Tomás Saraceno in München

Die wichtigste Ausstellung eines wichtigen Künstlers

Der Künstler Tomás Saraceno wird persönlich und träumt im Münchner Haus der Kunst einmal mehr von einer emissionsfreien Zukunft. Doch sein größtes Werk ist nicht im Museum zu finden, sondern an den Salzseen in Argentinien

Das "Museo Aero Solar" hat die monumentale Mittelhalle im Haus der Kunst in München erobert. Die riesige Plastikplane kann tatsächlich fliegen. Seit 2007 existiert das von Menschen aus aller Welt gemeinsam erschaffene "Museum", ein Supersegel aus wiederverwendeten Tüten, das bei Erwärmung in die Luft aufsteigt. 

Tomás Saraceno nennt es ein "Denkmal für kollektives Handeln". Die kollaborative Praxis zieht sich durch das gesamte Werk des 1973 in Argentinien geborenen Künstlers – seien es Kooperationen mit anderen Erwachsenen, mit Kindern, Spinnen, Hunden oder Naturkräften wie Wolken und der Sonne.

Bereits im Studium an der Frankfurter Städelschule bei Thomas Bayrle entwickelte er Ideen für das Fliegen ohne Schadstoffe: mit Ballons, die durch Sonnenwärme schweben. Mit seinen Installationen schlug er vor, unseren Lebensraum auch in die Vertikale auszuweiten, da wir, frei nach dem Architekten Richard Buckminster Fuller und seinem Konzept vom "Raumschiff Erde", ja ohnehin durchs All fliegen.

Abkehr vom Raubbau am Planeten

In den folgenden Jahren wies er in mehreren spektakulären Versuchen nach, dass das Fliegen mittels Erwärmung durch die Sonne möglich ist. Sein Projekt "Fly with Aeroscene Pacha" hält mehrere Weltrekorde: Auf einem kristallin weißen Hochplateau in den Anden absolvierte eine Pilotin 2020 den längsten, höchsten und weitesten solargetriebenen, und damit emissionsfreien, Flug mit Besatzung.

Tomás Saraceno wählt die Schauplätze seiner Aktionen und Bilder schon immer sehr bewusst. Oft sind es makellose Settings mit übernatürlich ästhetischen Horizontlinien und Spiegelungen, die der Künstler in seinen Fotografien zu faszinierenden Szenarien arrangiert. 

Doch die formale Perfektion ist nur Saracenos Komplizin, sein elaboriertes Mittel der Dokumentation. Als Kunstwerke werden diese Bilder und Filme weltweit in Museen und Galerien gezeigt. Doch darunter liegt immer ein viel größeres Anliegen: Saraceno geht es um das ökologische Gleichgewicht, die Verbindung zwischen den Spezies, die Abkehr vom ausbeuterischen Umgang mit dem Planeten.

Fliegen wie eine Spinne

Tomás Saraceno bleibt nie beim modellhaften Denken. Er treibt die Dinge weiter, bis zu einer möglichen Umsetzung. So kann man sich tatsächlich Luftströme zueigen machen, um Distanzen zu überwinden. Anlässlich des Klimagipfels COP21 entwickelte er zusammen mit dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) eine App, die mögliche, an die Thermik angepasste Flugstrecken angibt, deren Antrieb nur das Sonnenlicht ist. 

Spinnen bewegen sich so. Ihre Fäden sind ihr Segel. So fliegen sie über Gebirge und Meere. Saraceno hat sich intensiv mit den Krabbeltieren und ihren Netzen beschäftigt. Einige dieser feinen Gespinste sind als Readymades im Haus der Kunst ausgestellt. Inzwischen ist eine Spinnenart, die Heteropoda Saracenoi, nach dem aus einer Wissenschaftler-Familie stammenden Künstler benannt.

Saracenos Interesse und Erkenntnislust bewegen sich selbstverständlich zwischen mikroskopischen und galaktischen Maßstäben. Genau das passiert zu Beginn des Ausstellungsparcours im Haus der Kunst. In dem langen dunklen Saal ist mehr als die Hälfte der Bodenfläche von spiegelndem Wasser bedeckt. Im Raum verteilt sind große und kleinere kugelförmige Objekte, die aus mehreren Lichtquellen verdeckt angestrahlt werden. Knacklaute und sphärisches Dröhnen liegen in der Luft.

Eine Installation wie ein Traum

Die Installation "Towards the Sanctuary of Water" zu betreten ist wie Träumen: überirdisch schön und unheimlich zugleich. Sind wir geschrumpft und in Zellstrukturen oder Kreislaufsysteme eingeschleust? Oder sind wir riesig und auf Augenhöhe mit den Planeten? An die Stirnseite des Raums ist ein Bild projiziert, das später noch wichtig wird: weiße Halbkugeln in einer außerirdisch wirkenden, leeren Landschaft, darüber ein übergroßer Mond. Einige menschliche Figuren darin deuten die Dimension an – sie sind winzig.

Das "Sancturay of Water", das hier als Rendering gezeigt wird, ist das größte Kunstwerk der Schau – in Abwesenheit, denn es liegt nicht in München, sondern in Südamerika. Während der Laufzeit der Ausstellung lässt Tomás Saraceno den Ort zum Andenken an das Wasser der großen Salzseen in Argentinien errichten. Denn die essenzielle Ressource wird den Menschen dort nicht nur abgegraben, sondern kontaminiert im Erdreich zurückgelassen. 

Die Lithiumvorkommen der Region, ironischerweise ein wichtiger Stoff beim Umstieg auf grüne Energie, kosten die Menschen und die Natur ihre Lebensgrundlage, seit der argentinische Präsident Javier Milei die Abbaurechte verkauft hat. Den Gemeinden der Salinas Grandes garantiert niemand, dass sie genug zu Trinken haben. Saraceno setzt diesem Skandal gemeinsam mit den einheimischen Aktivisten der Gruppe Red Atacama etwas entgegen.

Sehenswürdigkeit, Andachtsraum, Gedenkstätte

"Wir schaffen eine Skulptur, einen Ort, den ein Bulldozer zerstören kann, wann immer die Unternehmen es beschließen", sagt Tomás Saraceno. "Sanctuary of Water" wird Sehenswürdigkeit, Andachtsraum, Gedenkstätte und Werk dieses international bekannten Künstlers. 

Neben Aufmerksamkeit für die prekäre Lage der Bewohner der Abbauregionen im Norden Argentiniens könnte sich auch ein regionaler Tourismus entwickeln, der mit den Belangen der hauptsächlich indigenen Bevölkerung im Einklang steht. Für die Umsetzung weiß Saraceno die Med-Tech-Unternehmer des bayerischen Unternehmens Brainlab an seiner Seite, die das Projekt mit dem Haus der Kunst unterstützen.

Die große Einzelschau in München ist die bisher persönlichste Ausstellung von Tomás Saraceno, die weit in seine eigene Familiengeschichte zurückreicht. Geboren 1973 im nordargentinischen Tucumán, wurde seine Familie zu Opfern der Militärdiktatur. Als er kaum zwei Jahre alt war, wurde sein Vater verhaftet. Da er einen italienischen Pass hatte, konnte die Familie nach Südeuropa auswandern, wo Saraceno seine Kindheit verbrachte - und von wo aus sein Großvater eine Generation zuvor nach Argentinien gekommen war, um als junger Ingenieur für jene Firma zu arbeiten, die heute an den Lithiumvorkommen verdient. 

Er kapert den Aktivismus nicht

"Der gleiche Familienstrang, der uns in dieses Land geführt hat und den die Diktatur später ins Exil trieb, ist in die Industriegeschichte eingewoben, die nun auf den Salinas Grandes lastet. Sich auf die Seite der Communities zu stellen, bedeutet nicht, außerhalb dieser Geschichte zu stehen. Es bedeutet, in ihr zu stehen und sie zur Umkehr aufzufordern", schreibt Saraceno in einem Text in der Publikation "Sanctuary of Water – Tomás Saraceno in Collaboration with Red Atacama". 

So sehr er es als persönlichen Auftrag sieht – bei der extrem aufwendigen und in vielen Schritten dokumentierten Denkmal-Entwicklung auf dem Salzsee taucht der Künstler selbst nicht auf. Weder sieht man ihn in den zahlreichen Videos, noch führt er Gremien oder Projektgruppen an. Er kapert den Aktivismus nicht, sondern tritt völlig dahinter zurück und stellt seine Kunst in den Dienst der Sache. Das Werk besteht aus vier formvollendeten, ganz und gar aus dem Salz der Umgebung bestehenden Domen. Es spricht auf den Bildern und Renderings, die im Haus der Kunst gezeigt werden, ganz für sich. Das "Sanctuary of Water" ist wie ein Gruß aus einer Zukunft, in der ästhetischer und ökologischer Einklang in eins fallen.

Das Ethische und das Formale so zwingend zusammenzuführen, beherrscht Tomás Saraceno wie kein anderer. Noch wichtiger: Er bleibt nicht im hypothetischen Raum, der Kunst ja meistens ist, sondern formuliert seine Fragen und Forderungen außerhalb der Wunschwelten des White Cube. Darum ist Tomás Saraceno einer der besten lebenden Künstler, und dies seine bislang wichtigste Ausstellung.