Kurort, an dem schon im 19. Jahrhundert Königin Victoria, Fjodor Dostojewski oder Clara Schumann ihr Bedürfnis nach Entschleunigung zu befriedigen versuchten? Kein Wunder, dass da dem milchigen Gebilde die Sicherungen durchbrennen. 

"Ui. Ja" heißt die Ausstellung von Tobias Rehberger, mit der er sich gleich fünf prominenten Kunst-Vorläufern in Baden-Baden anschließt. Jeppe Hein startete 2021 die Sommer-Open-Air-Reihe "Kunst findet Stadt" mitten im Zentrum des Heilbads mit seinen launischen Fontänen-Installationen. 2022 folgte Marinella Senatore mit einer Lichtlandschaft aus 9000 bunten LED-Glühbirnen an der Fassade des Kurhauses. Im Sommer danach verwandelte Nevin Aladağ den Kurgarten in einen "Soundspace", bevor sich Erwin Wurm mit herumirrenden anthropomorphen Aluminiumanzügen begnügte. 

Rehberger, der bereits 2001 mit einer Einzelausstellung in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden vertreten war und 2009 das Café der Institution in eine Skulptur verwandelte, setzt vor allem nachts maximal aufsehenerregende Akzente mit einem Parcours aus Lichtarbeiten in Schaufenstern der kleinen Luxus-Shops. Dort sind Schriftzüge wie "Procrastination", "Participation" oder "Psychic Dinner" zu lesen, gipfelnd in einer torähnlichen Las-Vegas-Architektur, bei der arabische Schriftzeichen ins Instant-Philosophische abgleiten: "In zwei Tagen ist morgen bereits gestern". 

Monströs-chronische Polit-Clownerie

Der Kontrast zwischen aufdringlich dröhnendem Kommerz und den Distinktionsbedürfnissen einer Elite, die ihren Habitus mit Maßanzügen und Designer-Uhren unter Beweis stellt, könnte in diesem Umfeld nicht größer sein. Von den Kolonnaden flaniert man amüsiert Richtung Kurhaus. Der Höhepunkt hier: Ein zwielichtiger Clown mit dem Titel "The Unexpected Life of a Discontent Boy" lauert in der Trinkhalle. Die mehrfach übermalte Rehberger-Büste scheint gleichzeitig zu lachen und zu weinen. Aus der Nase tropft Wasser in das Becken des Brunnens, während sich am Hinterkopf ein weiteres Janus-Gesicht abzeichnet. 

Man möchte die Ambivalenz der Figur, die nach außen ihre Entertainment-Fassade aufrechterhält, während sie im Innern leidet, als einen sehr persönlichen Kommentar zum Künstler-Dasein lesen. In Zeiten des ultimativen Horror-Clowns Donald Trump gelingt das nicht wirklich. Schließlich hat der US-Präsident mit seiner grotesken Aufmachung eine Kulturrevolution angezettelt, die ihresgleichen in der langen Geschichte des westlichen Kapitalismus sucht, und ist längst zum globalen Sicherheitsrisiko geworden.

Man spürt bei Tobias Rehbergers Parcours in Baden-Baden durchaus die Dringlichkeit, sich selbst und seiner Branche einen Spiegel vorzuhalten. Auf der Höhe der monströs-chronischen Polit-Clownerie dieser Tage ist diese etwas zu unentschieden abrechnende Maskerade zwar nicht. Ein aufflackerndes Aperçu aber allemal.