Neu im Kino: "Tony Conrad – Completely in the Present"

Ein produktiver Eigenbrötler

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Der Regisseur Tyler Hubby hat den Klang- und Videokünstler Tony Conrad mehr als 22 Jahre lang begleitet. Herausgekommen ist ein filmisches Porträt eines Tausendsassas der Kunst, der mit Konventionen brach, um seinen ganz eigenen Weg zu gehen

Obwohl er selbst von davon überzeugt war, einer der einflussreichsten Komponisten des 20. Jahrhunderts zu sein, sträubte sich Tony Conrad vor dieser Bezeichnung. "Ich wollte die Komposition abschaffen. Mich davon freimachen. Ich wollte, dass sie ausstirbt", so der US-Amerikaner in dem neuen Kinofilm "Tony Conrad – Completely in the Present".

Der Dokumentarfilmer Tyler Hubby schildert darin das Leben des New Yorker Avantgarde-Künstlers, dessen Leben beinahe zu unstrukturiert, fast zu antibiografisch ist, um es mit einer stringenten Erzählweise zu begreifen. Die Dokumentation spult zwischen den Jahren hin und her, um den Weg dieses Solitärs transparent zu machen. Denn während dieser gerade noch zusammen mit The Velvet Underground auf der Bühne steht, möchte er im nächsten Moment doch lieber radikalere Klangkunst machen. Parallel dreht er 1966 den Experimentalfilm "The Flicker" und nutzt dazu, als einer der ersten Videokünstler, den Stroboskopeffekt als Stilmittel. Ein unglaublich produktiver Eigenbrötler, dessen Œuvre von Musik über Videokunst bis hin zur Malerei reicht.

Der musikalische Minimalismus eines John Cage und die avantgardistische Videokunst eines Jack Smith waren von Conrad beeinflusst. Neben diesen beiden arbeitete er mit vielen weiteren Größen der New Yorker Kunst- und Musikszene zusammen. Trotzdem blieb der große Erfolg aus. Conrad hat sich stets vor einer Vereinnahmung durch Institutionen widersetzt. Mit seinen Künstlerkollegen Jack Smith und Henry Flynt demonstrierte er vor dem Lincoln Center for the Performing Arts, um seinen Hals ein Schild mit der Aufschrift: "Demolish Lincoln Center!" Kunst sollte in der Öffentlichkeit stattfinden, nicht hinter verschlossenen Museumstüren.

Tyler Hubbys Dokumentation ist gut recherchiert. Sie zeigt die Anfänge Conrads als Mathematikstudent in Harvard, seine Zeit als Klang- und Videokünstler in New York, seine Jahre als Universitätsprofessor und Aktivist und seine späten Erfolge als Musiker. Der Dokumentarfilmer geht dabei genau auf die einzelnen Werke des Künstlers ein. Bewunderer wie Philippe Vergne vom Museum of Contemporary Art in Los Angeles oder der Musiker Moby melden sich zu Wort.

Kurz vor Fertigstellung des Films, im Jahr 2016, ist Tony Conrad verstorben. Hubby hat Conrad mehr als 22 Jahre lang begleitet. Herausgekommen ist das Porträt eines Tausendsassas der Kunst, der mit Konventionen brach, um seinen ganz eigenen Weg zu gehen.

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